Corso / Archiv /

 

Übellaunige Rocklegende zeigt eigene Fotos

Rocklegende Lou Reed präsentiert Ausstellung "Rimes - Rhymes"

Von Klaus Walter

Die New Yorker Rockikone Lou Reed bei einer Ausstellung in Frankfurt am Main. In seinen Händen hält er eine Digitalkamera eines Besuchers. (picture-alliance / dpa /  Nicolas Armer)
Die New Yorker Rockikone Lou Reed bei einer Ausstellung in Frankfurt am Main. In seinen Händen hält er eine Digitalkamera eines Besuchers. (picture-alliance / dpa / Nicolas Armer)

Mit der Ausstellung in Frankfurt zeigt Lou Reed Fotos, die vor allem wegen ihm als Fotografen interessant sind. Im Interview - unter Journalisten gilt es als Königsdisziplin, sich einmal im Leben von ihm erniedrigen zu lassen - nennt er das Prinzip seiner Motivwahl: alles, was interessant ist.

"Hallo Mr. Reed, schön Sie zu treffen." Keine Reaktion. Also, wie anfangen mit dem Gespräch? Ob er unter Sandy zu leiden hatte, dem Sturm, der seine Heimatstadt New York erschüttert hat? Das könnte ein Einstieg sein.
Lou Reed verzieht das Gesicht, die Augen nur Schlitze hinter der runden Nickelbrille:

"Oh please, gimme a break."

Einstieg missglückt. "Haben Sie denn keine Fotos von dem Sturm gemacht?" Pause. Genervter Blick:

"I did.”"

Na, immerhin hat er Fotos gemacht. Welche Fotos? Pause. Genervter Blick:

""Of Sandy."

Aha, Fotos von Sandy. Man solle besser nicht gleich über Musik reden, sondern über die Fotos, hatte die Managerin geraten. Ist Lou Reed als Fotograf ein Autor, so wie er als Songwriter Autor ist?

"I never thought of that.”"

Gut, darüber hat er nie nachgedacht, aber vielleicht könnte er seine Arbeitsweise als Fotograf beschreiben?""Not really.”"

Auch das nicht. Und wie findet Lou Reed die Motive für seine Fotos?

"Anything interesting.”"

Er fotografiert alles, was interessant ist. Hm, interessant. Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Songwriting und Fotografieren?

""I haven't a clue."

Er hat keine Ahnung, na gut. Es gibt also keine Beziehung zwischen Ihrer Arbeit als Musiker und der als Fotograf, Mister Reed?

"No.”"

So geht das immer weiter, das Gespräch ist, nun ja, einsilbig. Bis ich Lou Reed von einer Ausstellung zu Ehren von Jack Smith erzähle. Der New Yorker Avantgarde-Filmer Jack Smith, Freund und Inspirator von Andy Warhol wird in Frankfurt mit einem Festival gewürdigt. Smith gilt als Pionier des sogenannten Queer Cinema, er zeigt schon in den frühen Sechziger Jahren freizügige Bilder von Sexualitäten jenseits der Hetero-Norm. Und löst damit Skandale aus. Bei Lou Reed löst der Name Jack Smith einen Euphorieschub aus. Und einen Redeschwall.

""And now here he is in a gallery in Frankfurt, amazing.”"

Erstaunlich findet er das: Jack Smith in einem Museum in Frankfurt. Also bleiben wir bei der queeren Sexualität, schließlich war es Lou Reed, der solche Themen in die Popmusik eingeführt hat, oder, mit den Worten des Kritikers Lester Bangs:

"Lou Reed ist der Typ, der Heroin, Speed, Homosexualität, Sadomasochismus, Mord, Frauenhass und Selbstmord mit Würde und Poesie und Rock'n'Roll versehen hat."

Und Lou Reed ist der Typ, der Antony entdeckt hat. Der Sänger mit der Engelsstimme ist ebenfalls Fan von Jack Smith und einer der großen Protagonisten des sexuell andersdenkenden Pop des 21. Jahrhunderts. Also verbinden wir Antony und Fotografie mit einem Zitat:

Klaus Walter: ""We live together in a photograph of time.”"
Lou Reed: ""Who said that?”"
Klaus Walter: ""You know him.”"
Lou Reed: ""Who?”"

Bei Antony gerät Lou Reed ins Schwärmen, beinahe hätte er gelächelt.

""He's an amazing singer.”"

Ja, Antony ist ein erstaunlicher Sänger und er singt auch Songs von Lou Reed. Was empfinden sie, wenn Antony ihre Lieder singt, mit dieser femininen Stimme, die so ganz anders ist als ihre? Ist das so eine Art musikalisches Crossdressing, also ein Mann in Frauenkleidern?

""What? No!”"

Oh nein, nicht im Entferntesten. Komisch, Lou Reed, der "Transformer", der Pionier der abweichenden Sexualität, er reagiert pikiert wie manch ein Zwölfjähriger auf die Frage, ob er schwul sei. Haben Sie sich eigentlich nie als queeren Künstler verstanden?

""As a queer Artist? You want the interview to end now.”"

Nein, ich möchte nicht, dass das Interview abgebrochen wird. Dann sollte ich doch nicht mehr solche Fragen stellen, sagt Mr.Reed. Sonst...

""Don't ask me questions like that or next time I'll hit you.”"

... sonst würde er mich schlagen. Hm, der Mann ist siebzig Jahre alt, gebrechlich, ich könnte sein Sohn sein, bin einen Kopf größer und 40 Pfund schwerer und er droht mir Prügel an.

""You either stick to this or fuck yourself."

Mit diesem "Fuck Yourself” ist das Interview beendet. Es folgen weitere freundliche Worte von beiden Seiten, aber da ist das Aufnahmegerät schon ausgeschaltet.

Ausstellungsinfos:
Die Ausstellung "Rimes - Rhymes" reist weiter:
+ Stuttgart: 6.-7.11.
+ Basel: 8. -10.11.
+ Paris: 12.11.
+ und später Madrid.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Corso

RickebrothersVon Webserien mit TubeHeads

Die Macher der TubeHeads, Axel und Henning Ricke (Marietta Schwarz  )

Seit zwei Wochen ist auch ein Projekt der Brüder Axel und Henning Ricke aus Köln, der sogenannten Rickebrothers, auf Youtube zu sehen. Sehr schnell, sehr skurril, irgendwo zwischen Muppetshow und Spitting Image, wollen sie ihre TubeHeads positionieren - mit Erfolg. Im Corso-Gespräch erzählen sie von ihrem Sketchformat mit den selbst gebauten Papp- und Schaumstoffpuppen.

Die Retrofuturisten in Dortmund Wal mit Spezialkräften

LoneLady aus ManchesterUnruhe als Antrieb

Julie Ann Campbell alias LoneLady aus Manchester. (ALAIN JOCARD / AFP)

Die Musik von Julie Ann Campbell alias LoneLady aus Manchester lebt von den Gegensätzen. Sie will Musik dekonstruieren wie früher Industrial-Bands wie Throbbing Gristle - um am Ende doch wieder eine Harmonie zu finden. Ihr neuer Dekonstruktions-Harmonie-Entwurf heißt "Hinterland".

Hip-Hop von Young FathersWieder Preisverdächtig

Das Hip-Hop-Trio Young Fathers aus Edinburgh wurde im vergangenen Jahr mit einem der renommiertesten Musikpreise der Welt - dem Mercury Prize - für ihr Album "Dead" ausgezeichnet. Und auch auf ihrem neuen Album "White Men Are Black Men Too" drehen und dehnen sie den Hip-Hop wieder preisverdächtig in alle möglichen Richtungen.

Corsogespräch Mit Härte gegen den Pop

In den 90ern zählten The Prodigy zu den Pionieren der britischen Electronica-Szene und standen für laute, harte Beats, minimalistische Texte und eine lupenreine Punkrock-Attitüde. Ihr neues Album "The Day Is My Enemy" ist ein ungenierter Seitenhieb auf die Dance-Musik der Neuzeit - auf Superstar-DJs und Live-Sets aus der Konserve. Eine Entwicklung, für die Mastermind Liam Howlett kein Verständnis hat.

Max-Ophüls-Vortrag auf CD Alte Rede mit visionärer Kraft

Der deutsch-französische Regisseur Max Ophüls - aufgenommen im Jahr 1952. (dpa - Bildarchiv - Kurt Rohwedder)

Max Ophüls wirkte in Deutschland, Frankreich und sogar Hollywood. Doch der Theater- und Hörspiel-Regisseur wurde nicht freiwillig ein Wanderer zwischen den Welten. Die Nazis trieben ihn ins Exil. 1956 hielt er vor der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft einen Vortrag über den Film. Trotz ihres Alters ist die Rede beachtlich aktuell. Nun gibt es das Tondokument als Audio-CD.