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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturÜber die Fähigkeit zum Umdenken17.11.2008

Über die Fähigkeit zum Umdenken

Torsten Diedrich: Paulus – Das Trauma von Stalingrad, Schöningh Verlag

Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfreut sich das Spitzenpersonal der Wehrmacht noch immer eines anhaltenden Interesses der Historiker. Besonders interessant dürfte jedoch der Lebensweg des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus sein, Befehlshaber der 6. Armee in Stalingrad. Besonders seine Nachkriegsbiographie ist für einen hohen Angehörigen der Wehrmacht gänzlich untypisch, wie das Buch des Militärhistorikers Torsten Dietrich dokumentiert.

Von Wolfram Wette

Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)
Ein deutscher Panzer 1942 vor Stalingrad. (AP Archiv)

Was motiviert Historiker, sich mit den Lebensläufen von Angehörigen der nationalsozialistischen Militärelite auseinander zu setzen? Das Faszinosum dürfte primär die ungeheure Machtposition sein, welche diese Generäle seinerzeit innehatten. Waren sie doch Herren über Leben und Tod von Hunderttausenden von Soldaten.

Dies gilt in einer ganz spezifischen Weise für Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, den der Potsdamer Militärhistoriker Torsten Dietrich in einer ersten umfassenden, gut lesbaren und rundum überzeugenden Biographie vorstellt. Denn Paulus befehligte 1942/43 die 6. Armee im Kessel von Stalingrad. Die vernichtende Niederlage dieses Großverbandes, die häufig als "Untergang" verklärt wird, bleibt für immer mit dem Namen des Oberbefehlshabers Friedrich Paulus verbunden. Hatte es dieser doch in der Hand, in einer hoffnungslosen militärischen Lage seinem Gewissen zu folgen. Das hätte bedeutet, den erkennbar selbstmörderischen Befehlen Hitlers und seiner Gehilfen im Oberkommando der Wehrmacht nicht Folge zu leisten und statt dessen aus eigener Verantwortung mit seiner Armee einen Ausbruchsversuch aus dem Kessel zu wagen. Damit hätte er möglicherweise viele der ihm anvertrautet 260.000 Soldaten retten können.

General v. Seydlitz, der den Ausbruch verlangte, widerlegt die Behauptung, dass die militärische Erziehung ausschließlich auf blinden Befehlsgehorsam ausgerichtet war. Doch Paulus, der als ein grundanständiger, hochintelligenter, eher unpolitischer, bedächtiger, entscheidungsschwacher, aber auch enorm geltungsbedürftiger Offizier beschildert wird, erwies sich als vollständig unfähig zu einer befehlswidrigen Handlung. Da half es auch nichts, dass Hitler ihn als Belohnung für sein Durchhalten zum Feldmarschall beförderte. Biograph Diedrich beschreibt die Seelenlage des Offiziers:

"Der Glorienschein des höchsten militärischen Dienstgrades [...] traf einen völlig gebrochenen Mann, (der) weder Herr der Lage noch seines Willens (war), zerbrochen an seiner Befehlstreue wider bessere Einsicht und voller Schuldgefühle gegenüber seinen Soldaten." (S. 290)

Der Rest ist bekannt: Nach dem für die Deutschen desaströsen Ende der Schlacht von Stalingrad kamen die etwa 90.000 Überlebenden in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nur 5000 kehrten in die Heimat zurück. Die sowjetische Gewahrsamsmacht hofierte ihren ranghöchsten Gefangenen, indem sie ihm Privilegien gewährte und politisch um ihn warb. Im Zuge seiner quälenden Auseinandersetzung mit dem Komplex Stalingrad rang sich Paulus schließlich zu einer für ihn schwerwiegenden Entscheidung durch. Er schloss sich dem Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD) und dem Bund Deutscher Offiziere (BDO) an. In politischen Aufrufen an die Wehrmacht wandte er sich gegen Hitler, was ihm in Kreisen der meisten Wehrmachtoffiziere das Image eines Verräters eintrug.

1946 verschaffte die sowjetische Regierung ihrem ranghöchsten Gefangenen die Gelegenheit, als Zeuge vor dem Nürnberger Militärtribunal aufzutreten. Paulus Aussagen sind überaus bemerkenswert. Während sich andere Ex-Generäle längst die Legende von der "sauberen" Wehrmacht zu eigen gemacht hatten, demonstrierte Paulus sein Umdenken. Er bekannte mutig und selbstkritisch die deutsche Kriegsschuld gegenüber der Sowjetunion sowie auch seine persönliche Schuld. Er erklärte

"Zusammenfassen möchte ich sagen, die genannte Zielsetzung bedeutete die Eroberung zwecks Kolonisierung der russischen Gebiete unter deren Ausnutzung und Ausbeutung und mit deren Hilfsmittel der Krieg im Westen zu Ende geführt werden sollte, mit dem Ziele der endgültigen Aufrichtung der Herrschaft über Europa."

Auf sein persönliches Schuldkonto buchte Paulus zwei Vorgänge. Einmal die Tatsache, dass er sich an den Vorbereitungen zu diesem verbrecherischen Krieg beteiligt hatte. Zweitens meinte er damit seine Unfähigkeit zum Widerstand gegen Hitler, die in Stalingrad etwa 150.000 Menschen das Leben gekostet hatte - ungeachtet die Hunderttausende von Toten auf russischer Seite, die dem Historiker Diedrich merkwürdiger Weise nicht in den Blick kommen. Es ehrt den ehemaligen Generalfeldmarschall bis zum heutigen Tage, dass er die Schuld nicht auf andere abwälzte, wie es seine Kameraden taten, sondern dass er seine Mitverantwortung vor einer internationalen Öffentlichkeit übernahm und sich damit zugleich eindeutig vom NS-System distanzierte.

Nach seiner Aussage in Nürnberg wurde Paulus wieder in das Kriegsgefangenenlager in der Nähe von Moskau zurückgebracht. Dort erklärte er schon frühzeitig, dass er in die DDR und nicht in die Bundesrepublik repatriiert werden wollte. Denn er hatte inzwischen die Überzeugung gewonnen, dass er am Ehesten dort eine "Wiedergutmachung für Deutschland" würde leisten können. Gleichwohl ließ die Freilassung noch viele Jahre auf sich warten. Erst 1953 konnte Paulus heimkehren, das heißt, sich in der Stadt ansiedeln, welche die SED-Führung für ihn ausgesucht hatte: Dresden.

Wir erfahren, welche außergewöhnlichen Anstrengungen das SED-Regime unternahm, den ehemaligen Feldmarschall zu hofieren. Er erhielt eine Villa, einen Adjutanten, mehrere Bedienstete, ein Westauto und ein beachtliches Gehalt aus dem Etat der Kasernierten Volkspolizei (KVP). Diedrich vermutet, dass sich das Regime von dem hochrangigen Ex-Offizier einen Zugewinn an Legitimation erwartet habe. Ulbricht und Stoph hegten auch die Hoffnung, dass Paulus sich öffentlich gegen die westdeutsche Politik der Wiederbewaffnung aussprechen und sich für ein geeintes und friedliches Deutschland aussprechen würde. Das tat dieser denn auch, und folgte dabei durchaus einer eigenen Überzeugung.

Völlig zu Recht hebt Diedrich abschließend hervor, dass die überwältigende Mehrheit der Wehrmacht-Generäle Hitler bis zum Schluss diente. Insoweit befand sich Paulus in guter genauer gesagt: schlechter - Gesellschaft. Was ihn von den Anderen unterschied, war seine Fähigkeit zur Einsicht, zum Umdenken. Seine politischen Fähigkeiten blieben begrenzt. Der nationalkonservative Patriot geriet gleich zweimal in Diktaturen, deren Innerstes er - so das Urteil seines Biographen - nicht zu durchschauen vermochte.

Torsten Diedrich: Paulus – Das Trauma von Stalingrad. Eine
Biographie. Veröffentlicht im Schöningh Verlag, 579 Seiten für 39 Euro 90.

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