• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:35 Uhr @mediasres
StartseiteEssay und DiskursDu bist das Produkt22.10.2017

Über Facebook (1/2)Du bist das Produkt

"Ich habe Angst vor Facebook", schreibt John Lanchester in einem Essay, der sich einigen Neuerscheinungen zur digitalen Gesellschaft widmet. Im großen Rückblick versucht der Essay, dem Phänomen Facebook auf die Spur zu kommen.

Von John Lanchester

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Innovation Hub in Berlin. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Facebook-Chef Mark Zuckerberg im Innovation Hub in Berlin. (dpa / picture alliance / Kay Nietfeld)
Mehr zum Thema

Initiativen von Netzaktivisten Mit Aluhüten und Aufklärung gegen Verschwörungstheorien

Afro-Tech-Ausstellung in Dortmund Silicon Valley auf Afrikanisch

Facebook & Co. als Verlage? "Das Ende der sozialen Medien, wie wir sie kennen"

Soziale Netzwerke Liebe kann man nicht kaufen, Follower schon

EU-Digitalgipfel "Digitalisierung ist das heißeste Schlagwort zurzeit"

Initiative Zukunft öffentlich-rechtliche Medien Eine Lanze für ARD, ZDF und Deutschlandradio

Ende Juni 2017 verkündete Mark Zuckerberg, dass Facebook einen neuen Rekord zu verzeichnen hätte: Zwei Milliarden monatlich aktive Nutzer. Diese bevorzugte Metrik des Unternehmens, wenn es um die eigene Größe geht, bedeutet, dass zwei Milliarden verschiedene Menschen im vergangenen Monat Facebook genutzt haben. Es ist schwer zu erfassen, wie außergewöhnlich das ist.

Man darf nicht vergessen, dass thefacebook - so der ursprüngliche Name - 2004 ausschließlich für Harvard-Studenten eingeführt wurde. Kein menschliches Unterfangen, keine neue Technologie, kein Dienstprogramm oder Service ist je so umfassend und so schnell angenommen worden. Die Geschwindigkeit dieses Siegeszuges übertrifft bei weitem die des Internets selbst, von alten Technologien wie TV, Kino oder Radio ganz zu schweigen.

Der britische Schriftsteller und Journalist John Lanchester in London (Imago)Der britische Schriftstellerund Journalist John Lanchester in London (Imago)

Nummer eins Facebook, Nummer zwei YouTube

Ebenfalls erstaunlich: In dem Maße, indem Facebook sich vergrößert, wächst auch die Abhängigkeit der User von der Plattform. Die steigenden Nutzerzahlen gehen nicht, wie man hätte erwarten können, mit geringerem Engagement einher. Mehr heißt nicht schlechter, zumindest nicht (schlechter) aus Sicht von Facebook. Im Gegenteil. In den weit zurückliegenden Tagen des Oktobers 2012, als Facebook auf eine Milliarde User kam, nutzten es 55 Prozent von ihnen täglich. Nun, mit zwei Milliarden Usern, sind es 66 Prozent. Seine Nutzerbasis nimmt jährlich um 18 Prozent zu - was man bei einem sowieso schon so riesigen Unternehmen für unmöglich gehalten hätte. Facebooks größter Konkurrent für angemeldete Benutzer ist YouTube, das seinem Erzfeind Alphabet - dem Unternehmen formerly known as Google - gehört und mit 1,5 Milliarden monatlichen Nutzern auf dem zweiten Platz steht. Drei der vier nächstgrößten Apps oder Dienstleister oder wie immer man sie nennen mag, sind WhatsApp, Messenger (mit jeweils 1,2 Milliarden) und Instagram (mit 700 Millionen Nutzern). Die chinesische App WeChat wäre die vierte, mit 889 Millionen Usern.

Diese drei Dienste haben eines gemeinsam: Sie alle gehören Facebook. Kein Wunder, dass das Unternehmen das fünft-wertvollste der Welt ist, mit einem Börsenwert von 445 Milliarden Dollar.

Vernetzung wird als Selbstzweck präsentiert

Zuckerbergs Neuigkeiten zu Facebooks Größe kamen zeitgleich mit einer Ankündigung, die sich als bedeutsam erweisen könnte - oder auch nicht. Er sagte, dass das Unternehmen sein "mission statement", also sein Leitbild ändern würde, seine Version der scheinheiligen Frömmigkeit, die die amerikanische Geschäftswelt, das "corporate America", so liebt. Facebooks Mission war es einst, die "Welt offener und vernetzter zu gestalten". Ein Nicht-Facebooker, der dies liest, würde vermutlich fragen: Warum? Vernetzung wird als Selbstzweck präsentiert, als eine natürlich und automatisch gute Sache. Aber ist dem wirklich so?

Flaubert stand der Eisenbahn sehr skeptisch gegenüber, er war der Meinung, dass "die Eisenbahn nur noch mehr Leuten gestatten würde, herumzufahren, sich zu treffen und zusammen dumm zu sein." Man muss nicht Flauberts Misanthropie teilen, um sich zu fragen, ob nicht Ähnliches für das Vernetzen und Zusammentreffen von Menschen auf Facebook gilt. So herrscht beispielsweise allgemeine Einigkeit darüber, dass Facebook eine große, vielleicht sogar eine zentrale Rolle in der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten gespielt hat. Der Nutzen für die Menschheit wird nicht deutlich. Dieser Gedanke oder jedenfalls ein ähnlicher scheint auch Zuckerberg in den Sinn gekommen zu sein, denn das neue Leitbild benennt einen Grund für all diese Vernetzung. Es sagt, dass es die neue Mission sei, "den Menschen die Macht zu geben, eine Gemeinschaft zu schaffen und die Welt näher zusammen zu bringen."

Böse Branchen

Naja. Alphabets, also Ex-Googles, Motto "die Informationen der Welt zu organisieren und für alle jederzeit zugänglich und nutzbar zu machen" wurde von der Maxime "Don’t be evil - Sei nicht böse" begleitet, die viel Hohn und Spott nach sich zog. Steve Jobs bezeichnete sie als "Bullshit". Das mag sein, aber sie ist nicht nur "Bullshit". Viele Unternehmen, ja ganze Branchen, gründen ihr Geschäftsmodell darauf, "böse zu sein". So zum Beispiel das Versicherungswesen, welches davon abhängig ist, dass die Versicherer den Kunden mehr in Rechnung stellen als ihre Versicherung wert ist - dagegen ist an sich auch nichts einzuwenden, denn würden sie dies nicht tun, wären sie keine existenzfähigen Unternehmen. Wogegen jedoch sehr wohl etwas einzuwenden wäre, ist die Palette zynischer Methoden, derer sich viele Versicherer bedienen, um möglichst zu verhindern, dass sie zahlen müssen, wenn es denn zum Schadensfall kommt. Man muss nur jemanden fragen, dessen Besitz betroffen war.

Es hat also seinen Sinn "Sei nicht böse" zu sagen, denn viele Unternehmen sind es. Vor allem in der Welt des Internets ist das ein Thema. Internetfirmen arbeiten auf einem Gebiet, das von Kunden und Aufsichtsbehörden - wenn überhaupt - kaum begriffen wird. Das, womit sie sich beschäftigen - wenn sie denn etwas von ihrem Geschäft verstehen - ist per Definition neu. In diesem Überlappungsbereich von Novität, Ignoranz und Mangel an Regulierung lohnt es sich durchaus, die Mitarbeiter dazu aufzurufen, nicht böse zu sein, denn sollte das Unternehmen Erfolg haben und wachsen, werden sich viele Gelegenheiten zum Bösesein bieten.

Ethische Probleme und Unklarheiten

Google und Facebook sind diesen schmalen Grat von Anfang an gegangen. Wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise. Ein Internet‑Unternehmer aus meinem Bekanntenkreis hatte mit beiden Unternehmen zu tun. Er sagte mir:

"YouTube weiß genau, dass es einigen Dreck am Stecken hat, und so ist man dort bestrebt, Gutes zu tun, um das auszugleichen."

Ich fragte ihn, was er mit "Dreck" meine. 

"Terroristische und extremistische Inhalte, gestohlene Inhalte, Urheberrechtsverletzungen. Solche Sachen. Aber meiner Erfahrung nach weiß Google um diese Ambiguität, um die moralischen Bedenken in Bezug auf einige ihrer Machenschaften. Und wenigstens versuchen sie, sich damit auseinanderzusetzen. Den Leuten von Facebook ist das völlig egal. Wenn man mit ihnen in einem Raum ist, merkt man das sofort. Sie sind - schmierig."

Das mag hart klingen. Ethische Probleme und Unklarheiten verbinden sich mit Facebook allerdings schon seit dem Tag seiner Schöpfung. Eine Tatsache, die uns bekannt ist, da sein Gründer zu diesem Zeitpunkt live bloggte. Man kennt die Szene aus "The Social Network", Aaron Sorkins Film über die Entstehungsgeschichte von Facebook. In seinem ersten Jahr in Harvard litt Zuckerberg unter Liebeskummer, er hatte einen Korb bekommen.

Wer würde darauf nicht mit der Erschaffung einer Website reagieren, die Fotos von Studierenden nebeneinander stellt, damit die User der Seite darüber abstimmen können, wen sie am attraktivsten finden. Der Film lässt es so aussehen, als wären es nur weibliche Studenten gewesen, tatsächlich waren es auch männliche. Die Seite hieß FaceMash. In den damaligen Worten des großen Meisters:

"Um die Wahrheit zu sagen, ich bin gerade ein bisschen berauscht. Ja, es ist noch nicht mal 10 Uhr an einem Dienstagabend. Na und? Auf meinem Desktop ist das facebook, das Studentenjahrgangsbuch des Kirkland‑Wohnheims, geöffnet und einige dieser Leute haben ziemlich furchtbare Fotos von sich da drin. Am liebsten würde ich ein paar dieser Gesichter neben Bilder von Bauernhoftieren setzen und die Leute abstimmen lassen, wer besser aussieht. Möge das Hacken beginnen!"

Wie Tim Wu in seinem spannenden und originellen neuen Buch "The Attention Merchants" - die Aufmerksamkeitshändler - erklärt, bezog sich das Wort "facebook", so wie Zuckerberg es hier benutzt:

"... ursprünglich (…) auf ein tatsächliches Buch, eine Art Broschüre, die an amerikanischen Universitäten gedruckt wird, um einen ähnlichen gemeinschaftsfördernden Effekt zu erreichen wie die 'Hallo, mein Name ist… - Aufkleber', die bei Veranstaltungen verteilt werden. Die Seiten zeigen Reihe um Reihe Porträt-Fotos mit den Namen der Studierenden."

Harvard arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon an einer elektronischen Version seiner Studentenwohnheim-Porträt-Bücher. Das führende soziale Netzwerk, "Friendster", hatte bereits drei Millionen Nutzer. Die Idee, beides zu kombinieren, war nicht wirklich neu, aber, wie Zuckerberg es damals formulierte:

"Ich finde es ziemlich albern, dass die Universität mehrere Jahre braucht, um das hinzukriegen. Ich kann es besser machen - und ich schaffe es in einer Woche."

Wu argumentiert, dass Erregen und Weiterverkauf von Aufmerksamkeit das grundlegende Geschäftsmodell einer großen Zahl moderner Unternehmen gewesen sind, angefangen mit Plakaten im Paris des späten 19. Jahrhunderts, über die Erfindung des Massenvertriebs von Zeitungen, die ihr Geld nicht über die Auflage, sondern mit dem Verkauf von Anzeigen machten, bis hin zur heutigen Werbebranche und anzeigenfinanziertem Fernsehen.

Facebook steht in einer langen Tradition vieler solcher Unternehmen, es mag jedoch das lupenreinste Beispiel einer Firma sein, deren Geschäft das Einfangen und Verkaufen von Aufmerksamkeit sind. Für seine Schöpfung war nur wenig neues Denken erforderlich. Wie Wu feststellt, ist Facebook:

"Ein Unternehmen, das mit einem Minimum an Innovation ein Maximum an Erfolg erzielt hat."

Wenn Zuckerberg auch wenig Originalität besaß, lag seine Fähigkeit doch darin, Dinge in die Tat umzusetzen und die wichtigen Themen und Zusammenhänge klar zu erkennen. Das Entscheidende bei Internet‑Start‑ups ist das Vermögen, Pläne zu realisieren und sich verändernden Gegebenheiten anpassen zu können. Es sind Zucks Fertigkeiten, was diese Dinge angeht - talentierte Ingenieure einzustellen und die "Big-Picture Trends" in seinem Sektor zu steuern -, die das Unternehmen zu dem gemacht haben, was es heute ist. Die zwei großen Schwesterunternehmen unter Facebooks enormen Fittichen, Instagram und WhatsApp, wurden für eine Milliarde beziehungsweise 19 Milliarden Dollar gekauft, zu einem Zeitpunkt, als sie keinerlei Einkünfte hatten. Kein Banker, kein Analyst oder Wirtschaftsweiser hätte Zuckerberg sagen können, was diese Übernahmen wert waren, es gab niemanden, der es besser wusste als er. Er hatte ein Gespür dafür, in welche Richtung sich die Dinge entwickelten und er konnte diese Entwicklungen voranbringen. Es sollte sich herausstellen, dass diese Gabe einige hundert Milliarden Dollar wert war.

Das brillante Porträt von Zuckerberg, das der Schauspieler Jesse Eisenberg in "The Social Network" gibt, ist irreführend, sagt der ehemalige Facebook-Manager Antonio García Martínez. In seinem unterhaltsam‑sarkastischem Buch "Chaos Monkeys" berichtet er über seine Zeit bei dem Unternehmen. Der Film-Zuckerberg ist ein sehr glaubwürdiger Charakter, ein Computergenie, irgendwo im Autismusspektrum verortet, mit minimaler bis nicht vorhandener sozialer Kompetenz. Aber das ist nicht der echte Zuckerberg.

Psychologie und Informatik - Hand in Hand

Im wahren Leben studierte er auf einen Doppelabschluss hin: Seine Fächer waren Informatik und - dieser Teil wird gerne vergessen - Psychologie. Leute, die im Spektrum sind, haben eine eingeschränkte Wahrnehmung in Bezug auf die mentalen und emotionalen Zustände anderer Menschen. Autisten, so wird gesagt, fehle eine "Theorie des Geistes". Bei Zuckerberg ist das nicht der Fall. Ihm ist sehr wohl bewusst, wie der menschliche Geist funktioniert, insbesondere, was die sozialen Dynamiken von Beliebtheit und Status angeht.

Facebook war bei seiner Einführung Inhabern einer Harvard‑E-Mail‑Adresse vorbehalten; damit wollte man den Zugang zur Seite exklusiv und erstrebenswert erscheinen lassen - und darüber hinaus den Webseitenverkehr kontrollieren, um Serverausfälle zu vermeiden. Psychologie und Informatik, Hand in Hand.

Dann wurde das Angebot auf andere US-Elite-Unis ausgeweitet. Als es in Großbritannien an den Start ging, war Facebook auf Oxbridge und die London School of Economics beschränkt. Die Idee war, dass die Leute einen Blick auf den Alltag von anderen werfen wollen, von anderen, die so sind wie sie. So, dass sie deren soziale Netzwerke sehen, vergleichen, prahlen und angeben und jedem Augenblick von Sehnsucht und Neid freien Lauf lassen. Dass sie sich die Nasen an den Schaufenstern der Leben der Anderen platt drücken.

Mimetisches Begehren

Dieser Fokus zog die Aufmerksamkeit des ersten externen Facebook‑Investors auf sich, des heute berühmt-berüchtigten Silicon-Valley-Milliardärs Peter Thiel. Und wieder liegt der Film "The Social Network" richtig: Thiels 500.000 Dollar‑Investition von 2004 war entscheidend für den Erfolg des Unternehmens.

Aber Facebook war Thiel aus einem ganz bestimmten Grund aufgefallen, der in einen Seitenweg der Geistesgeschichte führt. Während seines Studiums in Stanford - sein Hauptfach war Philosophie - entwickelte Thiel ein Interesse für die Ideen des in den USA lebenden Philosophen René Girard, die er in seinem einflussreichsten Buch "Des choses cachées depuis la fondation du monde - Dinge, die seit Anbeginn/Erschaffung der Welt verborgen sind" dargelegt hatte. Girards wichtigste Erkenntnis betraf etwas, das er "mimetisches Begehren" nannte. Menschliche Wesen kommen mit einem Bedürfnis nach Nahrung und Behausung auf die Welt. Sind diese Grundbedürfnisse des Lebens befriedigt, schauen wir uns um, wir sehen, was die anderen Menschen tun und begehren und wir ahmen sie nach. Wie Thiel es zusammenfasst, geht es um die Vorstellung, dass "Imitation der Ursprung allen Verhaltens ist".

Girard war ein Christ und seine Auffassung der menschlichen Natur war vom Sündenfall geprägt. Wir wissen nicht, was wir wollen oder wer wir sind; wir besitzen im Prinzip keine eigenen Werte und Überzeugungen; was wir stattdessen haben, ist der Instinkt zu kopieren und zu vergleichen. Wir sind "homo mimeticus".

"Der Mensch ist ein Geschöpf, das nicht weiß, was es begehren soll, deshalb hält es sich an die anderen, um sich zu entscheiden. Wir begehren, was die anderen begehren, weil wir ihre Begierden nachahmen."

Roter Faden des Bösartigen

"Look around, ye petty, and compare" - Seht euch um, ihr Kleingeister, und vergleicht!" Thiel klinkte sich mit solchem Eifer bei Facebook ein, weil er hier zum ersten Mal ein Unternehmen sah, das bis ins Mark "girardesk" war: Es gründete auf dem tiefen Bedürfnis der Menschen zu imitieren. Thiel sagte:

"Facebook hat sich zu Beginn durch Mundpropaganda verbreitet und bei Facebook geht es um Mundpropaganda. Es ist also in doppelter Hinsicht mimetisch. Die Sozialen Medien haben sich als bedeutender herausgestellt als es (zunächst) den Anschein hatte, denn ihr Metier sind unsere Veranlagungen, ist unsere Natur."

Wir sind erpicht darauf, so gesehen zu werden, wie wir gesehen werden wollen und in dieser Hinsicht ist Facebook das beliebteste Werkzeug, das der Menschheit je zur Verfügung stand.

Die Sichtweise der menschlichen Natur ist nach dieser Auffassung ziemlich düster. Wenn die Leute nichts weiter wollen als auf andere Leute zu schauen, um sich mit ihnen zu vergleichen und um nachzuahmen, was ihnen gefällt - wenn das die endgültige, tiefste Wahrheit in Bezug auf die Menschheit und ihre Motivation sein soll, dann muss sich Facebook wirklich nicht zu sehr um das Wohlergehen der Menschheit bemühen, weil wir uns all das Schlechte, das uns widerfährt, selbst antun.

Trotz seines erhebenden Motto ist Facebook ein Unternehmen, dessen grundsätzliche Prämisse misanthropisch ist. Das mag der Grund dafür sein, dass Facebooks Geschichte - mehr als die jedes anderen Unternehmens dieser Größe - ein roter Faden des Bösartigen durchzieht. Dessen öffentlich-spektakuläre Seite zeigte sich in Form von Vorfällen wie dem Live-Streamen von Vergewaltigungen, Selbstmorden, Morden, Polizistenmorden.

Das Verständnis vom "Wir" wird immer enger

Allerdings sind das Beispiele, an denen mir Facebook vergleichsweise schuldlos zu sein scheint. Die Leute live-streamen diese entsetzlichen Dinge über die Seite, weil sie dort das größte Publikum erreichen können; wären Snapchat oder Periscope größere Plattformen als Facebook, würden sie es stattdessen dort tun.

Was viele andere Bereiche angeht, ist die Seite allerdings nicht ganz so unschuldig. Die in jüngster Zeit in der Öffentlichkeit am stärksten wahrgenommene Kritik an dem Unternehmen hat mit seiner Rolle bei Trumps Wahl zum Präsidenten zu tun. Das umfasst zwei Komponenten: Eine von ihnen liegt im Wesen der Website, die eine ihr innewohnende Tendenz dazu hat, ihre Nutzer zu fragmentieren und in gleichgesinnte Gruppen aufzusplittern. Die Mission, sich "zu vernetzen", so stellt sich heraus, bedeutet in der Praxis also vor allem, sich mit den Leuten zu vernetzen, die deiner Meinung sind. Wir können nicht beweisen, wie gefährlich diese "Filterblasen" für unsere Gesellschaften sind, aber es ist klar, dass sie gravierende Auswirkungen auf unser zunehmend zersplittertes Gemeinwesen haben. Unser Verständnis vom "Wir" wird immer enger.

Diese Fragmentierung hat die Voraussetzungen für den zweiten Aspekt von Facebooks Mitschuld an den anglo-amerikanischen Politik-Desastern des letzten Jahres geschaffen. Die Kofferworte für diese Entwicklungen lauten: "Fake News" und "Post-Wahrheit" und ihr Entstehen wurde möglich durch den Rückzug aus einer globalen Agora der öffentlichen Debatte in einzelne ideologische Bunker. In der Öffentlichkeit können "Fake news" diskutiert und aufgedeckt werden; auf Facebook bekommt man gar nicht mit, dass  Lügen im Umlauf sind, wenn man nicht gerade Mitglied einer Gruppe ist, in der sie zirkulieren.

Facebooks Kunden sind nicht die User

Dabei ist maßgeblich, dass Facebook keinen finanziellen Vorteil davon hat, die Wahrheit zu sagen. Kein Unternehmen ist besser geeignet, diese essentielle Weisheit des Internetzeitalters zu veranschaulichen: Wenn es nichts kostet, bist du das Produkt. Facebooks Kunden sind nicht die User, die die Plattform benutzen: Facebooks Kunden sind die Werbetreibenden, die von der Fähigkeit des Netzwerks profitieren, Anzeigen an empfängliche Zielgruppen zu richten. Warum sollte es Facebook kümmern, wenn die Nachrichten, die über seine Seite verbreitet werden, nicht der Wahrheit entsprechen, wenn sie "fake" sind.

Sein Interesse gilt dem "Targeting", nicht den Inhalten. Dies ist vermutlich einer der Gründe für die Änderung des Firmenmottos. Wenn dein Interesse ausschließlich im Vernetzen von Menschen liegt, warum sollte man sich dann Gedanken um Unwahrheiten machen? Sie haben sogar einen Vorteil gegenüber der Wahrheit, da es über sie schneller möglich ist, Gleichgesinnte zu identifizieren. Der neuentdeckte Ehrgeiz, "Gemeinschaften zu schaffen", lässt es so aussehen, als würde das Unternehmen sich mehr für die Konsequenzen der von ihm geförderten Verbindungen interessieren.

Facebook hat bestätigt, dass die Verbreitung von "fake news" nicht die einzige Methode war, mit der die Plattform benutzt wurde, um den Ausgang der Präsidentschaftswahl 2016 zu beeinflussen. Am 6. Januar 2017 veröffentlichte der Direktor der Nationalen Nachrichtendienste einen Bericht, nach dem die Russen eine Internet-Desinformationskampagne orchestriert hätten, um Hilary Clinton zu schaden und Trump zu helfen.

"Die Moskauer Einflussversuche folgten einer russischen Kommunikationsstrategie, die verdeckte geheimdienstliche Operationen - wie zum Beispiel Cyber-Aktivitäten - mit offenkundigen Bemühungen russischer Behörden, staatlich finanzierter Medien, Drittparteien und bezahlten Social‑Media-Nutzern oder 'Trollen' mischte."

So der Bericht. Ende April hat Facebook diese (zu diesem Zeitpunkt) recht offensichtliche Tatsache erstmals eingeräumt, in einem interessanten, "Whitepaper" genannten Analysepapier, das von seiner Sicherheitsabteilung herausgebracht wurde. Der Sammelbegriff "Fake news", heißt es da, sei nicht besonders hilfreich, da sich Falschinformationen tatsächlich auf vielfältige Weise verbreiten, so zum Bespiel durch:

  • Informations- oder Einfluss-Operationen: Aktionen von Regierungen oder organisierten nicht-staatlichen Akteuren, um die inländische oder ausländische politische Stimmung zu verfälschen.
  • Falschmeldungen: Nachrichtenmeldungen, die vorgeben, auf Tatsachen zu beruhen, aber vorsätzlich falsche Angaben enthalten mit dem Ziel, die Stimmung aufzuheizen, ein Publikum anzulocken und irrezuführen.
  • Falsche Verstärker: koordinierte Aktivitäten von gefälschten Konten, die darauf abzielen, den öffentlichen Diskurs zu manipulieren, zum Beispiel indem bestimmte Gruppen davon abgehalten werden sollen, sich an der Diskussion zu beteiligen oder der Einfluss sensationalistischer Berichterstattung verstärkt wird.
  • Desinformation: Fehlinformationen oder manipulierte Inhalte, die absichtlich verbreitet werden. Dies kann Falschmeldungen beinhalten, es werden aber auch subtilere Methoden angewandt, wie Operationen unter falscher Flagge, das Füttern unwissender Mittelsmänner mit inakkuraten Zitaten und Stories oder die wissentliche Verbreitung tendenziöser oder irreführender Informationen.

Der Konzern verspricht dieses Problem oder diesen Problemkomplex so ernst zu nehmen, wie er das bei anderen Problemen wie Schadsoftware, gehackten Accounts und Spam tut. Man wird sehen.

Lügen ja, Brüste nein

Des Einen "Fake news" sind des Anderen Wahrheit; und Facebook gibt sich große Mühe, sich der Verantwortung für den Inhalt seiner Website zu entziehen - außer was sexuelle Inhalte angeht, da ist man sehr streng. Nicht ein Nippel in Sicht. Das ist eine bizarre Prioritätensetzung, die nur in einem amerikanischen Kontext Sinn macht, wo schon der Hauch expliziter Darstellung von Sexualität der Website sofort einen anrüchigen Ruf geben würde.

Fotos von stillenden Frauen sind verboten und werden schnell von der Seite genommen. Lügen und Propaganda sind in Ordnung.

Um das verstehen zu können, muss man sich verdeutlichen, was Werbetreibende wollen: Sie wollen nicht, dass ihre Anzeigen neben Bildern von Brüsten erscheinen, da das ihren Marken schaden könnte, aber es stört sie nicht, wenn sie neben Lügen stehen, denn die Lügen könnten ihnen dabei helfen, bestimmte Zielgruppen zu finden.

In "Move Fast and Break Things", seiner Streitschrift gegen die "Raubritter des Digitalzeitalters", verweist Jonathan Taplin auf eine Studie des amerikanischen Medienportals Buzzfeed:

"In den letzten drei Monaten des US-Wahlkampfes  haben die in diesem Zusammenhang erfolgreichsten Fake-News-Stories auf Facebook mehr Interaktion erzeugt als die Top Stories der großen Nachrichtenorgane wie "New York Times", "Washington Post", "Huffington Post", "NBC News" und andere."

Dies scheint kein Problem zu sein, an dessen schneller Lösung Facebook sonderlich interessiert wäre. Tatsache ist, dass betrügerische und gestohlene Inhalte auf Facebook weit verbreitet sind und das Unternehmen sich nicht wirklich daran stört, weil es nicht in seinem Interesse ist, sich daran zu stören. Ein Großteil der Videoinhalte auf der Seite wurde den Leuten gestohlen, die sie geschaffen haben.

Ein aufschlussreiches YouTube-Video von "Kurzgesagt", einem deutschen Wissenskanal, der hochwertige kurze Erklärvideos veröffentlicht, weist darauf hin, dass im Jahr 2015 725 der 1.000 meistgesehenen Videos auf Facebook gestohlen waren. Dies ist ein weiterer Bereich, wo Facebooks Interessen denen der Gesellschaft entgegenstehen. Wir mögen ein gemeinschaftliches Interesse daran haben, kreative und einfallsreiche Arbeiten zu unterstützen und zu erhalten - in vielfältiger Form und auf vielen Plattformen.

Facebook hingegen hat das nicht. Es hat zwei Prioritäten, wie Martínez in "Chaos Monkeys" erklärt: Wachstum und Monetarisierung. Woher die Inhalte kommen, ist Facebook völlig egal. Erst jetzt beginnt es, sich darum zu kümmern, wie die Tatsache, dass seine Inhalte zu einem großen Teil betrügerischen Ursprungs sind, in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, denn wenn diese Wahrnehmung sich verstärken sollte, könnte sich das auf das Maß an Vertrauen und folglich an Zeit auswirken, das die Leute der Seite schenken.

Zuckerberg selbst hat sich hierzu zu Wort gemeldet - in einem Facebook‑Post, der sich mit dem Thema "Facebook und die Wahl" befasst. Nach einer Reihe von fürchterlichen Plattitüden à la: "Es ist unser Ziel, jedem eine Stimme zu geben. Wir glauben an die Menschen", kommt er zum Kern des Problems:

"Mehr als 99 Prozent von allem, was die Nutzer auf Facebook zu sehen bekommen, ist authentisch. Falschmeldungen und Hoaxes machen nur einen sehr geringen Anteil aus."

Mehrere Facebook-Nutzer wiesen daraufhin, dass Zuckerbergs Post über Authentizität in ihrem News-Feed direkt neben "Fake News" angezeigt wurde. In einem Fall gab die Falschmeldung vor, vom Sport-TV-Kanal ESPN zu stammen. Einmal angeklickt, leitete sie die User zu einer Werbeanzeige für  Nahrungsergänzungsmittel weiter. Wie der Autor Doc Searls feststellte, handelt es sich hier um einen doppelten Betrug und das ganze direkt neben dem Post des Facebook-Chefs, der damit prahlt, dass es (auf seiner Plattform) keinen Betrug gibt: "Offenkundige Lügen aus gefälschter Quelle".

Evan Williams, Mitbegründer von Twitter und Gründer des Publishing Start-Ups "Medium" fand eben jenen Post von Zuckerberg neben einer anderen gefälschten ESPN-Story und einer weiteren Falschmeldung, die vorgab, von CNN zu kommen und die verkündete, dass der Kongress Trump vom Amt ausgeschlossen habe. Klickte man auf den Link, stellte sich heraus, dass er zu einer Firma führte, die ein Zwölf-Wochen-Programm anbot, um die Zehen zu stärken. Sie haben richtig gehört: um die Zehen zu stärken. Immerhin, wir wissen jetzt, dass Zuck an die Menschen glaubt. Das ist ja die Hauptsache.

Der moralische Kompass fehlt

Ich habe Angst vor Facebook. Der Ehrgeiz des Unternehmens, seine Skrupellosigkeit und sein fehlender moralischer Kompass machen mir Angst. Das geht zurück bis zu jenem Moment der Schöpfung, als Zuckerberg nach ein paar Drinks vor seiner Tastatur saß und eine Webseite kreierte, die Menschen anhand ihres Aussehens verglich. Er hatte keinen wirklichen Grund, dies zu tun, er tat es, einfach, weil er dazu in Lage war. Das ist der springende Punkt bei Facebook, die entscheidende Wahrheit in Bezug auf seine Motivation, die Wahrheit, die nicht erkannt wird: Es tut Dinge, weil es sie tun kann.

Zuckerberg weiß, wie man etwas macht und andere wissen es nicht, also macht er es. Eine so geartete Motivation funktioniert nicht in der Hollywood-Version des realen Lebens, also musste Aaron Sorkin Zuck ein Motiv an die Hand geben, das mit gesellschaftlichen Bestrebungen und Zurückweisungen zu tun hatte. Aber das ist falsch, ganz und gar falsch.

Zuckerbergs Motivation hat nichts mit dieser Sorte von Feld-,Wald- und Wiesenpsychologie zu tun. Er tut es, weil er es tun kann und Rechtfertigungen à la "Verbundenheit" und "Gemeinschaft" sind nachträgliche Rationalisierungen. Sein Antrieb ist einfacher und grundlegender. Deshalb ist der Wachstumstrieb so wesentlich für den Konzern, der in vielerlei Hinsicht mehr mit einem Virus als einem Unternehmen gemein hat. Wachsen und Vervielfältigen und Profitieren. Weshalb? Es gibt kein Weshalb. (Nur ein) deshalb.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk