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Übernahme von Schlecker durch Investoren "kaum realistisch"

Wirtschaftswissenschaftler erwartet eine Zerschlagung der Drogeriekette

Jörg Funder im Gespräch mit Anne Raith

Bis auf 200 Filialen sei Schlecker in Deutschland wahrscheinlich nicht weiter betreibbar, sagt Funder.
Bis auf 200 Filialen sei Schlecker in Deutschland wahrscheinlich nicht weiter betreibbar, sagt Funder. (picture alliance / dpa / Caroline Seidel)

Die Entscheidung der größten Gläubiger von Schlecker wurde um eine weitere Woche vertagt. Bestehende Angebote von Investoren sollen nachgebessert werden. Trotzdem sei eine Investorenlösung kaum wahrscheinlich, so Jörg Funder. Der Mark werde seit der Insolvenz unter anderen aufgeteilt.

Anne Raith: Wann die Beratungen beginnen, wie lange sie dauern sollten, ob sie nach kurzer Zeit vertagt werden würden oder es zu einem Beschluss kommen würde – selten ist vor einem anberaumten Treffen so wenig klar gewesen wie gestern beim Gläubigerausschuss zu Schlecker. Was passieren wird, das weiß kein Mensch. Theoretisch ist und war immer alles möglich, hieß es vor dem Treffen aus dem Büro des Insolvenzverwalters. Und alles, das hieß gestern im konkreten Fall die Entscheidung über die Zukunft des Unternehmens wurde um eine Woche vertagt. Eine Woche also, in der die Zukunft der verbliebenen 13.500 Mitarbeiter weiterhin ungewiss bleibt. Es ist ungewiss, ob Schlecker fortgeführt oder zerschlagen wird. Was das bedeutet, das wollen wir in den kommenden Minuten mit Professor Jörg Funder besprechen, er lehrt Unternehmensführung an der Fachhochschule Worms. Guten Morgen!

Jörg Funder: Einen wunderschönen guten Morgen!

Raith: Herr Funder, was lesen Sie daraus, dass diese dringende Entscheidung jetzt um eine weitere Woche vertagt wurde?

Funder: Na ja, prinzipiell bedeutet das, dass man erst mal nach der richtigen Lösung sucht, sie im Moment noch nicht hat. Es bedeutet aber auch etwas anderes, nämlich Herr Geiwitz sagte, dass die bestehenden Angebote nachgebessert werden müssten, dass im Moment keines der beiden Angebote oder der Angebote, die auf dem Tisch liegen, ausreichend wäre, das Unternehmen zu erhalten.

Raith: Wir wissen ja jetzt auch, seit Ende dieser Woche und seit gestern dann konkret, dass sich unter den Interessenten der Karstadt-Eigner Nicolas Berggrün verbirgt. Ist das eine gute Nachricht, dass nun ein weiterer eingestiegen ist in den Poker um Schlecker?

Funder: Ja, es ist prinzipiell eine gute Nachricht, dass sich Leute dafür interessieren. Nach wie vor bin ich der Meinung wie zu Anbeginn des Insolvenzverfahrens, dass sich eine Investorenlösung kaum als wahrscheinlich bezeichnen lassen wird. Die Situation im deutschen Markt insbesondere ist schwierig. Wir haben große Platzhirsche, die sich den Markt jetzt nach der Insolvenz nahezu aufteilen, die einen weiten Vorsprung haben. Wir haben eine Standortsituation, die nicht tragbar ist, die nicht fortführbar ist. Und das dem Grund heraus wird eine Investorenlösung insbesondere für den deutschen Heimatmarkt, was für uns ja besonders traurig ist, kaum realistisch sein.

Raith: Und doch interessieren sich ja Investoren offensichtlich für Schlecker. Was könnte denn zum Beispiel Berggrün an Schlecker reizen?

Funder: Na ja. Herr Berggrün ist jemand, der wie ein normaler Investor agiert. Also auch sozusagen das, was man von ihm erwartet, dieses soziale Gefühl und Investor mit Herz, wie er ja manchmal tituliert wird, das ist, glaube ich, das ist eine falsche Erwartung. Was er erwartet vom Unternehmen, ist letztendlich eine Rendite und eine Gewinnsteigerung. Er wird nichts anderes tun wie jeder normale Investor auch. Er wird das Unternehmen in die werthaltigen Teile trennen und den nicht werthaltigen Teil zumindest mittelfristig abschmelzen, und das betrifft das deutsche Geschäft.

Raith: Das heißt, auch er wird Schlecker zerschlagen wollen.

Funder: Er wird Schlecker sicherlich auch zerschlagen wollen.

Raith: Wäre das denn eine – zumindest eine gute Lösung für die Gläubiger? Abgesehen jetzt einmal von den Mitarbeitern, über die gleich noch zu reden ist?

Funder: Im Moment glaube ich nicht, dass das eine gute Lösung für die Gläubiger ist. Berggrün bietet zwischen 100 und 150 Millionen, das hört sich auf den ersten Schlag viel Geld an, ist es aber nicht. Allein der Warenbestand, der jetzt noch in den Filialen ist, ist 300 Millionen Euro wert. Das heißt, wir würden per se 200 Millionen Euro verlieren.

Raith: Und was bedeutet das für die Mitarbeiter? Außer einer weiteren Woche Hängepartie, wenn Sie sagen, na ja, vermutlich läuft auch das auf eine Zerschlagung heraus?

Funder: So traurig das ist, und da bewegt mich jedes individuelle Schicksal, müssen wir davon ausgehen, dass bis auf 200 Filialen in Deutschland wahrscheinlich nichts weiter betreibbar sein wird. Und das bedeutet für die Mitarbeiter letztendlich Arbeitsplatzverlust.

Raith: Das heißt, die weitere Woche ist jetzt nur ein Abwarten, bis dann das Finale kommt.

Funder: So sieht es aus, ja.

Raith: Was wird denn in der kommenden Woche Ihrer Meinung nach passieren? Da wird nachgebessert, aber wie genau muss man sich das vorstellen?

Funder: Da wird jeder noch mal mit einem sehr spitzen Bleistift rechnen, was er sich erlauben kann, was er sich nicht erlauben kann. Es werden nochmals Forderungen diskutiert, noch mal klarer gefasst. Die gegenseitigen Standpunkte probiert, deutlich zu machen. Ich gehe davon aus, dass jede Investorengruppe im stillen Kämmerlein hier noch mal rechnet. Und auf der anderen Seite ist natürlich auch die Zeit dafür da, Absprachen zu treffen und das vorzubereiten.

Raith: Wie groß ist denn der Druck? Beziehungsweise der Druck ist groß, aber wie groß ist der Druck der Gläubiger?

Funder: Na ja, gut, die Gläubiger sind daran interessiert, ihre Forderungen einzutreiben. Und der Druck ist insofern groß, weil Schlecker nach wie vor Verluste schreibt und diese Verluste letztendlich nicht nur ihre Forderungen minimieren, also das, was ausgezahlt werden kann, sondern ihre vielleicht sie noch stärker belastet, also von daher ist man hier an einer sehr schnellen Lösung auch aus Gläubigersicht heraus, sicherlich interessiert.

Raith: Wer sitzt denn wohl am Ende dieser Verhandlungswoche am längeren Hebel? Wer wird sich durchsetzen können?

Funder: Ich gehe davon aus, dass die Gläubiger sich durchsetzen können. Und dass sie auf eine schnelle Lösung und damit wahrscheinlich auch auf eine Zerschlagung herausgehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass Herr Berggrün sagt, okay, ich verdreifache, vervierfache oder verfünffache mein Angebot. Und was für Herrn Berggrün gilt, gilt auch für jeden anderen Investor. Es gibt hier hohe Risiken und hohe Restrukturierungskosten des Geschäftes. Es gibt Interessenten für Teileinheiten, was gegen eine Einzelinvestorenlösung spricht. Von daher muss man wahrscheinlich, und so bitter das auch sein mag, für den individuellen, aber aus Marktgeschehnissen heraus sicherlich sinnvollen Zerschlagung heraus rechnen.

Raith: Für wie groß oder wie klein halten Sie denn den Verhandlungsspielraum von Verdi, die Gewerkschaft sitzt ja mit am Tisch und vertritt die Interessen der Mitarbeiter. Für wie groß halten Sie diesen Verhandlungsspielraum überhaupt in der derzeitigen Lage?

Funder: Ich halte ihn für vergleichsweise gering. Ich glaube, für Verdi ist das vollkommen bewusst, dass die ersten 2000 Entlassungen sozusagen zwar viel war, aber letztendlich noch nicht alles. Ich gehe davon aus, dass man eine Verhandlungsposition einnehmen wird, wo man nicht um jeden letzten Mitarbeiter kämpft. Wohl um das Wohl der Mitarbeiter, aber nicht um den letzten Punkt. Den Hebel, den sie ansprachen, den sehe ich in dem Falle kaum in dieser Situation.

Raith: Sie vermuten, es läuft auf eine Zerschlagung heraus. Hätte Schlecker zu einem früheren Zeitpunkt irgendwann in dieser Geschichte gerettet werden können als Unternehmen.

Funder: Ja sicherlich. Aber vor wirklich langen Jahren. Also nicht gestern und auch nicht vorgestern und auch nicht letztes Jahr …

Raith: Und nicht erst seit der Insolvenz?

Funder: Nicht erst seit der Insolvenz. Es ist ja normal, wenn ein Unternehmen in die Insolvenz rutscht, ist das meistens schon fast zu spät, und das hat eben unser Insolvenzrecht so ein bisschen mit sich. Es gibt die Möglichkeit der Planinsolvenz, also sehr frühzeitig zu agieren und freiwillig zu agieren – das machen die wenigsten Unternehmen. Unter drei Prozent sind Planinsolvenzen in Deutschland. Aber man hätte es machen können, wenn man vor zehn, vielleicht zwölf Jahren agiert hätte. Also wir haben uns den Markt 2003 angesehen, da stellte sich das schon ähnlich dar.

Raith: Das heißt, zum Zeitpunkt der Insolvenz war die Marke Schlecker schon so beschädigt, dass es eigentlich nur noch bergab gehen konnte, wenn ich Ihnen …

Funder: Ja, die Marke ist ein Punkt, die war sicherlich beschädigt aus der Historie heraus, auch, denken Sie an die Umstellung auf das XXL-Konzept, wo man neue Gesellschaften gegründet hat, Mitarbeiter entlassen hat. Zu geringen Löhnen wieder eingestellt hat. Das war publik, das mag der Konsument letztendlich auch nicht. Aber es geht nicht nur um die Marke, sondern es geht auch um die Standorte. Man ist jahrelang gewachsen über die Neueröffnung neuer Standorte. Egal wo, egal wie klein und welche Garage das auch sein mag. Und aus dem Grund heraus hat sich das ein bisschen verschleiert, aber genau das ist heute Teil dieses riesigen Problems.

Raith: Sagt Professor Jörg Funder über den Poker um die Drogeriemarktkette Schlecker. Er lehrt Unternehmensführung an der Fachhochschule Worms. Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

Funder: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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