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Seit 21:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturGeld und Macht in der Schweiz08.02.2016

Ueli Mäders Buch "macht.ch"Geld und Macht in der Schweiz

Die Strukturen der Macht in der Schweiz sind nicht nur für Schweizer interessant. Denn viele Erkenntnisse, die Ueli Mäder bei seinen Recherchen für sein neues Buch gewonnen hat, lassen sich mühelos auf Deutschland übertragen. Davon ist der Autor überzeugt. Untermauert hat er seine Sicht über existente Machtverhältnisse anhand von 200 Interviews.

Von Marc Engelhardt

Eine Euro-Münze und ein Schweizer Franken (dpa/picture-alliance/Oliver Berg)
Strukturen der Machtverhältnisse sind übertragbar auf Deutschland? Der Autor Mäder ist überzeugt davon. (dpa/picture-alliance/Oliver Berg)
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"Es gibt verschiedene Machtzentren, Finanzwelt, Wirtschaft. Aber die Macht ist auch verwoben, sie findet nicht nur in den Schaltstellen der Wirtschaft statt, auch in der Politik. Aber sie äußert sich auch ideologisch, indem eben Sichtweisen sich in einer Weise verbreiten, die dann die Macht wieder legitimieren."

Diese Macht der Ideen und wie sie von Mächtigen propagiert und genutzt wird, ist eine von vielen Facetten des Themas, von denen man bisher nur wenig gelesen hat. Den Schweizerischen Gewerbeverband nimmt Mäder in dieser Hinsicht ebenso unter die Lupe wie den wirtschaftsnahen Thinktank Avenir Suisse und die Mont Pelerin Society, ein globales Elite-Netzwerk, das vor allem nach dem Mauerfall ein ökonomisches Randphänomen weltweit mehrheitsfähig machte: Den Neoliberalismus, der auf die rohe Macht der Märkte setzt und damit, so Mäder, einseitig die Interessen des Kapitals und vor allem der Großkonzerne bevorzugt.

"Wie wichtig die Arbeit ist, sagt uns doch der Markt"

"Von daher haben wir aus meiner Sicht so etwas wie einen Paradigmenwechsel: Vorher, in der Schweiz, stärker ausgeprägt ein politisch-liberales Verständnis im Sinne von 'Es ist wichtig, eine gewisse Ausgewogenheit zu haben zwischen dem Kapital und Arbeit.' Heute herrscht mehr die Sichtweise vor: Wie wichtig die Arbeit ist, sagt uns doch der Markt."

Für sein Buch haben Mäder und seine Mitarbeiter 200 Interviews geführt, gerade mit den Mächtigen der Schweiz. Für Deutsche ist überraschend zu lesen, wie weit ihre Türen selbst ausgemachten Kritikern offen stehen. So sprach Mäder etwa mit Christoph Blocher, dem Mann hinter der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei. Ein Mann, den Mäder in seinem Buch als Heuchler entlarvt, der sich in der Politik als Freund des kleinen Mannes ausgibt, während er als Industrieller auf Kosten eben dieses kleinen Mannes Millionen gemacht hat.

"Es gibt eben auch Sichtweisen, die Herrn Blocher als den Prototyp des Heimatverbundenen, des Nationalkonservativen darstellen. Und drum ist es mir auch wichtig zu zeigen, halt, diese Persönlichkeit ist doch auch verbunden mit China, mit dem großen Geld. Also, es ist beides, was bei ihm zusammen kommt. Er, gerade in politischen Abstimmungen, hängt dann mehr das Politische raus: Wir müssen nicht alles machen, was die Wirtschaft uns sagt. Das scheint dann fast so eine widerständige Politik zu sein, aber das ist teils nur vordergründig, weil eben hier ganz besonders das liebe Geld mitspielt."

Macht ist Zielerreichung mittels eingesetztem Kapital

Macht ist eben nicht nur Geld, sondern - wie Blocher im Buch selber sagt, Vermögen - das in klingender Münze und das, die Ziele zu erreichen, die man erreichen will. Dass das den finanziell Vermögenden leichter fällt als anderen, zeigt Mäder indes auch.

"Wer zu den untersten zehn Prozent der Lohnbeziehenden gehört, hat Mühe, aufzusteigen. Umgekehrt, wer einmal zu den obersten zehn Prozent gehört, sie oder er bleibt in der Regel dort, weil jene, die über Macht verfügen, tendenziell eher Macht zulegen."

1989 besaßen die 300 Reichsten in der Schweiz 82 Milliarden Franken - heute besitzen sie mehr als das Siebenfache. Wie kumuliertes Geld Macht ausübt, belegt Mäder anhand von gemeinnützigen Stiftungen. 13.000 davon gibt es in der Schweiz. Ihr Vermögen wird auf bis zu 80 Milliarden Franken geschätzt. Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet ist das mehr als in den USA. Dass Stiftungsräte mit so enormen Summen 'Gutes' tun, hält Mäder für potenziell gefährlich.

"Das Geld, das in die Stiftungen geht, das entzieht sich zum Teil auch den Steuern, und öffentliche Abgaben sind wichtig, um Schulen, Spitäler und auch soziale öffentliche Infrastruktur zu finanzieren. Also hier gibt es minimal eine gewisse Konkurrenz. Drum, ergänzend, aber nie und nimmer den Sozialstaat ersetzend."

Informelle Netzwerke in Hand der Mächtigen - eine Gefahr für die Gesellschaft

Das Faszinierende an Mäders Buch, das eine Studie ist, sich aber an vielen Stellen spannend wie ein Wirtschaftskrimi liest, ist die Masse an Details. Es scheint, als greife der Autor in schier endlose Zettelkästen und Archive, um auch die unwahrscheinlichsten Beispiele daraus hervorzuziehen. So beschreibt er als Beispiel für eines der informellen Netzwerke, die für ihn entscheidende Arbeitsinstrumente der Mächtigen sind, ausgerechnet den Stiftungsrat eines rund 1000jährigen Klosters. Im Kloster Einsiedeln treffen sich zu den vertraulichen Ratssitzungen mit Abendmahl Vorstandsmitglieder von Unternehmen wie Nestlé, der Liechtensteinischen Privatbank LGT oder Novartis. Dass der Abt des Klosters Novartis-Chef Vasella öffentlich beistand, als der wegen einer 72-Millionen-Abfindung als Abzocker kritisiert wurde, ist nur eins der Beispiele für das Funktionieren solcher Netzwerke, sagt Mäder.

"Dass sich Menschen verbinden, das halte ich generell für positiv. Es ist halt immer die Frage, wozu. Und wenn mir Bankdirektoren berichten, wie minutiös sie eruieren, wer mit wem zur Schule gegangen ist, damit sie dann genau wissen, welche Person sie auf welchen Bundesrat ansetzen müssen, dann nimmt das schon etwas schier Konspiratives an."

Solange diese Macht exklusiv bleibt, sieht Mäder den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr. Er fordert mehr Teilhabe, mehr Durchlässigkeit in der Gesellschaft - und setzt dafür auf zivilgesellschaftliche Netzwerke, die die der Mächtigen torpedieren sollen. Die Solidaritätsbewegung in der Flüchtlingskrise ist ihm ein Beispiel dafür, weil sie darauf setzt, die Verhältnisse ohne Eigennutz gerechter zu machen. Zugleich aber müssten untere Einkommen angehoben werden, um Menschen mehr materielle Eigenständigkeit und damit die Beweglichkeit zu geben, die es zur Eroberung von mehr Macht braucht.

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