• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 16:35 Uhr Forschung aktuell
StartseiteCampus & Karriere"Schon 15.000 Anmeldungen" 14.09.2015

Universität für Flüchtlinge "Schon 15.000 Anmeldungen"

Von Berliner Studenten ins Leben gerufen, nimmt die Kiron-Universität am 15. Oktober ihren Betrieb auf - eine Bildungsmaßnahme speziell für Flüchtlinge. Der ursprüngliche Plan, die Universität komplett online aufzustellen, wurde mittlerweile verworfen. Die Gründe dafür erläuterte Markus Kreßler, Mitinitiator des Projekts, im Deutschlandfunk.

Markus Kreßler im Gespräch mit Kate Maleike

Eine Person tippt auf der Tastatur eines Laptop Computers. (imago / Jochen Tack)
Attraktive Perspektive: Im dritten Jahr sollen die Studenten der neuen Uni an verschiedenen Partner-Hochschulen in Deutschland weiter studieren dürfen. (imago / Jochen Tack)

Kate Maleike: Seit ein Team von Berliner Studenten im Frühsommer die Idee publik gemacht hat, eine Online-Universität für Flüchtlinge auf die Beine zu stellen, um auf diese Weise zu helfen und Perspektiven zu schaffen, haben die Studenten nicht nur viele Medienvertreter gesprochen, sondern auch viele Unterstützer in Hochschulen in Deutschland und der ganzen Welt. In fünf Studienfächern soll es Mitte Oktober nun losgehen, das ist fest geplant. Verändert hat sich allerdings der Name: Erst sollte sie Wings University heißen, jetzt heißt sie Kiron-Universität, und seit einer Woche laufen die Anmeldungen, und ich habe mit Markus Kreßler, einem der Initiatoren gesprochen und ihn gefragt, wie es denn so läuft und wie groß das Interesse ist.

Markus Kreßler: Es läuft gut. Wir hatten schon 15.000 Subscriptions, also Anmeldungen über unseren Newsletter und Voranmeldungen für die Universität. Jetzt müssen die Studenten ihr Dokument hochladen, eine Bestätigung, dass sie auch ein Flüchtling sind, um bei uns studieren zu können, und ansonsten brauchen die Studenten kein Dokument. Es reihen sich einige ein, und wir hoffen mal, dass wir den meisten davon auch dann ermöglichen können, in einem Monat anzufangen.

Maleike: Sie wollen im Oktober beginnen, ursprünglich war ja, glaube ich, mal daran gedacht, das ein bisschen später zu machen. Das klingt alles sehr ambitioniert – bekommen Sie das hin?

Kreßler: Ja, das System steht schon, also am 15. Oktober geht es genau los, da werden die Kurse starten. Wir kriegen das relativ schnell hin, weil wir eben viel über Partner laufen lassen. Das System, zu dem wir weiterleiten, das ist von edX und von Coursera, das sind Onlinekursanbieter aus den USA und bei denen stehen die Kurse ohnehin schon, das heißt, wir müssen da einfach nur noch technisch ein Tool bauen, was unsere Plattformen mit deren Kursen verknüpft.

Im ersten Jahr ein Studium generale

Maleike: Also das sind alles Kurse, die auf Englisch laufen, und die stammen zum Teil von Universitäten wie Harvard, Stanford oder Yale, sind schon da, das heißt, Sie haben da gute Hilfe bekommen. Sie haben aber auch Partneruniversitäten gewinnen in Deutschland, denn, wenn ich das richtig verstanden habe, Sie sind weg von dem reinen Onlinekonzept, richtig?

Kreßler: Genau. Unser ursprünglicher Plan war es eigentlich, die Universität komplett online aufzustellen, weil damit einfach allen Flüchtlingen weltweit die Möglichkeit gegeben wäre, ein Studium zu absolvieren, wenn sie Computer und Internet haben, dort, wo sie gerade sind. Dann haben wir aber ziemlich schnell gemerkt, dass so ein reines Onlinestudium eigentlich noch nie anerkannt wurde weltweit, also es ist noch keiner Universität gelungen, wirklich ein komplettes Studium nur online anzubieten, das auch akkreditiert wurde. Wir haben dann aber von vielen Universitäten ein ganz tolles Feedback bekommen, das Angebot, unsere Studenten im dritten Jahr an die physischen Universitäten zu schicken. Das ist natürlich noch eine viel schönere Form des Studiums. Das funktioniert jetzt so, dass unsere Studenten zwei Jahre bei uns online studieren, im ersten Jahr ein Studium generale haben, und im zweiten Jahr spezialisieren sie sich dann auf ihre Fachrichtung, und im dritten Jahr, wenn sie die Anforderungen von unserer Partneruniversität erfüllt haben, können sie sich dann aussuchen, an welche von den Partnerunis sie gerne gehen wollen.

Maleike: Was sind das denn eigentlich für Studienfächer, die da im Moment im Angebot sind? Informatik vermutlich.

Kreßler: Genau, wir fangen erst mal mit fünf Fächern an: Da haben wir uns einfach gefragt, was sie gerne studieren wollen, und mit fünf Fächern können wir da schon über ein Viertel von dem abdecken, und das ist Informatik, Ingenieurwissenschaften, Architektur, Intercultural Studies und Wirtschaftswissenschaften, und da dann immer auch jeweilige Spezialisierungen noch.

Maleike: Herr Kreßler, ich habe das schon gesagt, die Universität ist eine Initiative, die auf Studenten zurückgeht. Sie selbst sind auch Student. Das ist ein Riesenprojekt, was Sie da gerade machen, eins, was, glaube ich, wunderbar auch in die Zeit passt, weil Sie gesagt haben, wir wollen helfen und da muss was passieren, dass die Flüchtlinge auch eine Perspektive zum Beispiel beim Lernen bekommen. Noch mal: Wen haben Sie eigentlich genau im Kopf, wenn Sie von dieser Grundidee der Online- Uni sprechen, Ihrer Universität – wen wollen Sie damit erreichen?

Kreßler: Speziell Menschen, die aufgrund von ihrer Fluchtgeschichte keine Chance haben, in das einheimische Universitätssystem reinzukommen. Das ist einfach nicht fair, das ist per Zufall entschieden, wo ein Mensch auf der Welt geboren wird, und nur weil wir hier leben in so einer glücklichen Situation, entscheiden zu können, wer zu uns darf und weil jemand woanders geboren ist, muss er darum betteln, zu uns zu dürfen und auch sein Studium fortsetzen zu können. Ich glaube die ganze Herausforderung, die ganze Flüchtlingsherausforderung können wir als Studenteninitiative nicht lösen, aber wir können zumindest einen Teil dazu beitragen, und haben eben einen Weg gefunden, wie wir zumindest den Teil von Flüchtlingen, die vorher an der Uni waren, einfach die Normalität zurückgeben können, und die wieder an die Universität gehen lassen können. Ich glaube, dass das Konzept auch über Flüchtlinge hinaus spannend ist für Menschen, die noch in Krisenregionen leben, Menschen, die abgeschnitten sind von der nächsten Universität, die vielleicht 200, 300 Kilometer weit entfernt ist, also auch Menschen, die in Krisenregionen und abgelegenen Gebieten liegen.

Maleike: Eine ganz wichtige Hürde müssen Sie aber noch nehmen, das ist eine finanzielle Hürde – Sie haben gerade ein sogenanntes Crowdfunding laufen, das heißt, Sie sammeln eigentlich Geld, Sie brauchen 1,2 Millionen Euro, um das Ganze sozusagen ans Laufen zu bringen. Wo stehen Sie denn mit Ihrer Kampagne?

Kreßler: Die Kampagne ist gut angelaufen, wir haben es jetzt nach einer Woche fast geschafft, die 120.000 – was unsere Schwelle erst mal war, damit wir das für 100 Studenten anbieten können – zu erreichen. Man kann das so verstehen, dass wir in dem Crowdfunding versuchen, Stipendien für einzelne Studenten einzusammeln. Unser ganzes System ist generell für eine unbegrenzte Anzahl an Studenten zugänglich, nur abhängig davon, wie viele Plätze wir an den Partneruniversitäten haben, aber um das Studium wirklich gut zu machen, das Studium anzubieten, was wir uns auch vorstellen – mit Sprachkursen, mit Laptop und Zugang zu Internet, der oftmals fehlt, mit einem eigenen Zugang auch zu einer Bibliothek –, da fallen uns einfach Verwaltungskosten an. Das versuchen wir eben mit dem Crowdfunding im Moment, wo jeder einzelne die Chance hat, für 400 Euro einem Studenten ein Jahr lang sein Studium zu ermöglichen. Das ist nicht viel, wenn man es damit vergleicht, was normale Universitäten an staatlichen Zuwendungen bekommen. Wir wollen es jetzt einfach mal probieren und haben gesagt, ja, wenn wir den Beweis geschaffen haben, dass am Ende, nach drei Jahren, auch wirklich Studenten rauskommen, die auf dem deutschen Arbeitsmarkt, oder welchem Arbeitsmarkt auch immer, arbeiten können, dann wird auch die langfristige Finanzierung kein Problem sein, aber um diesen einen Beweis, um Proof of Concept zu schaffen, dazu brauchen wir jetzt eine Gruppe von 1.000 Studenten im Optimalfall, die wir auch mit einem Stipendium gerne versorgen würden.

Maleike: Markus Kreßler war das, einer der studentischen Mitinitiatoren aus Berlin für die Kiron-University, die eine Onlineuniversität und mehr sein will für Flüchtlinge aus aller Welt. Viel Glück weiterhin für diese Initiative und danke für das Gespräch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk