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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Unsere Kühe grasen am La Plata"19.11.2012

"Unsere Kühe grasen am La Plata"

Die "Global Soil Week" in Berlin

Jährlich gehen geschätzte 24 Milliarden Tonnen an fruchtbarem Boden weltweit verloren - weil wir Menschen uns immer weiter ausbreiten und immer mehr konsumieren. Die "Global Soil Week" in Berlin, organisiert von Klaus Töpfer, will Gegenmaßnahmen erarbeiten.

Von Philip Banse

Kühe auf einer Weide in Deutschland - doch das Kraftfutter für die Tiere kommt oft von südamerikanischen Böden. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Kühe auf einer Weide in Deutschland - doch das Kraftfutter für die Tiere kommt oft von südamerikanischen Böden. (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Bei der Bodenkonferenz kommen rund 400 Teilnehmer aus der ganzen Welt zusammen, um das Thema "Boden" in die Öffentlichkeit zu bringen: Nach Angaben der Veranstalter gehen jedes Jahr 24 Milliarden Tonnen Boden verloren – durch Versiegelung, Erosion, oder Verstädterung. Wie soll man bald 9 Milliarden Menschen mit immer weniger Boden nachhaltig ernähren? Wie kann das Land gerecht verteilt werden? Diese Fragen werden in 23 Arbeitsgruppen diskutiert, auch live im Internet mitzuerleben. Am Ende der Konferenz sollen sicher auch Lösungsansätze in einer Resolution zusammengefasst werden, sagt Klaus Töpfer, ehemaliger Chef des UN Umweltprogramm und heute mit seinem Bodeninstitut Veranstalter der Konferenz. Durch die Konferenz soll aber auch ein nachhaltiges Netzwerk entstehen:

"Ich möchte alles dransetzen, dass in kleineren Gruppen dort diskutiert wird und dass wir am Ende nicht nur die übliche Resolution verabschieden, sondern dass die in der Sache untermauert ist und dass wir das als Beitrag dafür leisten können, dass wir hoffentlich dies auf Serie gehen lassen können, sodass wir hier in Berlin so etwas bekommen wie einen Schwerpunkt für die Vermittlung von Bodenwissen, aus der Wissenschaft heraus, in Gesellschaft und Politik machen können."

Natürlich geht es um Probleme in Afrika: In Mozambique verlieren Ackerbauern ihr Land durch Land-Grabbing an Mega-Farmen internationaler Investoren. Wer darf eigentlich Land nutzen? Wie können Nahrungsmittel für Arme in Bangladesch bezahlbar bleiben? Das sind Fragen der Konferenz. Doch Deutschland habe auch viele Hausaufgaben zu machen, sagt Klaus Töpfer:

"Es wissen nur die Experten, dass wir in der Europäischen Union eine Bodenschutzrichtlinie haben seit vielen Jahren und dass die nicht verabschiedet wird: vornehmlich aus dem Grund, dass Deutschland dagegen ist."

Und zwar weil die Bauernlobby hier sehr stark sei. Deutsche verbrauchten jedoch nicht nur Boden in Deutschland. Um unseren Konsumhunger zu stillen, verbrauchen wir Land auf der ganzen Welt, sagt Adriadna Rodrigo von der Umweltorganisation Frieds of the Earth.

"Das liegt am Fleisch, an den Möbeln, an der Kleidung und den Milchprodukten, die wir konsumieren. Auf diese Weise importiert die EU jedes Jahr Land, das zehnmal so groß ist wie Deutschland. Und Deutschland ist der mit Abstand größte Landimporteur."

"Es hört sich auf den ersten Blick etwas seltsam an, aber alle Kraftfutterimporte, die wir haben, sind nichts anderes als ein Import von Flächen aus Argentinien."

… sagt der Organisator der Bodenkonferenz, Klaus Töpfer:

"Unsere Kühe grasen am La Plata."

Töpfer sagt, die Welt entwickele sich zu einer Stadtgesellschaft. Bald müssten neun Milliarden Menschen mit immer weniger Boden ernährt werden.

"Und wenn Du das hast, kommt man natürlich auf die Idee, dass man sagt: Kann man auch ohne Boden landwirtschaftliche Produktion steigern? Gibt es eine vertikale Landwirtschaft?"

Ja, gibt es. Die New Yorkerin Britta Riley verkauft mit ihrer Firma Windowfarms genau das: Fenstergärten. Für 150 Dollar bekommt man vier Pflanzenkästen, die übereinander ins Fenster gehängt werden. Aquariumpumpen versorgen Salat, Gurken und Tomaten mit flüssigem Kompost; das Gemüse wurzelt in Lehmkugeln aus Deutschland, sagt Britta Riley:

"In einem System mit vier Kästen kann man acht Pflanzen haben. Wir haben Leute, die mitten im Winter Erdbeeren ernten. Ich persönlich esse viel Basilikum. Wenn ich es kaufe, verrottet es im Kühlschrank. So kann ich immer frisches ernten."

So ließen sich auch Pflanzensorten kultivieren, die nirgendwo mehr angebaut würden – ganz im Sinne der Artenvielfalt. Auch seien ihre Fenstergärten klimafreundlich. Praktische Lösungen für das Bodenproblem – auch ein Anliegen der Bodenkonferenz in Berlin.

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