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StartseiteMarkt und MedienUnter Einsatz des Lebens29.03.2008

Unter Einsatz des Lebens

Journalisten in Brasilien leben gefährlich

Seit dem Ende der Militärdiktatur in den 80er Jahren wurden mindestens 42 Journalisten in Brasilien getötet. Viele von ihnen wurden Opfer des organisierten Verbrechens, das neofeudal und diktatorisch über die meisten Großstadtslums herrscht. Nicht zufällig bekam daher die investigative Journalistin Carla Rocha für eine Serie über die Slumdiktatur den wichtigsten brasilianischen Menschenrechts- und Medienpreis.

Von Klaus Hart

Scheinheilige Ruhe: In Rio de Janeiro leben Journalisten gefährlich. (AP Archiv)
Scheinheilige Ruhe: In Rio de Janeiro leben Journalisten gefährlich. (AP Archiv)

In Brasilien sind Journalisten regelmäßig Ziel von Anschlägen - und auch für die vierzigjährige Carla Rocha aus Rio de Janeiro, eine der wichtigsten investigativen Reporterinnen Brasiliens, erschweren derartige Gefahren den beruflichen Alltag enorm. Wer beispielsweise über die Zustände in den Ghettos, über die empörende Rechtlosigkeit der Slumbewohner schreibe, trage ein hohes Lebensrisiko.

"In Rio de Janeiro herrscht eine Kriegssituation - in den Slums gelten weder Gesetz noch Verfassung, nur das Diktat schwer bewaffneter Gruppen. Der Staat ist nicht präsent und lässt zu, dass dort Verbrecherorganisationen, Gangsterbosse, paramilitärische Milizen die Regeln bestimmen. Wer sich deren Normen widersetzt, wird sogar mit dem Tode bestraft, zerstückelt und sogar lebendig verbrannt. Mein Kollege Tim Lopes wurde Opfer einer solchen mittelalterlichen Barbarei. Seitdem gehen wir nicht mehr in die Slums hinein, ist die Recherche sehr schwierig geworden. Da wir Journalisten gegen die Interessen der Verbrechersyndikate handeln, sind wir von Ermordung bedroht, müssen ständig bestimmte Sicherheitsregeln einhalten, beispielsweise aufpassen, ob wir verfolgt werden."

Carla Rocha betont, dass Gewalt heute in Brasilien viel mehr Menschen trifft als unter der Militärdiktatur, dass die Zahl der Verschwundenen viel höher ist als in den 21 Diktaturjahren. Die Journalistin berichtete über den Präsidenten einer Bürgerinitiative von Slumbewohnern - daraufhin wurde er ermordet. Carla Rocha ist bedrückt, dass die genau dokumentierten Menschenrechtsverletzungen im Ausland keinerlei Echo fanden.

"Bis sich diese Zustände in den brasilianischen Slums ändern, wird noch sehr viel Zeit vergehen, werden noch sehr viele Menschen getötet. In Rio de Janeiro ist es unmöglich, die Realität der Ghettos nicht wahrzunehmen. Daher finde ich es traurig, dass es dafür kein internationales Interesse gibt. Denn internationaler Druck ist am wichtigsten, damit die Diktatur über die Slums beseitigt wird. Im Ausland denken eben noch viele, Brasilien sei das Land des Samba, des Fußballs und der fröhlichen, sonnengebräunten Leute."

Eine neue Studie der führenden brasilianischen Medienzeitschrift "Imprensa" schlussfolgert, dass die Mehrheit der investigativen Journalisten des Landes durch Morde und Morddrohungen mundtot gemacht worden sei. Nur noch wenige riskierten daher, die ganze Wahrheit über die Realitäten des Tropenlandes zu zeigen, Missstände aufzudecken. Eine Meinungsumfrage unter Journalistikstudenten ergab, dass niemand von diesen die Karriere des investigativen Reporters anstrebt. Motiv sei die Angst vor Ermordung und anderen Repressalien.

Carla Rochas Kollege, der mehrfach preisgekrönte Pressefotograf Rogério Reis, lässt sich jedenfalls nicht einschüchtern, beweist weiter Mut. In Paris hatte er jetzt eine schockierende Bildserie über jene modernen Scheiterhaufen Rio de Janeiros ausgestellt, mit denen auch Millionen von Slumbewohnern eingeschüchtert werden sollen.

"Dass da willkürlich Menschen gefoltert, außergerichtlich zum Tode verurteilt und schließlich verbrannt werden - das darf man doch nicht hinnehmen. Der Journalist Tim Lopes, der dieses Schicksal erlitt, war mein enger Freund. Der brasilianische Staat hat sämtliche Machtmittel, um diese Barbarei sofort zu beenden - doch dafür fehlt politischer Wille."

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