Kalenderblatt / Archiv /

 

Untergang der Republik Biafra

Vor 40 Jahren endete der Bürgerkrieg in Nigeria

Von Frank Räther

Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt
Kinder werden in einem Flüchtlingslager in Biafra versorgt (AP Archiv)

Als die afrikanischen Länder unabhängig wurden, wurden oft ethnische Gruppen unter ein nationales Dach gezwängt, die miteinander verfeindet waren. So war es auch nach der Unabhängigkeit 1960 in Nigeria. Die Folge war wenige Jahre später einer der mörderischsten Kriege, die Afrika erlebte: der Biafra-Krieg. Am 12. Januar 1970 musste Biafra kapitulieren.

Fast drei Jahre lang hat der grausame Bürgerkrieg in Nigeria getobt, als Oberst Olusegun Obasanjo, Befehlshaber der 3. Marinekommando-Division der nigerianischen Bundestruppen, die Kapitulation der abtrünnigen Republik Biafra entgegennimmt:

"Was wir hier erleben, ist ein Triumph des Nationalismus, ein Triumph der Fähigkeit der Nigerianer, einer Katastrophe zu begegnen."

Das zehn Jahre zuvor von Großbritannien unabhängig gewordene Nigeria hat seine staatliche Einheit wiedererrungen. Aber zu welchem Preis? 100.000 Soldaten ließen ihr Leben, 180.000 Zivilisten wurden getötet und bis zu zwei Millionen Menschen verhungerten in Biafra. Coleman Emejuru, der damals elf Jahre alt war und in Port Harcourt lebte, erinnert sich:

"Es gab nichts mehr zu essen. Meine Mutter versteckte mich und meine Geschwister während der Bombardements unter dem Bett. Das ging so bis zu dem Zeitpunkt, da wir zusammen mit anderen Kindern in ein Flüchtlingslager gebracht wurden, wo wir kostenlos ernährt wurden. Für uns war es das beste Essen in unserem ganzen Leben."

Nigerias Geschichte ist ein permanentes Drama aus ethnischen und wirtschaftlichen Konflikten, Korruption, Vernachlässigung der Entwicklung und mörderischen politischen Machtkämpfen. Die drei großen der insgesamt über 300 ethnischen Gruppen - die Hausa-Fulani im Norden, die Yoruba im Südwesten und die Igbo im Südosten - fürchteten stets, dass die jeweils anderen sie an die Seite drängen und nicht an der Administration des Landes gleichberechtigt teilhaben lassen.

1960 war Nigeria von Großbritannien unabhängig geworden, sechs Jahre danach stürzte ein Igbo-General den ersten Präsidenten des Landes. Doch schon ein halbes Jahr später wurde er von General Yakubu Gowon wieder weggeputscht. Dessen Soldaten begannen im Norden Nigerias, dort lebende Igbo systematisch zu töten.
30.000 Menschen kamen ums Leben, fast zwei Millionen mussten fliehen.

1967 erklärte der Militärgouverneur im Südosten, Oberst Odumegwu Ojukwu, den von seinen Igbo bewohnten Landesteil zur unabhängigen Republik Biafra. Neben den ethnischen Differenzen ging es vor allem um Erdöl, das Mitte der 1960er-Jahre im zu seinem Gebiet gehörenden Niger-Delta immer reichlicher sprudelte und zur Haupteinnahmequelle des bis dahin agrarischen Nigeria wurde.

Doch die Zentralregierung wollte die Milliardensummen aus dem Erdölgeschäft nicht verlieren. Zwei Monate nach der Unabhängigkeitserklärung von Biafra marschierten Bundestruppen dort ein, holten sich ausländische Söldner für die Luftwaffe, die die Städte bombardierten, und blockierten die Häfen, um die aufsässige Bevölkerung von Biafra auszuhungern. Am 12. Januar 1970 musste Biafra kapitulieren. Seitdem hat sich dort für die Bevölkerung nichts geändert, klagt Coleman Emejuru, heute Kabinettsminister der Exilregierung Biafras.

"In allen Bereichen des menschlichen Lebens werden wir vernachlässigt. In der Bildung, in der ungenügenden Versorgung mit Lebensmitteln, in unzureichender Infrastruktur – ob sauberes Trinkwasser oder Straßen. Nichts. Das ist die Politik des Landes, das sich Nigeria nennt."

Deshalb gab und gibt es seit dem Ende des Biafra-Krieges im ölreichen Nigerdelta Unruhen und bewaffnete Aktionen gegen die Zentralregierung. Mitte der 1990er-Jahre wurden der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa und seine Gefährten hingerichtet, weil sie sich gegen die Ausplünderung, die Verseuchung des Lebensraums durch die Ölquellen und für eine gerechte Nutzung der Erdöleinnahmen einsetzten.

Hoffnung kam auf, als 1999 nach einer langen Zeit abwechselnder Militärdiktaturen einigermaßen demokratische Wahlen in Nigeria stattfanden und das Ergebnis über den Rundfunk bekannt gegeben wurde.

"Chief Obasanjo von der PDP wird hiermit zum Sieger und somit zum gewählten Präsidenten der Bundesrepublik Nigeria erklärt."

Es war der gleiche Obasanjo, der 1970 die Kapitulation Biafras entgegennahm. Doch auch unter ihm und später seinem Nachfolger änderte sich nicht viel für die Igbo im einstigen Biafra. 300 Milliarden Dollar aus den Erdöleinnahmen wurden nicht für die Verbesserung ihrer Lebenslage und die Entwicklung ihrer Region verwendet, sondern verschwanden in den Taschen der Mächtigen, vor allem aus dem Norden Nigerias. Dennoch hegen noch immer viele die Hoffnung, dass es ihnen gelingt, auf friedlichem Weg ihre untergegangene Republik Biafra erneut etablieren zu können.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Dorothea SchlegelErfinderin der romantischen Ehe

Die Ausstellung "Felder im Frühling" mit Bildern des impressionistischen Malers Claude Monet in der Staatsgalerie in Stuttgart. Zu sehen ist das Bild "Im Moor von Giverny" aus dem Jahr 1887.

Heiraten, weil er eine Haushälterin und sie einen Versorger braucht - praktische Gründe waren um das Jahr 1800 Ausgangspunkt vieler Ehen. Nicht so bei der Schriftstellerin und Übersetzerin Dorothea Schlegel. Sie ermutigte andere Frauen zur Emanzipation - und lebte die "wilde Ehe" direkt vor.

Bill of RightsPetitionsrecht, Waffenbesitz und Redefreiheit

Das Foto vom Mittwoch (24.11.2010) zeigt die Roben der Richter des Ersten Senats sowie ein Richterbarett beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe während der Urteilsverkündung zum Gentechnikgesetz.

Nach dem Sieg in der Glorreichen Revolution in England wurde Wilhelm von Oranien die Krone angeboten - unter Bedingungen: In der "Bill of Rights" hatte das Parlament sich neue Rechte ausbedungen, Mitbestimmung über Steuern und die Einberufung eines Heeres. Am 23. Oktober 1689 traten die neuen Regeln in Kraft.

Jean Paul SartreSehnsucht nach Unberührtheit

Jean Paul Sartre 1979. Schwarz-Weiß-Aufnahme.

Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul Sartre gilt als Hauptvertreter des Existenzialismus. Eine Behauptung, die er zurückgewiesen hätte, wehrte er sich doch zeitlebens gegen den Status einer "Institution". Das zeigte sich besonders, als er vor 50 Jahren den Literaturnobelpreis ablehnte.