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StartseiteBüchermarktUrkräfte und Poesie04.02.2013

Urkräfte und Poesie

Jochen Winter: "Spuren im Unermesslichen. Gedichte", Agora Verlag

Auf dem sizilianischen Vulkan Ätna und in einem Zen-Kloster entstanden Jochen Winters Gedichte "Spuren im Unermesslichen". Der dritte Band des Lyrikers, Essayisten und Übersetzers thematisiert die kosmischen Urkräfte, die in den flüchtigen Medien Licht, Wasser und Luft in Erscheinung treten.

Von Michaela Schmitz

Nach seinem Lyrikdebüt "Die diamantene Stunde" publizierte Winter einen weiteren Gedichtband mit dem Titel "Die Inschrift der Erde".  (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Nach seinem Lyrikdebüt "Die diamantene Stunde" publizierte Winter einen weiteren Gedichtband mit dem Titel "Die Inschrift der Erde". (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Unsere Zukunft liegt in den Sternen. Genauso wie unser Ursprung. Denn am Anfang war alles eins: Im imaginären Punkt konzentrierte Materie, die mit dem Urknall auseinanderstob. Der Beginn von Raum und Zeit. Und die Geburt unzähliger Sterne wie der Sonne und der Erde. Unausdenkbar, dass auch 15 Milliarden Jahre nach dem Urknall noch alles miteinander verbunden sein könnte. Vielleicht sogar wir selbst.

Nirgendwo mag das eindringlicher erscheinen als auf dem Gipfel eines Vulkans. Auf dem legendären sizilianischen Vulkan Ätna entstanden Jochen Winters Gedichte "Spuren im Unermesslichen." Die Füße auf frisch erkalteter Lava, wird die Spaltung von Mensch und Natur zum Mythos. Die Gewalt der Elemente zwingt selbst den hypertrophen Homo sapiens zur Bescheidenheit.

"Was ist das Wissen des Menschen?

Weiß er Wurzeln zu treiben und
Zweige und Blätter lotrecht zum
Licht zu steigen, ein lodernder
Strahl, den Gewalten standhaltend?"


Ein Bewusstseinswandel, der sich stellvertretend auch im Gedicht vollzieht. Das poetische Subjekt tritt zurück zugunsten einer alle Materie durchziehenden elementaren Energie. Kosmische Urkräfte, die gerade in den flüchtigen Medien Licht, Wasser und Luft in Erscheinung treten. Ihre nie zum Stillstand kommenden Bewegungen und zyklischen Rhythmen sind Bedingung der Möglichkeit alles Lebendigen. Als morphologische Grundmuster schreiben sie sich der Natur in Form von Baumwurzeln oder -geäst, den Jahresringen ihrer Stämme, von konzentrischen Kreisen im Wasser, spiralförmigen Windhosen oder Lichtwellen ein.

"(...) die Schleife des Seins, das
Sich zeugt, offenbart, entfaltet, verlöscht, um erneut zu

Erstehen: Genese, dem Urmuster folgend, darin nichts
Unbewegt bleibt, jeder Körper ein Kreisen, ein Wandel."


Aufgabe des Dichters ist es, dieses universale Alphabet in seinen Versen abzubilden. Die zyklische Energie manifestiert sich in Winters Gedichten in rhythmischen, meist in drei Verse gegliederten Strophen von fließender Bewegung und gezielter Unschärfe. Winters Gedichte transponieren das Schweben, Schwingen und Vibrieren lebendiger Materie in den eigenen Sprachduktus. Die Gedichtsprache selbst vollzieht im ständigen Austausch, durch Resonanz und vielfältige Vernetzung der Wörter untereinander die dynamischen Verästelungen und zyklisch kreisenden Bewegungen der Natur nach. Das universale Gedicht soll zum überindividuellen Ausdruck jener Urkräfte werden, deren Teil der Autor selbst ist. Das lyrische Ich übernimmt dabei lediglich die Rolle des Mediums. Im Idealfall werden Dichter und Gedicht zum reinen Durchgangsort; wie in den drei in einem Zen-Kloster entstandenen Texten in der Mitte des Gedichtbandes. Ein Auszug aus dem Gedicht "Bei den Zedern".

"Ich fege den Weg zum verlassenen Tempel.
Aufsprühen Zweige und Nadeln und Knospen,
Erlöschen: Im Scharren erkennt sich der Staub.
(...)
Ich gehe den Weg, bin Vergessen, umfasse
Alles: ein Werkzeug des Frühren, des Spätren,
Gereinigter Blick aus unendlichem Aug.

Vom Meer weht der Wind heute, morgen vom Berg."


Der Zyklus der im Zen-Kloster entstandenen drei Gedichte mit dem Titel "Kalligraphisch" bildet das Zentrum des in insgesamt fünf Zyklen unterteilten Bandes. Sie wirken wie der ruhende Pol der kosmischen Bewegungen, die Autor Jochen Winter in seinem Lyrikprojekt "Die Spuren des Unermesslichen" zu transponieren sucht.

Hier werden die universellen Energien in beinahe übermenschlicher Gelassenheit gleichsam geerdet. Ein Raum, in dem das Ich vor den "Spuren im Unermesslichen" verstummt in erlösender Meditation.

Jochen Winter: "Spuren im Unermesslichen. Gedichte
Agora Verlag 2012, Erato-Druck 34
72 Seiten, 14,80 Euro

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