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StartseiteInterviewVDI beklagt Technikferne in Schulen20.08.2007

VDI beklagt Technikferne in Schulen

Warnung vor Ingenieursmangel

Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) plädiert für Technikunterricht in den Schulen. VDI-Direktor Willi Fuchs verspricht sich davon, dass mehr junge Leute an technische Berufe herangeführt werden. Nach Angaben des VDI sind derzeit in Deutschland 24.000 Ingenieursstellen nicht besetzt.

Moderation: Gerd Breker

Ein Mitarbeiter einer Maschinenbaufirma poliert ein Zahnrad. (AP)
Ein Mitarbeiter einer Maschinenbaufirma poliert ein Zahnrad. (AP)
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Bundesregierung besorgt über fehlende Fachkräfte

Gerd Breker: Die Große Koalition mit ihrer parlamentarischen Super-Mehrheit muss nur sich selber und die öffentliche Meinung fürchten. Die Opposition hat nur wenig entgegenzusetzen. Schon fast traditionell endet daher die Sommerpause in einer Klausurtagung, auf der man sich verabredet, welche Themen man mit welcher Zielrichtung demnächst angehen will. In diesem konkreten Fall, da Halbzeit ist, geht es um nicht weniger als die Themen des zweiten Teils der Legislaturperiode der Großen Koalition von Bundeskanzlerin Angela Merkel. (MP3-Audio, Bericht von Sabine Adler)

Ein wichtiges Thema in Meseberg wird das Thema Fachkräftemangel sein. Der Mangel an Fachkräften in Deutschland kann nach Berechnungen von Wirtschaftsminister Glos einen Prozent des Bruttoinlandsproduktes kosten, und das wären schlappe 20 Milliarden Euro. Fachkräfte sind vor allen Dingen gemeint mit Technikern, Meistern, Ingenieuren, Mathematikern, Informatikern, also kurz Naturwissenschaftler.

Am Telefon bin ich nun verbunden mit Willi Fuchs. Er ist der Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure. Guten Tag, Herr Fuchs!

Willi Fuchs: Guten Tag, Herr Breker!

Breker: Der Fachkräftemangel, Herr Fuchs, kommt der noch oder ist der schon da?

Fuchs: Sie haben ja aufgezählt, dass zu dem Fachkräftemangel eine Vielzahl von Berufen gehört. Für die Ingenieure kann ich sagen, dass der Fachkräftemangel bereits eingetreten ist. Wir haben zurzeit 24.000 offene Stellen in der Bundesrepublik, die nicht besetzt werden können. Und dem stehen gegenüber zurzeit zirka 23.000 arbeitslose Ingenieure.

Breker: Kommt so ein Mangel, Herr Fuchs, eigentlich überraschend wie Weihnachten, oder war der absehbar?

Fuchs: In diesem Fall müssen wir sagen, dieser Mangel war absehbar. Bereits 2001 haben wir vom VDI erste Studien aufgezeigt, dass wir in diese Misere hineinlaufen. Und wir haben uns deshalb ganz verstärkt auch für die Nachwuchsrekrutierung eingesetzt. Spätestens seit dem letzten Jahr arbeiten wir hier auch nicht mehr alleine, sondern über 100 Firmen haben sich bei uns in der Initiative" Sachen machen" zusammengeschlossen, um diesem Phänomen entgegenzuwirken.

Breker: Wenn Sie sagen, Herr Fuchs, Sie haben rechtzeitig gewarnt, dann muss ja irgendeiner versagt haben. Wer denn?

Fuchs: Es ist immer leicht, auf andere mit dem Finger zu zeigen. Grundsätzlich muss man sagen, dass gerade die Ingenieure in ihrem Stellenwert zurzeit noch nicht da stehen, wo sie eigentlich stehen müssten. Das liegt zum Teil daran, dass gerade in der Industrie ja Ende der 90er, Mitte der 90er Jahre doch sehr viele Stellen abgebaut wurden. Aber zum anderen ist es auch so, dass viele junge Menschen überhaupt nicht während ihrer Schulzeit in Kontakt gebracht werden mit der Technik und mit gerade dem Gebiet, was unseren Wohlstand hier in der Bundesrepublik Deutschland sicherstellt. Deshalb plädieren wir für Technikunterricht in den Schulen.

Breker: Hat das auch etwas damit zu tun, Herr Fuchs, dass die meisten, die heute studieren, Kinder von Akademikern selbst sind, dass Arbeiterkinder, also die, die praktisch arbeiten, kaum noch zum Studium kommen?

Fuchs: Es ist so, dass wir gerade in den Ingenieurdisziplinen feststellen können, dass auch nach wie vor gerade hier junge Leute aus Familien kommen, die nicht akademisch geprägt sind. Aber auch hier ist es rückläufig. Das heißt, wir müssen natürlich dafür sorgen, dass die Randbedingungen für Kinder aus Familien, die nicht akademisch sind, auch einen Zugang zur Hochschule und zum Hochschulstudium bekommen.

Breker: Und da ist eine Studiengebühr eher lästig?

Fuchs: Es ist so, dass eine Studiengebühr sicherlich zu Diskussionen anleitet, aber es gibt ja eine Vielzahl von Möglichkeiten, dass diese Studiengebühr gerade für Familien, die es sich sozial nicht leisten können, übernommen werden können bis hin zu einem zinslosen Darlehen. Denn man muss ja immer sehen: Ein Studium ist auch für einen persönlich eine Investition in die Zukunft, und die muss man schon auch mit einem gewissen Geldwert belegen, denn sonst ist sie nichts wert.

Breker: Herr Fuchs, Sie haben gesagt, teilweise ist der Fachkräftemangel schon da. Teilweise wird er noch kommen. Was kann man eigentlich kurzfristig tun? Haben wir ein Reservoir, aus dem wir schöpfen können, um diesen Fachkräftemangel auszugleichen?

Fuchs:! Wir hatten vor etwa zwölf Monaten noch ein Reservoir von knapp 40.000 arbeitslosen Ingenieuren. Das hatte ich ja schon zum Anfang gesagt. Dieses Reservoir ist geschmolzen auf zirka 23.000. Das heißt also, es wird immer weniger. Wir sprechen in den Ingenieurwissenschaften heute schon davon, dass wir Vollbeschäftigung haben in der Bundesrepublik Deutschland. Das heißt aber, was wir auch machen können ist, dass wir die Studierenden, die Ingenieurwissenschaften studieren, natürlich kurzfristig auch so weit unterstützen, dass sie nicht abbrechen.

Zum anderen müssen wir die Ingenieure, die im Beruf sind, weiterqualifizieren, um hier halt eben diese Menschen längerfristig in dem Beruf halten zu können und sie auch immer wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Und dann haben wir noch, gerade bei den arbeitslosen Ingenieuren, ein Reservoir, was wir grundsätzlich vernachlässigen in der Bundesrepublik Deutschland. Das sind die Frauen. Wir müssen also versuchen, dass wir mehr Frauen in den Ingenieurberuf bekommen, denn zurzeit sind nur zehn Prozent der weiblichen deutschen Bevölkerung im Ingenieurberuf tätig.

Breker: Kann denn das kurzfristig helfen?

Fuchs: Kurzfristig gibt es sicherlich nur die Möglichkeit, dass wir a) die Menschen länger im Beruf halten, B) das zur Verfügung stehende Reservoir der arbeitslosen Ingenieure nutzen und natürlich c) versuchen, Fachkräfte auch aus dem Ausland zu rekrutieren, zumindest aber die ausländischen Studierenden, die hier in Deutschland an den Hochschulen studiert haben, nach ihrem Studium unserem Arbeitsmarkt in Deutschland zur Verfügung zu stellen.

Breker: Und wie kann man es für die attraktiv machen, in Deutschland zu bleiben?

Fuchs: Es ist sicherlich schon ein attraktives Land für diese Menschen, hier zu arbeiten. Wir müssen halt eben mit der Gesetzgebung - und die Frau Schavan hat das ja auch jetzt in der letzten Zeit immer wieder propagiert - die Randbedingungen schaffen, dass diese Menschen hier arbeiten können.

Breker: Im Deutschlandfunk war das der Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure, Willi Fuchs. Herr Fuchs, danke für dieses Gespräch.

Fuchs: Bitte schön.

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