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Vegetarische Vorfahren?

Wissenschaftler decken den Speiseplan von Australopithecus sediba auf

Von Michael Stang

Verbindung zwischen Vor- und Frühmenschen: Australopithecus sediba.
Verbindung zwischen Vor- und Frühmenschen: Australopithecus sediba. (Science/University of the Witwatersrand, Lee Berger, Brett Eloff)

Paläoanthropologie. - 2010 entdeckten Forscher aus Südafrika die Überreste zweier neuer Vormenschen, die vor knapp zwei Millionen Jahren lebten. Der wissenschaftliche Name lautet <em>Australopithecus sediba</em>. Nun konnten die Experten mithilfe verschiedener Methoden die Ernährung der beiden Frühmenschen rekonstruieren. Ihre Ergebnisse stellen sie im britischen Fachblatt "Nature" vor.

Vergangenes Jahr präsentierte der südafrikanische Paläoanthropologe Lee Berger die "vollständigste Hand eines Australopithecus, die bislang gefunden wurde". Dabei handelte es sich um die versteinerten Knochen eines weiblichen Vertreters der Frühmenschenart Australopithecus sediba, Berger zufolge direkter Vorfahr unserer Gattung Homo. Nun wollte er herausfinden, was sich diese Hand einst als Nahrung in den Mund gesteckt hat. Dazu scharte der Professor ein Expertenteam um sich, das den prähistorischen Speiseplan der jungen Frau rekonstruieren sollte, sowie den eines zweiten Individuums, eines etwa 13 Jahre alten Jungen, der zusammen mit der Frau vor knapp zwei Millionen Jahren den Tod fand. Zum Team gehörte auch Amanda Henry vom Max Planck Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

"Ich habe nach winzigen Pflanzenresten in den Zähnen der beiden Individuen gesucht, die sich damals bei der Nahrungsaufnahme in dem Plaque beziehungsweise Zahnstein festgesetzt hatten. Diese Spuren bleiben glücklicherweise auch nach dem Tod eines Individuums erhalten, sogar wenn dieses versteinert. Für meine Analysen muss ich nur ein wenig davon abkratzen, genau wie ein Zahnarzt dies macht."

Da die beiden Australopithecinen bei einem Erdrutsch ums Leben kamen, wurden ihre Überreste unter Sedimenten begraben, und so blieben die Zähne in der südafrikanische Erde schadlos erhalten. Die Forscher untersuchten die Zahnoberflächen auf Abnutzungsspuren, und diese waren reichlich vorhanden. Henry:

"Wir wissen, dass sie überwiegend Dinge gegessen haben, die man in einer bewaldeten Landschaft findet, obwohl sie ja in einer Savanne gelebt haben. In den Tagen und Wochen vor ihrem Tod haben sie sehr harte Nahrung zu sich genommen, vor allem der Junge muss sehr harte Sachen gegessen haben."

Im Labor unter dem Mikroskop suchte Amanda Henry nach so genannten Phytolithen. Dabei handelt es sich um versteinerte Pflanzenteile.

"Wir haben eine große Vielfalt verschiedener Pflanzenreste gefunden. Und das ist überraschend, weil die Fundmenge eher klein war. Demnach standen Blätter, Sträucher und Kräuter auf dem Speiseplan, Gräser hingegen weniger. Interessant ist, dass sie auch Rinde oder Holz gegessen haben, also wirklich harte Sachen; zudem haben wir Beweise, dass sie Palmen verspeist haben."

Um dies zu überprüfen, untersuchte das Forscherteam auch die chemische Zusammensetzung der Skelette mithilfe von Isotopenanalysen. Die Ergebnisse bestätigten die erste Untersuchung. Um auszuschließen, dass die Zahnbeläge von Anhaftungen der Liegestätte herrührten, untersuchten die Wissenschaftler ebenso die Sedimente, die bei der Ausgrabung freigelegt wurden, aber auch hier gab es keinen Zweifel. Damit handelt es sich um den ersten direkten Beweis dafür, was diese frühen Menschen gegessen haben, auch wenn das Ergebnis überrascht. Denn hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung des Zahnschmelzes ähnelt die Ernährung vielmehr der von Giraffen, denn eines Primaten. Einen Hinweis auf weiche Nahrung, wie etwa Fleisch, gibt es Amanda Henry zufolge nicht.

"Sie könnten Fleisch gegessen haben, theoretisch. Aber mit keiner unserer Techniken konnten wir das bislang nachweisen, auch nicht mithilfe der Archäologie, weil es keine Werkzeuge wie Faustkeile gibt oder Tierknochen, die Kratzspuren aufweisen."

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