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StartseiteCampus & Karriere"Die Studierenden müssen wieder im Mittelpunkt stehen"03.11.2015

Vergabe von Studienplätzen"Die Studierenden müssen wieder im Mittelpunkt stehen"

Um die Probleme bei der Studienplatzvergabe zu beseitigen, sollten alle Hochschulen dazu verpflichtet werden, an einem bundeseinheitlichen Verfahren teilzunehmen, sagte die hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Nicole Gohlke, im DLF. Die Rechte der Studierenden müssten dabei gestärkt werden und wieder im Mittelpunkt stehen.

Nicole Gohlke im Gespräch mit Benedikt Schulz

Zwei Studenten stehen vor einem Schwarzen Brett mit vielen Zetteln. (dpa / Matthias Balk)
Besonders zum Semesteranfang ist die Wohungssuche schwierig: Studenten suchen am Schwarzen Brett der Ludwig-Maximilians-Universität in München. (dpa / Matthias Balk)
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"Ich bin Nachrücker, und ich hab letzte Woche, nein, vor zwei Wochen Mittwoch erfahren, dass ich den Studienplatz bekommen hab. Da lief halt das Studium schon seit eineinhalb Wochen dann, und bin dann jetzt seit einer Woche im Studium dabei und muss halt aber zwei Wochen nachholen."

"Ich hab Bescheid bekommen am 24. September und musste dann am 12. hier sein, am 12. Oktober. Und dementsprechend musste ich mir dann schnell eine Wohnung suchen, und das war dann schon ein bisschen blöd."

"Na ja, es war halt schon blöd, dass es so kurzfristig war, gerade München mit Wohnungssuche und so was. Ich hab auch erst mal im Hostel dann gewohnt."

"Ich verstehe das ja, dass man das erst auswerten muss und so, aber es ist schon blöd, terminlich. Also ich wohne jetzt in München, ich hatte jetzt auch nicht so das Problem, aber man sitzt halt auch auf glühenden Kohlen, und wenn man sich zum Beispiel für eine Ausbildung bewerben will, dann kriegt man so spät Bescheid, dass man sich eigentlich nicht bewerben kann."


Benedikt Schulz: Die Vergabe von Studienplätzen ist und bleibt ein Drama, seit Jahren – nicht zuletzt für die Studienanwärter selbst, wie wir gerade gehört haben. Die müssen warten, können sich keine Wohnung suchen, und manchmal erfahren sie erst mitten im Semester, dass sie einen Platz haben, was meist nichts anderes bedeutet, als dass das Semester verloren ist. 21.000 Studienplätze sind im Wintersemester 2014/15 wohl unbesetzt geblieben, das haben Recherchen des ZDF ergeben. Also überfüllte Hörsäle treffen auf leere Stühle. Da läuft was schief, und alle wissen es. Die Linke im Bundestag fordert deshalb ein zentrales Vergabesystem für Studienplätze. Am Telefon ist die hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Nicole Gohlke. Ich grüße Sie!

Nicole Gohlke: Ich grüße Sie!

Schulz: Frau Gohlke, früher gab's die ZVS, heute gibt es die Stiftung für Hochschulzulassung und das dialogorientierte Serviceverfahren. Früher war ja nicht alles besser, aber packt Sie angesichts dieser Statements von Studierenden aus Ihrer Heimat München die Sehnsucht nach der guten alten ZVS?

Gohlke: Na ja, tatsächlich war früher nicht alles besser, aber in diesem einen Punkt muss man sagen, es war tatsächlich noch etwas koordinierter geregelt und ich glaube auch etwas transparenter vom Verfahren her. In der Tat ist es mittlerweile so, dass jedes Semester wieder das gleiche Chaos existiert. Es ist so, dass nicht alle, die einen Studienplatz wollen und die eigentlich von Rechts wegen auch einen bekommen müssten, nicht alle von denen kriegen einen. Und es gibt eben sogar am Ende dann auch noch unbesetzte Plätze wegen Mehrfachbewerbungen. Auf unsere Kleine Anfrage hin hat die Bundesregierung da allerdings kein erhöhtes Problembewusstsein gezeigt, sondern hat eigentlich gesagt, na ja, in den Jahren, vielleicht bis 2018, wird man das in den Griff bekommen, aber sozusagen mit Sicherheit nicht durch vermehrte Anstrengungen der Bundesregierung. Und das halte ich schon für einen gravierenden Mangel.

Studienplatzvergabe zentral und gebührenfrei regeln

Schulz: Aber eigentlich haben sich doch die Hochschulen und auch die Länder das Dilemma irgendwie selbst zuzuschreiben. Das waren ja die Hochschulen, die haben gesagt, wir wollen Autonomie, wir wollen den perfekten Bewerber lieber selbst aussuchen. Dass der Ball jetzt bei denen liegt, ist doch nur konsequent, oder?

Gohlke: Dieses Problem, was wir jetzt sehen, darin kommt eigentlich zum Ausdruck ein grundsätzlicher politischer Prozess, den Sie gerade angesprochen haben, nämlich dass in den letzten Jahren oder vielleicht im letzten Jahrzehnt von politischer Seite das Auswahlrecht der Hochschulen gestärkt wurde, aber nicht mehr das der Studierenden. Und aus Sicht der Linken ist das ein völlig falscher Prozess, dem eigentlich entgegengesteuert werden müsste, weil was natürlich gestärkt werden muss oder wem zu seinem Recht verholfen werden muss, das sind natürlich die Studierenden und nicht die Hochschulen. Und deswegen gehören eigentlich die Studierenden und ihre Interessen wieder in den Mittelpunkt der Politik.

Schulz: Okay, dann fassen wir es konkret: Wie soll dieses Bundesgesetz aussehen, was Sie fordern?

Gohlke: Wir fordern als Linke ein Bundeshochschulzulassungsgesetz, wo die Bundesregierung in einem bundeseinheitlichen und transparenten Verfahren alle Hochschulen dazu verpflichtet, an diesem Verfahren auch teilzunehmen, und wo sozusagen auch gebührenfrei geregelt werden kann die Studienplatzvergabe. Wir glauben, es ist ganz oft ein hausgemachtes Problem und auch ein hausgemachtes Chaos, weil in der Tat wissen wir ja sehr genau seit vielen Jahren, wie viele Studienanfängerinnen und -anfänger jedes Semester kommen werden. Es ist auch möglich, ungefähr vorher schon herauszufinden, welche Neigungen die Studierenden haben werden, also es ist nicht so, dass die Politik darauf nicht reagieren könnte. Einziges Problem ist, dass bisher die Politik nicht reagiert und sich nicht zuständig fühlt. Dabei haben die Bundesregierung und der Bund seit 2006 ganz eindeutig das Recht zugesprochen bekommen, sich um die Zulassung, um den Zugang an den Hochschulen auch zu kümmern. Und von diesem Recht muss der Bund einfach nur Gebrauch machen.

Der Bund kann den Hochschulzugang regeln

Schulz: Gehen wir mal davon aus, dass der Wille unter Umständen bei der Politik und auch bei den Hochschulen selbst nicht vorhanden ist, dass wir also über kurz oder lang wohl noch eine Weile, mindestens eine Weile mit dem dialogorientierten Serviceverfahren leben müssen. Ein Problem an dieser Sache ist ja, dass gerade mal knapp die Hälfte der Hochschulen am Verfahren teilnimmt. Sollte man die Hochschulen dazu zwingen, kann man sie dazu zwingen?

Gohlke: Es ist tatsächlich so, dass auch in den letzten Föderalismusreformen ja der Bund das Recht bekommen hat, den Hochschulzugang zu regeln. Das tut er bislang nicht. Wenn man aber davon ausgeht, dass er das darf, dann würde das natürlich auch bedeuten, dass zumindest die Hochschulen in öffentlicher Trägerschaft sich an so einem Verfahren, das der Bund organisiert, auch beteiligen müssten. Davon gehen wir auf jeden Fall aus. Was ich problematisch finde, ist, dass jetzt mit dem letzten KMK-Beschluss vom Frühjahr ja relativ, wie soll ich sagen, hinter verschlossenen Türen beschlossen wurde, dass die Gebühren für dieses dialogorientierte Serviceverfahren nun den Hochschulen aufgedrückt werden sollen. Ich weiß nicht, ob die Tatsache, dass die jetzt auch noch die Gebühren dafür tragen sollen und ohnehin schon unterfinanziert sind, dazu beitragen wird, dass mehr Hochschulen teilnehmen werden.

Die Politik muss die Hochschulen verpflichten

Schulz: Aber dann noch mal die Nachfrage: Die Hochschulen, die wollten das doch eigentlich nicht anders, das ist dann doch auch nur konsequent, dass sie jetzt bezahlen dafür, oder?

Gohlke: Na ja, ich sag mal so, für mich ist einfach die Frage, wer bezahlt am Ende wirklich. Ich hab das Gefühl, die Studierenden bezahlen, nämlich die Studierenden, die keinen Studienplatz bekommen, die Studierenden, die ein Semester verlieren, weil sie viel zu spät Bescheid bekommen, dass sie doch zugelassen wurden. Das heißt, ich möchte einfach, dass da Abhilfe geschaffen wird, und finde an der Stelle, dass sozusagen die Politik dafür sorgen muss, dass das passiert. Und das kann eben auch durch ein Bundeshochschulzulassungsgesetz passieren, wo die öffentlichen Hochschulen tatsächlich auch verpflichtet werden, daran teilzunehmen.

Schulz: Sagt Nicole Gohlke, hochschulpolitische Sprecherin der Linksfraktion. Ganz herzlichen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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