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StartseiteBüchermarktVisionärer Weckruf für die Menschheit19.04.2012

Visionärer Weckruf für die Menschheit

"Wege der Hoffnung". Eine Streitschrift von Stéphane Hessel und Edgar Morin. Ullstein.

"Wege der Hoffnung" ist eine visionäre Schrift von Stéphane Hessel und Edgar Morin und zeigt die Missstände unserer gegenwärtigen Politik auf. Die Zerstörung der Umwelt und die Macht des Finanzkapitalismus sind die zentralen Probleme. Ihr Text gibt uns keine Lösung, sondern eine hoffnungsvolle Aufgabe.

Vorgestellt von Ursula Nowak

Sie ist die einzige, die wir haben. (Nasa)
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Menschgewordener Appell an das Gewissen

Hoffnung und Engagement für ein lebenswertes Dasein auf unserer Erde sind zu jeder Zeit des Lebens möglich. Das beweisen die Autoren Stéphane Hessel und Edgar Morin in ihrem gemeinsam verfassten kleinen Buch "Wege der Hoffnung". Zusammen sind die Beiden 184 Jahre alt. Sie haben Kriege und Wiederaufbau erlebt und es versteht sich von selbst, dass ihre Thesen auf Erfahrungen basieren. Nun machen die Autoren eine Bestandsaufnahme der Gegenwart und wenden sich an die Bürger. Bei Stéphane Hessel klingt das so:

"Liebe Mitbürger, wir wollen den verfehlten Kurs einer verblendeten, verhängnisvollen Politik anprangern. Wir wollen einen verheißungsvollen politischen Ausweg aufzeigen. Wir wollen eine neue Hoffnung begründen."

Als zentrale Verfehlungen der Politik heute nennen Hessel und Morin die Macht des Finanzkapitalismus und die Zerstörung unserer Umwelt. Sie fordern eine Multireform für eine pluralistische Wirtschaft und Maßnahmen zur Umweltpolitik. Aus dem Finanzkapitalismus sei eine Entartung des Wettbewerbs entstanden, soziale Ungerechtigkeit, Fremdenhass und fehlender Gemeinsinn. Das sind keine Neuigkeiten, aber Hessel und Morin haben in "Wege der Hoffnung" auf wenigen Seiten die gegenwärtige politische Lage präzise formuliert und in einer verständlichen Sprache auf den Punkt gebracht. Die Forderung nach Solidarität im Miteinander und neuen Gesetzen für Zuwanderer liegen besonders Stéphane Hessel am Herzen. Er war 1948 Sekretär der neu geschaffenen UN-Menschenrechtskommission und hat an der Resolution zur "Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte" mitgearbeitet.

"Diese Werte sind heute immer noch genauso wichtig, wie sie damals waren. Das Einzige, was ihnen fehlt, ist die Bekümmerung um die Erde. Wie die Erde von uns beschädigt worden ist in den letzten Jahrhunderten, darauf müssen wir jetzt ganz besonders uns bekümmern. Das steht in dieser 'Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte' überhaupt nicht. Damals hatte man das Gefühl, wir könnten immer weiter bohren und weiter Energien benützen. Jetzt wissen wir, dass das jetzt schnell zum Ende kommt, wenn wir nicht neue große Reformen durchbringen."

In den vergangenen Jahren hat sich vor allem Edgar Morin, der französische Philosoph und Soziologe, aktiv für den Umweltschutz eingesetzt und seine Schriften international verbreitet. In seinem 2011 erschienenen Werk "La voie", auf Deutsch: "Der Weg", verweist Morin auf die katastrophalen Folgen, wenn materieller Fortschritt zu Lasten der Umwelt erreicht wird. Die Sache ist klar: Wenn unsere Erde zerstört ist, können wir nicht mehr leben und nicht mehr handeln. Deutlich formulieren Hessel und Morin die absolute Notwendigkeit eines grundlegenden Wandels und beschwören wie in einem shakepeareschen Drama den Untergang unserer Zivilisation, wenn die Politik nicht endlich aufwacht.

"Wenn unser Weltsystem die Geister, die es rief, nicht mehr loswerden kann, wird es zerfallen oder auf eine frühere Stufe zurücksinken. Nur noch ein Neubeginn mit einem grundlegenden Wandel kann sein Überleben garantieren. Untergang oder Neubeginn, das ist die Frage. Ein solcher Neubeginn bedingt viele aufeinander bezogene Reform- und Transformationsschritte - Zuflüsse eines schließlich mächtigen Stroms. Aus unserer Epoche der Veränderungen ginge am Ende eine echte Veränderung der Epoche hervor."

Die Autoren appellieren an das Verantwortungsbewusstsein der Bürger. Die Globalisierung habe die Menschen in einer wechselseitigen Schicksalsgemeinschaft miteinander verbunden und das sei trotz aller negativen Erscheinungen der Globalisierung eine Chance. Hessel und Morin polarisieren nicht, sondern beschreiben die Globalisierung als das Beste und das Schlechteste, was dem Menschen widerfahren sei. Es geht den Autoren nicht um den Gegensatz von Wachstum und neuer Bescheidung. Sie fordern "eine Liste von Zielen der einen oder anderen Art." Wie diese Liste aussieht, wird nicht gesagt. In der Kürze des Buches "Wege der Hoffnung" können Ideen zu einer politischen Reform nur angeregt werden. Die Autoren ermahnen und fordern auf. Ihre Maxime lautet: Qualität anstatt Quantität. Stéphane Hessel verweist auf die befruchtende Moral und Spiritualität anderer Zivilisationen, wie beispielsweise die Weisheit des Ostens. Er wünscht sich Orte der Begegnungen, sogenannte "Häuser der Solidarität" oder "Häuser des zivilen Notdienstes". An diesen Orten könne solidarisches Denken kultiviert werden.

"... dadurch, dass man sich trifft, dass man miteinander spricht, dass man in großer Freiheit ohne die Regierung, die darüber aussagen soll, sondern unter sich, sich so verständigt, dass man die wichtigen Probleme, die es in unserer Gesellschaft immer mehr gibt, die auch dazu erziehen, dass man ärmer und undeutlicher sein Leben führt. Die Deutlichkeit kann dadurch kommen, dass in solchen Häusern Menschen zusammenkommen und sich gegenseitig dazu bringen, besser zu verstehen, was ihnen gut tun kann."

Das ist die Utopie des Humanisten Stéphane Hessel. Seit frühester Kindheit ist das Leben Hessels von der Poesie geprägt. Für Hessel ist die Poesie genauso wichtig wie Empörung und Engagement. Er fordert, dass die Kulturpolitik eine Politik der Ästhetik sei und dazu beitragen solle, dass die Poesie des Lebens Allgemeingut wird. Daher müsse auch die Bildungspolitik grundlegend reformiert werden, um verantwortungsbewusste Menschen zu erziehen. Gerade die Jugendlichen sind die Hoffnungsträger einer neuen Politik, doch die Voraussetzungen in Bildung und Erziehung sind bis heute unzureichend.

"Man muss daran denken, dass die Erziehung heutzutage eine neue, eine reformierte Erziehung sein kann und dass in allen Ländern darüber nachgedacht wird und daher kommt wahrscheinlich die grundlegendste Reform, die wir in unserem Büchlein vorschlagen."

"Wege der Hoffnung" ist eine visionäre Schrift von Stéphane Hessel und Edgar Morin. Zwei Widerstandskämpfer haben ihre intellektuellen Kräfte vereint, um die aktuellen Missstände unserer gegenwärtigen Politik aufzuzeigen. Die Zerstörung der Umwelt und die Macht des Finanzkapitalismus sind die zentralen Probleme. So wie es ist, kann es nicht bleiben. Morin und Hessel appellieren an das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen und fordern zu einem programmatischen Wandel auf. Die Lebenswege beider Autoren bestätigen, dass Engagement und Hoffnung notwendig sind für tatsächliche Veränderungen. Ihr Text gibt uns keine Lösung, sondern eine hoffnungsvolle Aufgabe. Und gerade das ist seine Stärke und seine Kraft.

Hessel Stéphane: "Wege der Hoffnung". Ullstein Verlag. Preis: 9,99 Euro. ISBN 978-3-550-08006-7.

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