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StartseiteKultur heuteDas Berliner Experiment ist gescheitert13.04.2018

Volksbühnen-Intendant Chris Dercon tritt zurückDas Berliner Experiment ist gescheitert

Nach dem Rücktritt von Chris Dercon als Chef der Berliner Volksbühne ist die Bilanz verheerend, sowohl künstlerisch als auch finanziell. Verantwortungslose Kulturpolitik traf auf einen blauäugigen Intendanten. Zurück bleibt ein ausgeblutetes Haus.

Von Susanne Burkhardt

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Chris Dercon  (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)
Chris Dercon gibt seinen Posten als Intendant der Berliner Volksbühne auf (picture alliance/dpa/Foto: Rainer Jensen)
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Kaum jemand hatte wohl noch damit gerechnet, dass Chris Dercon,  wie angekündigt, seinen Fünf-Jahres-Vertrag erfüllen würde. Zu deutlich war, in welch traurigem Zustand sich die Berliner Volksbühne, eine der wichtigsten deutschen Schauspielbühnen, nach der Übernahme durch den belgischen Museumsmann im Herbst des vergangenen Jahres befand: Schwindendes Publikum, seltene und nicht ausverkaufte Premieren, frustrierte Mitarbeiter, eine Geisterstimmung, gemischt, meist vernichtende Kritiken und jetzt das noch: ein Finanzdesaster.

Ökonomisch und künstlerisch fatales Gastspiel-Konzept

Am Montag trafen Chris Dercon und sein Team mit der Berliner Kulturverwaltung zusammen um einen Ausweg zu suchen. Heute dann erklärte der Kultursenator Klaus Lederer: "Er hat selber eingeschätzt, dass die Situation so ist, dass das Konzept nicht aufgegangen ist und das ein Umsteuern erforderlich ist. Und  wir sind gemeinsam zu dem Ergebnis gekommen, dass es dazu eines Neustarts bedarf  und das bedeutet dann eben auch, wir müssen jetzt gucken, was ist die konzeptionelle Idee, mit der Repertoire- und Ensembletheater an der Volksbühne gemacht werden kann. Herr  Dercon hat selber eingeschätzt, dass wenn er jetzt anfangen würde, sich  neue konzeptionelle Gedanken zu machen, es sehr sehr lange dauern würde, bis die sich praktisch materialisieren."

"Das  Ergebnis der Sitzung war wohl der Befund, das Geld reicht noch, um irgendwie den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können", sagt der Theaterkritiker Peter Laudenbach – Mitglied eines Recherchepools von rbb, NDR und Süddeutscher Zeitung, der die Krise der Volksbühne genauer untersucht hat. "Aber", so Laudenbach, "es gibt nicht mehr freie Mittel um im Laufe diesen Jahres noch eine große Eigenproduktion für die große Bühne zu stemmen. Das heißt die nächsten acht Monate hätte man das ohnehin sehr schlecht besuchte Angebot der Volksbühne strecken müssen.  Das ist ein unhaltbarer Zustand."

Fehlende Finanzplanung und Luftschlösser der Theaterleitung

Eine Situation, die eigentlich absehbar war: Chris Dercon hatte von Anfang an auf teure Gastspiele und große Namen gesetzt – nur: die müssen parallel finanziert werden. Ökonomisch fatal für ein Haus im klassischen Stadttheaterzuschnitt. Schon bei der Programmvorstellung fiel auf: ein Großteil der Produktionen war bereits woanders zu sehen, künstlerische Handschrift – eigenes Ensemble? Fehlanzeige! Dafür hohe Kosten. Und so traf – wie Laudenbach beschreibt – verantwortungslose Kulturpolitik auf einen Intendanten, der sein Geld großzügig ausgab – noch bevor es richtig losgehen konnte.

"Es gab so ein Großevent", sagt Peter Laudenbach, "ein Tag am Flughafen Tempelhof, Boris Charmatz "A dancers day".  Aus internen Unterlagen wissen wir, dass dafür ein Budget angesetzt war von 455000 Euro – für einen Tag – es wurde mit Geld sehr großzügig umgegangen und dann fehlt's irgendwann."

Vorher fehlte: eine tragfähige Finanzplanung – so übersah man beispielsweise, dass für Dercons Lieblingsprojekt, ein Performancecenter am Flughafen Tempelhof, keine Miete kalkuliert war. "Es sind alles Luftschlösser, die gebaut wurden", meint Theaterkritiker Laudenbach. "Dercon hat in seinem ersten Entwurf Sponsoreneinnahmen von 1,25 Millionen einkalkuliert. Das hat kein einziges Theater in Deutschland. Unser Eindruck ist ein wenig, dass die Politik darauf vertraut ist, dass Dercon, der in der Tate Modern in London sehr große Erfahrungen gesammelt hat in der Aquise von Sponsorengeldern, das auch in Berlin einfach hinkriegen wird, dass irgendwelche reichen Leute oder Unternehmen diese Tempelhofträume finanzieren werden. Das war sehr naiv, das zu glauben."

"Massives Versagen der Berliner Kulturpolitik"

Chris Dercon und seine Programmchefin Marietta Piekenbrock sind nicht unschuldig an dem katastrophalen Zustand der Volksbühne. Sie haben den Widerstand gegen ihr Konzept völlig unterschätzt. Sie haben oft nicht den richtigen Ton getroffen und sie waren – das muss man leider so sagen und das belegen fast alle dort  bislang zu sehenden Abende - von der Größe und Dimension des Hauses überfordert. Sie sind nicht Opfer einer bornierten Berliner Kulturszene und von Castorf-Bewunderern, selbst wenn viele Gefechte – auch das ist kritisch anzumerken - unter der Gürtellinie ausgetragen wurden – bis hin zu nicht zu rechtfertigenden persönlichen Angriffen.

Doch die zum Teil vielleicht voreiligen Vorbehalte gegen Dercons Programmideen und seinen Kurs haben sich nach und nach bestätigt. Den größten Teil des Desasters verantworten allerdings der amtierende Bürgermeister von Berlin und sein damaliger Kulturstaatsekretär, die Dercon nach Berlin holten.

"Man muss vor allen Dingen Michael Müller und Tim Renner zur Verantwortung rufen, weil die haben das zu verantworten, diese Entscheidung", findet auch Thomas Ostermeier, der künstlerische Leiter der Berliner Schaubühne: "Man kann von einem massiven Versagen der Kulturpolitik in Berlin sprechen", sagt Ostermeier. "Das ist das wichtigste Theater Berlins, das 25 Jahre prägend für die Theaterästhetik weltweit war. Dass durch eine Hauruckaktion Frank Castorf abserviert wurde, ohne Not das beendet wurde, das ist ein großer Schmerz, wenn man jetzt sieht, wie das Haus darnieder liegt."

Ungewisse Zukunft der Volksbühne

Tim Renner erklärte heute lakonisch: mit der Besetzung der Berliner Volksbühne sei man eben nicht erfolgreich gewesen. Jetzt muss Klaus Dörr, ab Sommer ohnehin neuer Geschäftsführer der Volksbühne, auch die Interimsleitung übernehmen und Lösungen finden, um das finanziell angeschlagene Haus über die nächsten Monate zu bringen. Ob er dazu weiteres Geld bekommt konnte oder wollte Kultursenator Lederer heute noch nicht sagen: "Wir werden jetzt eine Lösung suchen und wir wollen uns die Zeit lassen, die wir dazu brauchen. Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit – wir wollen ganz in Ruhe und mit kühlen Kopf dann überlegen, was für die Volksbühne das Beste ist."

Von Dercons künstlerischer Zeit an der Volksbühne wird nichts bleiben – die meisten seiner Produktionen oder Künstler sind ohnehin woanders zu sehen. Wer jetzt kommt, tritt zwar nicht mehr unmittelbar in den großen Castorf-Schatten – aber er trifft auf ein ausgeblutetes Haus.

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