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StartseiteBüchermarktVom Fan zum Autor02.09.2010

Vom Fan zum Autor

Hans Wollschläger über Gustav Mahler in "Der Andere Stoff"

In diesem Jahr wäre er 75 Jahre alt geworden: Der Schriftsteller, Übersetzer, Psycho-Analytiker und Privatgelehrte Hans Wollschläger. Außerdem war er ein Verehrer Gustav Mahlers. Unter dem Titel "Der Andere Stoff" ist nun ein Sammelband mit Texten Wollschlägers zu Mahler erschienen.

Von Richard Schroetter

Hans Wollschläger: Der Andere Stoff. Fragmente zu Gustav Mahler
Hans Wollschläger: Der Andere Stoff. Fragmente zu Gustav Mahler

Dass es in dieser entzauberten Welt, fern von christlichen Sonntagspredigten und "dem faulen Zauber des Kulturbetriebs" noch zu Heiligendes gibt, davon war der Pastorensohn aus dem westfälischen Minden, Hans Wollschläger, seit frühester Jugend überzeugt. Sacrosankt war ihm, dem Krausianer die Sprache, die tagtäglich barbarisch missbrauchte, ebenso heilig die Musik, die ihn noch tiefer berührte, aus der allein (laut Wollschläger) "die reine Wahrheit" spricht.

Über seine Hausgötter Kraus-Adorno-Joyce und Schmidt stellte der engagierte Tierschützer und Karl May-Experte noch den Leipziger Pantokratos Johann Sebastian Bach und den Schöpfer der "Sinfonie der Tausend", den nervösen Erzengel Gustav Mahler, dessen Kompositionen er "zur größten Musik überhaupt" erhob. Für diese würde er "notfalls den ganzen Rest der Musik weggeben".

Über Bach und Mahler hätte der Kompositionsschüler von Wolfgang Fortner gerne große Monografien geschrieben. Aber sein Brotberuf als Übersetzer hinderte ihn, sich solch immens zeitaufwendigen Projekten zu widmen. Emotional (identifikatorisch) fühlte er sich stärker zu Gustav Mahler, dem sensiblen hyperkritischen Intellektuellen hingezogen, der wie er selbst ein Doppelleben führte. Mahler, als einer der bedeutendsten Dirigenten des fin de siècle und als der von seinen Zeitgenossen belächelte Freizeit-Komponist, der die Sommerferien konsequent zum Komponieren nutzte. Wollschläger als gesuchter Übersetzter und viel bewunderter Schriftsteller, allerdings nur "für Eingeweihte".

Das böte eine Erklärung, warum Wollschläger kaum über Bach, aber immer wieder zu ganz unterschiedlichen Anlässen über Gustav Mahler geschrieben hat, - von 1960 bis zu seinem Tod 2007. Aufsätze, Rezensionen, Reden, Funkarbeiten, Miszellen, die jetzt erstmals gesammelt in Buchform vorliegen, die gleichzeitig auch ein lesenswerter Beitrag zur Mahler-Rezeption von der Adenauerära bis zur Jahrtausendwende sind. Von einem verfemten, fast nirgendwo gespielten Komponisten nach dem 2. Weltkrieg hierzulande zu einem Publikumsmagneten heute. Als Wollschläger zum ersten Mal um 1950 seinen Namen vernahm, war dessen Werk "die absolute Terra incognita".

"Meine Jugendjahre, in denen ich Musik 'gelernt' habe, fielen in das unmittelbare Nachkriegsjahrzehnt, in dem Mahlers Werk in Deutschland - Folge der Hitler-Barbarei - praktisch verschollen war; meine Lehrer hatten nie von ihm gehört; es war äußerst schwierig an Partituren zu gelangen; Aufführungen gab es kaum."

Für Wollschläger gilt, wie für die nach ihm kommende 68er-Generation: Sie hatten alle im Dritten Reich ihre Väter verloren, auch wenn sie noch lebten. Das Dritte Reich hatte den "deutschen Geist" kompromittiert, besonders dessen im Land gebliebenen Fachvertreter. So beginnt eine Suche nach anderen Leitfiguren mit menschlichem Antlitz und reiner Weste.

Wollschläger glaubte sie in Arno Schmidt und Theodor W. Adorno gefunden zu haben. Zu beiden suchte er den Kontakt, beide lernte er persönlich kennen. Adorno bewunderte er schon deswegen, weil der Frankfurter Professor nicht nur ein glühender Mahler-Verehrer, sondern darüber hinaus ein rigoroser Argumentierer und scharfer Dialektiker war, der Mahlers Genie nicht nur im kleinen Kreis, sondern in brillanten Vorträgen und Publikationen öffentlich anpries. Ihm schickte er Verehrerpost.

"An einen solchen Autor die eigenen fahrigen Worte zu richten, ist keine Kleinigkeit. Ich war 24 Jahre alt, als ich seinen ersten Brief empfing, und gerad anderthalb Jahr älter, als ich zum ersten Mal von ihm in Person empfangen wurde: Ich bedurfte wahrhaftig der Unverfrorenheit dieser Jahre, um auf das Erlebnis zuzulaufen, das mich erwartete. Das Zu-sammensein mit ihm 1960 in Wien, gehört zu meinen wunderbarsten Erlebnissen überhaupt."

Wollschlägers Notate zeigen aber auch, wie sehr er Adornos Mahler-Bild verinnerlicht hatte und dass er sich nie davon richtig zu lösen vermochte. Der Anspruch, dem Frankfurter Kulturphilosophen zu genügen, mag ein anderer Grund gewesen sein, warum sein eigenes großes Mahlerprojekt nicht zustande kam. Doch verdanken wir dieser Begegnung ein Dutzend kleinere Arbeiten, darunter einen sehr persönlich gehaltenen autobiografischen Text, der zum schönsten dieses merkwürdigen Mahler-Buches gehört.

Abschließend noch ein Hinweis auf Gustav Mahler selbst, dessen 150. Geburtstag in diesem Jahr und dessen 100. Todestag im nächsten gefeiert wird. Im Wiener Zsolnay Verlag ist jetzt - nach der Korrespondenz mit Anna von Mildenburg - ein weiterer Band mit Briefen erschienen. Diesmal an seine Kollegen. Unter den Adressaten finden sich so illustre Namen wie Bruckner, Dvorak und Strauss, wie Arnold Schönberg und die Herrin von Bayreuth, Cosima Wagner. Mahler in den Fängen des Kulturbetriebs. Auch das - eine durchaus erhellende Lektüre.

Gustav Mahler "Verehrter Herr College!" Briefe an Komponisten, Dirigenten, Intendanten – herausgegeben von Franz Willnauer - 424 Seiten, Preis: 24.90 Euro Zsolnay-Verlag, Wien 2010.

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