• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 04:00 Uhr Nachrichten

Vom Nehmen und Geben

Herbert Güttler: "Beutekunst?", Bouvier Verlag

Am Ende des Zweiten Weltkriegs verschwand jede Menge Gold aus Berlin in Richtung Moskau, aber auch ganze Bibliotheken und Altäre. In seinem gleichnamigen Werk befasst sich der Autor Herbert Güttler mit dem sensiblen Thema Beutekunst.

Von Christiane Florin

Auf 200.000 Kunstschätze, 4,8 Millionen Bücher und drei Kilometer Archivalien hat das Innenministerium allein die russische Beute beziffert. (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)
Auf 200.000 Kunstschätze, 4,8 Millionen Bücher und drei Kilometer Archivalien hat das Innenministerium allein die russische Beute beziffert. (Germanisches Nationalmuseum Nürnberg)

Mainhardt Graf Nayhauss, politischer Klatschkolumnist der "BILD-Zeitung", hat das Buch zwar nicht rezensiert, aber gelobt: Der Band "Beutekunst?" von Herbert Güttler sei die sensationellste Enthüllung der Saison, schwärmte er kürzlich. Angesichts des Lobes mögen Noch-Nicht-Leser vermuten, dass Güttler endlich das Bernsteinzimmer gefunden hat. Hat er aber nicht. Herbert Güttler ist kein Schatzsucher, sondern ein langgedienter Beamter. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2003 arbeitete er beim Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, 1975 hatte er seine Karriere, die ihn durch diverse Ministerien führte, begonnen. Güttler war an vielen Verhandlungen über die Rückgabe von, wie es im Amtsdeutsch heißt, "kriegsbedingt verbrachten Kulturgütern" beteiligt.

"Nicht nur aus völkerrechtlichen Gründen und weil es in den Verträgen steht, sondern im Hinblick auf die im alten Europa entwickelten Standards des Umgangs der Nationen miteinander, des kulturellen Austausches und auf die Heilung von Kriegswunden bin ich ein Verfechter der Rückführung von kriegsbedingt verbrachtem Kulturgut."

Auf 200.000 Kunstschätze, 4,8 Millionen Bücher und drei Kilometer Archivalien hat das Innenministerium allein die russische Beute beziffert. In seinem Buch beschreibt Güttler mit amtlicher Akribie die vielen Treffen mit den Vertretern Russlands, Polens, der Ukraine und Frankreichs. Sensationell ist nicht das, was geschah. Sensationell ist das, was nicht geschah. Diverse Bundesregierungen bemühten sich um die Gemälde, Bücher und Handschriften, die Stalins Trophäenkommission nach dem Sieg über Nazi-Deutschland in die Hände gefallen waren – 1992 begannen die Verhandlungen mit Russland, bis heute sind die Ergebnisse aus deutscher Sicht bescheiden. Im Bundesinnenministerium, das bis zur Ernennung eines Kulturstaatsministers im Jahre 1998 für das Thema zuständig war, bezeichnete man die Beutekunststücke als die "letzten Kriegsgefangenen". Schon dieses Diktum zeigt: Im Thema Beutekunst vereinen sich Piratenfilmfantasie und Pathos, große Emotionen und juristisches Kleinklein. In Güttlers Buch mischt sich bisweilen der Boulevard in die Bürokratie. Fleißig protokolliert der Autor alle Sitzungen, exakt vermisst er jeden Fort- und vor allem jeden Rückschritt in den Verhandlungen. Der Leser erfährt darüber hinaus aber auch vieles über die Rauchgewohnheiten seiner Vorgesetzten, die Trinksitten russischer Kulturverantwortlicher und den eiskalten Charme Moskauer Museumsherrinnen.

Bei aller Internationalität verhandelt der Autor auch ein sehr deutsches Thema: In vielen Passagen beklagt er die Kluft zwischen der fachkundigen Arbeitsebene, also Leuten wie Güttler selbst, und den zwar glamourösen, aber wenig beutekunstkompetenten Kulturstaatsministern wie Michael Naumann und Julian Nida-Rümelin. Kopfschütteln und Irritation hätten Naumanns Debüt-Vorschläge bei den Ministerialen ausgelöst, weiß Güttler zu berichten. Über ein Treffen zwischen dem russischen Kulturminister Schwydkoj und seinem deutschen Kollegen schreibt der Pensionär süffisant:

"Schwydkojs Verhältnis zur deutschen Sprache schien ausgeprägter zu sein als das von Staatsminister Naumann, der sogar dann ins Englische verfiel, als Russisch und Deutsch als Konferenzsprachen vereinbart waren."

Diese stilkritische Anekdote mag kulinarisch klingen, Güttlers Unbehagen ist jedoch grundsätzlich: Die deutsche Seite zeigte sich seiner Meinung nach wenig selbstbewusst, zu sehr ließ sie sich von politisch korrekten Erwägungen leiten. Sie beharrte nicht auf ihrem guten Recht, sie kämpfte nicht entschieden, sondern sie ließ sich mit moralischen Argumenten einschüchtern.

"Menschenleben lassen sich nicht aufrechnen – weder in Zahlen noch in der Summe des Leides. Weder mit Kulturgut noch mit Reparationen kann menschliches Leid gutgemacht werden. Leider fanden sich in Russland im gesamten Verhandlungsprozess jedoch immer wieder Stimmen, die bei der Weigerung der Rückgabe deutschen Kulturgutes auf den Verlust russischer Menschenleben verwiesen haben."

Russland legalisierte mit dem Beutekunstgesetz Ende der 1990er-Jahre sein prinzipielles Njet. Dieses Gesetz sah Rückgaben nur in Ausnahmen vor. Für die russische Seite darf man nach der Lektüre von Güttlers Buch durchaus von Verhandlungskunst sprechen, die Deutschen hatten sich in die Rolle des Beutekunst-Bittstellers drängen lassen. Der Bundesregierung fehlte ein Konzept, dem Bundestag das Interesse am Thema und den Bundesländern der Sinn fürs große Ganze. Auch in den Verhandlungen mit Polen vermisst Güttler bei seinen eigenen Chefs die Entschiedenheit. Dabei ging es nicht nur um Kulturgüter, sondern um Leitkulturgüter: In der Krakauer Universitätsbibliothek lagern zum Beispiel bedeutende Handschriften Beethovens, darunter der dritte Satz seiner Achten Sinfonie. Und wieder steht nach Güttlers Meinung die politische Korrektheit dem gesunden Menschenverstand im Wege:

"Die Vorsicht war immer zu groß, anecken wollte niemand, die Stimmung sollte immer auf freundlich gehalten werden, und man hatte eben nichts zu wünschen oder zu wollen, sondern vielleicht eher zu helfen und zu geben. Wie in den Jahren zuvor geübt blieb diese Haltung unseren polnischen Nachbarn nicht verborgen."

Das Buch "Beutekunst" changiert stilistisch zwischen trockenem Amtston und jenem süffigen offenbar-und-anscheinend-Geraune, das auch Polit-Kolumnisten wie Graf Nayhauss auszeichnet. Es ist eine Schatzkiste für Fakten und Anekdoten. Obwohl reichlich Hochprozentiges fließt, bleibt der Leser ernüchtert zurück. Er lernt: Die völkerversöhnende Wirkung von Kunst und Kultur ist alles andere als berauschend. Die der Kulturbürokraten dagegen schon eher. Denn auch das nimmt man mit: Wenn Politiker und Medien etwas mehr auf Beamte wie Güttler gehört hätten, dann wäre die Ausbeute größer gewesen.

Herbert Güttler: Beutekunst?
Ein kritischer Blick auf die deutsche Kulturpolitik.
Bouvier Verlag, 360 Seiten, 36 Euro
ISBN 978-3-416-03294-0

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk