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StartseiteForschung aktuellVom Verbundnetz zum Super-Smartgrid21.05.2012

Vom Verbundnetz zum Super-Smartgrid

Für die Energiewende müsste selbst ein dezentrales Stromnetz stark ausgebaut werden

Energie.- Dezentrale Energieerzeugung: ein Schlagwort für die Energiewende. Es klingt verbrauchernah und scheint daher einen starken Netzausbau überflüssig zu machen. Doch das ist ein Irrtum. Gerade die dezentrale Stromerzeugung macht mehr Stromleitungen notwendig als heute.

Von Sönke Gäthke

Bisher waren die Stromautobahnen Einbahnstraßen zu den Häusern und Fabriken. Das müsste sich ändern.  (AP)
Bisher waren die Stromautobahnen Einbahnstraßen zu den Häusern und Fabriken. Das müsste sich ändern. (AP)

"Was einem am ehesten in den Sinn kommt, wenn man von dezentraler Energieerzeugung spricht, dann sind es eben kleine Kraftwerke, die in Verteilnetzen angeschlossen werden",

sagt Dierk Bauknecht, Energieexperte des Öko-Instituts in Freiburg. Damit klingt "dezentrale Energieerzeugung" wie ein Gegenbild zur heutigen Stromerzeugung: heute große Kraftwerke, die ihren Strom ins Höchstspannungsnetz einspeisen; in der Zukunft viele kleine Kraftwerke - Photovoltaik-, Windkraft- und Biogasanlagen - die direkt vor Ort Strom erzeugen, und damit Leitungsmasten überflüssig machen.

"Und das ist sicherlich auch ein wichtiges Element von Dezentralisierung",

aber es ist eben nur ein Element, nur ein Teil der Wahrheit, wenn es um den Umbau der Stromversorgung geht. Wichtig ist die Frage:

"Sind diese kleinen Kraftwerke dann auch dort angeschlossen, wo die Verbraucher sind, oder stehen sie irgendwo ganz woanders?"

Die großen Kraftwerke wurden früher in der Nähe der großen Verbraucher gebaut: der Industrie, Ballungsgebiete und großen Städte. Der Strom sollte nicht weiter als 100 Kilometer transportiert werden müssen. Deshalb zum Beispiel wurden Atomkraftwerke in der Nähe von Ballungszentren gebaut. In diesem Sinne war das Stromnetz dezentral. Für Sonne und Wind trifft das nicht zu.

"Also, wenn wir jetzt die Deutschlandkarte insgesamt anschauen, dass die geografische Verteilung der Kraftwerke sich verändert, und wir eben eine sehr starke Konzentration von Windanlagen im Norden Deutschlands haben, sehr viel PV, Photovoltaikanlagen im Süden Deutschlands, also da gibt es auch eine sehr, sehr starke Verschiebung, und in dem Sinne eher eine Zentralisierung, weil wir heute einfach zunehmend Anlagen in Regionen haben, wo wir die Energie so gar nicht benötigen."

Andere Regionen dagegen, wie etwa Nordrhein-Westfalen, können unter Umständen gar nicht genug regenerativen Strom erzeugen, um den Bedarf der Industrie, des Handels und der Privathaushalte zu decken, Stromleitungen bleiben daher unverzichtbar:

"Grundsätzlich denke ich nicht, dass diese sehr starke Veränderung der Erzeugungsstruktur Richtung dezentral den Netzausbau einsparen kann, und das aus zwei Gründen. Zum einen müssen mehr Höchstspannungsleitungen – Stromautobahnen – gebaut werden, damit die Stromnetzbetreiber diese im Norden und Süden erzeugten Energiemengen überhaupt dahin leitet können, wo sie vor allem gebraucht werden: in Nordrhein-Westfalen und entlang des Rheins. Netzausbaubedarf ist jedoch noch mehr",

so Dierk Bauknecht.

"Man muss sich dann auch anschauen, was man braucht, um solche dezentralen Strukturen aufzubauen."

Denn Solarzellen und Windräder liefern ihren Strom nicht wie die großen Kraftwerke direkt in die Stromautobahnen, sondern in das Verteilnetz – die Strom-Landstraßen sozusagen. Die gehören nicht den großen vier Transportnetzbetreibern, sondern mehr als 850 mittleren und kleinen Unternehmen. Und diese Unternehmen sammeln den Solarstrom oder Windstrom von vielen Anlagen ein und leiten diesen dann gebündelt in die Stromautobahnen. Nur: für diese Aufgabe sind die Stromlandstraßen gar nicht gebaut worden. Sie waren bisher Einbahnstraßen von den Stromautobahnen zu den Häusern und Fabriken. Und das ist der zweite Grund, warum Dierk Bauknecht glaubt, dass dezentrale Energieerzeuger einen Netzausbau nötig machen: Diese Verteilnetze müssen aufgerüstet werden – was Forscher und Netzbetreiber derzeit als "Smart Grid" diskutieren.

"Es gibt auch dieses schöne Stichwort des Super-Smart Grid, dass man eben diese beiden Konzepte verbindet, und ich denk, das wird auch passieren, dass man auf der einen Seite sehr viel mehr sehen wird in den Verteilnetzen, aber diese sehr viel dezentraler organisierten Strukturen dann auch wieder sehr großräumig miteinander verknüpft werden. Also insofern wird beides wahrscheinlich zusammen kommen."

Und insofern ist "dezentrale Energieversorgung" tatsächlich ein Gegenbild zur heutigen Stromerzeugung. Nicht, weil weniger Stromleitungen notwendig wären, sondern weil mit dem Umstieg auf Erneuerbare Energien das Stromnetz umgebaut werden muss.

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