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Von Rastafaris bis zu UFOS in der chinesischen Provinz

Neue Filme im Kino

Von Jörg Albrecht

"The First Rasta" erzählt die Geschichte des Begründers der Rastafari-Bewegung.
"The First Rasta" erzählt die Geschichte des Begründers der Rastafari-Bewegung. (AP Archiv)

Während "The First Rasta" die Geschichte des Jamaikaners Leonard Howell erzählt, schildert Xiaolu Guo in "UFO in her Eyes" das Leben in der chinesischen Provinz. Jessica Krummacher bildet in "Totem" die Abgründe des Kleinbürgertums ab, und "Marvel´s The Avengers" bietet ein Superheldenabenteuer.

"The First Rasta" von Hélène Lee

Er könnte hier sitzen, ohne dass du ihn siehst. "The Gong" habe eben magische Kräfte. Ein alter Mann erinnert sich an Leonard Howell, genannt The Gong. Der Jamaikaner, der 1981 in Kingston gestorben ist, gilt als erster Rasta und Begründer der Rastafari-Bewegung. Mit "The First Rasta" hat die französische Journalistin Hélène Lee aus ihrem gleichnamigen, 1999 veröffentlichten Buch über Howell einen Dokumentarfilm gemacht. Diese literarische Vorlage kann der Film nie ablegen – zumal es keine bewegten Bilder von Howell gibt, abgesehen von einigen wenigen Aufnahmen von seiner Beerdigung.

Etwas didaktisch und mit Informationen überfrachtet, wird Howells Biografie mit der Weltgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verknüpft. Howell gründet die Rastafari-Kommune und lehnt sich immer wieder gegen die britische Kolonialmacht, gegen Plantagenbesitzer und gegen die Kirche auf. Die Chronologie der Ereignisse wird von der Regisseurin mit zahlreichen, allerdings nur bedingt aussagekräftigen Interviews unterfüttert. Statt Leonard Howell für die 90 Minuten ihrer Dokumentation zum Leben zu erwecken, wandelt der erste Rasta mehr wie ein Geist durch diesen Film.

"The First Rasta" von Hélène Lee – zwiespältig!

"UFO in her Eyes" von Xiaolu Guo

Viel will auch die aus China stammende Filmemacherin Xiaolu Guo in ihrem unter anderem von Fatih Akin produzierten Film "UFO in her Eyes". Zu viel! Basierend auf ihrem eigenen Roman "Ein Ufo, dachte sie" schildert Xiaolu Guo das Leben in der chinesischen Provinz vor dem Hintergrund der ökonomischen Veränderungen in dem Land und der Einflüsse einer globalisierten Welt.

"Die Ortsvorsteherin glaubt, dass es in anderen Galaxien genau solche Planeten wie die Erde gibt. Und deren Bewohner besuchen uns von Zeit zu Zeit. Deshalb haben wir ihr Ufo gesehen. Direkt über dem Dorf."

Das Ufo gesehen haben will Kwok Yun, eine Bewohnerin des Dorfes Dreiköpfiger Vogel. Für die ehrgeizige Ortsvorsteherin wird Kwok Yuns Ufo-Geschichte zur Initialzündung. Sie will für ihr 750-Seelen-Dorf den Weg in die Moderne ebnen – inklusive Wolkenkratzer und UFO-Vergnügungspark.

"Ich sage Ihnen, Disneyland wird blass aussehen dagegen. – Danke, danke – das reicht."

Da ergeht es dem Regierungsbeamten, der sich den Fünf-Jahres-Plan für Dreiköpfiger Vogel anhört, nicht anders als dem Zuschauer: Es reicht wirklich. Denn in Xiaolu Guos Film geht nichts zusammen. Was soll "UFO in her Eyes" sein? Eine Posse, eine Groteske, ein Stück aus Absurdistan? Oder doch eine märchenhafte Parabel, vielleicht auch eine Politsatire über das heutige China? Wohl etwas von allem ist diese Ideensammlung, der ein roter Faden und ein schlüssiges Drehbuch fehlen.

"UFO in her Eyes" von Xialo Guo – enttäuschend!

"Totem" von Jessica Krummacher

"Und wo habt ihr sie her?
Wo haben wir sie her, Claudia?
Internet.
Internet?
Auf Fiona!"

Noch so ein kaum geglückter Ideenfilm. "Totem" ist die Abschlussarbeit von Jessica Krummacher an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Eine Geschichte aus einem deutschen Reihenhaus. Mit hässlicher Einrichtung und hässlichen Menschen, die darin leben. Die Jungregisseurin hat offensichtlich genauso einen Film machen wollen, wie sie der Österreicher Ulrich Seidl dreht. Haushaltshilfe Fiona trifft auf eine Familie – Vater, Mutter, fast erwachsene Tochter, kleiner Sohn – und analysiert:

"Im Moment ist das Heute alles für mich. In diesem Haus ist das Heute alles. Denn Claudia kann das Heute nicht mehr fassen. Wolfgangs Heute ist woanders als daheim."

Das war es dann auch schon mit dem Rumpsychologisieren. Denn Jessica Krummacher bildet die Abgründe des Kleinbürgertums einfach ab. Soziale Entfremdung, Einsamkeit und Sprachlosigkeit werden hier bei Eierlikör, Kartoffelsalat und im Rippenunterhemd gelebt. Mutti darf auch noch mit zwei Babypuppen spielen, Vati irgendwann mit Fiona. Dann läuft ein Skorpion über den Küchenboden. Ein Bild – so bemüht und falsch wie der ganze Film. Soll es doch andeuten, dass ein Suizid kurz bevorsteht. Hätte die Filmemacherin nachgelesen, dann wüsste sie, dass sich auch ein Skorpion – entgegen der weitläufigen Meinung – nicht selbst töten kann.

"Totem" von Jessica Krummacher – enttäuschend!

"Marvel´s The Avengers" von Joss Whedon

"Schauen wir mal, wen wir hier so haben! Wir haben ein paar Superkiller, einen Mann mit atemberaubenden Aggressionsbewältigungsproblemen, einen Halbgott, einen Supersoldaten und mich."

Na da sollte sich der Bösewicht aber geschmeichelt fühlen. Schließlich wird gleich ein halbes Dutzend Superhelden aufgeboten, um den Weltfrieden zu sichern. Sie heißen Iron Man, Thor, Hulk, Captain America, Hawkeye und Black Widow. Fünf Männer und eine Frau mit sagenhaften Kräften und ebensolchen Egos. Letztere gilt es jedoch hinten anzustellen, denn Kooperation ist gefragt bei der Entscheidungsschlacht um die Erde.

"Ich gebe zu, wir mussten uns erst aneinander gewöhnen."

Diese Konstellation sorgt für komische und geistreiche Momente in einem Superheldenabenteuer, dessen Regisseur Joss Whedon es verstanden hat, die oft nur redundanten Materialschlachten mit Spannungsbögen zu verzieren und die Figuren aus ihrer Eindimensionalität zu befreien.

"Marvel´s The Avengers" von Joss Whedon – empfehlenswert!



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Die Hölle im Reihenhaus

 

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