• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 15:05 Uhr Corso - Kultur nach 3
StartseiteKalenderblattNuklearunfall über Spanien mit weitreichenden Konsequenzen17.01.2016

Vor 50 JahrenNuklearunfall über Spanien mit weitreichenden Konsequenzen

Am 17. Januar 1966 kam es über dem südspanischen Dorf Palomares zu einem der größten Nuklearunfälle während des Kalten Krieges. Beim Betanken stießen ein Tankflugzeug und ein US-amerikanischer Bomber vom Typ 52 zusammen, an Bord waren vier Wasserstoffbomben. An den Folgen des Unfalls leidet die Bevölkerung bis heute.

Von Julia Macher

Hinter einem grünen Zaun in der andalusischen Ortschaft Palomares befindet sich ein Gelände, auf dem das staatliche Institut Ciemat nach Plutoniumspuren sucht. (dpa / picture alliance / Bodo Marks)
Hinter einem grünen Zaun in der andalusischen Ortschaft Palomares befindet sich ein Gelände, auf dem das staatliche Institut Ciemat nach Plutoniumspuren sucht. (dpa / picture alliance / Bodo Marks)

"Wir haben plötzlich einen Knall gehört, eine Explosion, und sind ganz erschrocken nach draußen gerannt. Da haben wir gesehen: Der Himmel brennt ja! Es fällt Feuer herab!"

Den 17. Januar 1966 vergessen die Einwohner von Palomares ihr Leben lang nicht. Am frühen Morgen waren über dem andalusischen Küstendorf ein Tankflugzeug und ein Bomber der US-Armee, der mit Treibstoff versorgt werden sollte, zusammengestoßen. Beide Maschinen stürzten ins Mittelmeer, sieben der elf Besatzungsmitglieder starben.

Der Bomber befand sich auf dem Rückweg von einem Einsatz der Operation "Chrome Dome", regelmäßigen Abschreckungsflügen an der sowjetischen Grenze, und hatte vier Wasserstoffbomben an Bord – jede mit der 75-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Gerüchte über einen Atomunfall kursierten. Gewissheit gab es erst drei Wochen später, als die USA auf Druck der Sowjetunion den Verlust einer Bombe zugaben. Die amerikanische Botschaft und die spanische Regierung luden zum Ortstermin. Mateo Madridejos berichtete für die katalanische Zeitung "El Periódico".

"Als wir in Palomares ankamen, wussten wir nur, dass die USA eine Bombe verloren hatten. Wir haben vermutet, dass sie im Meer nach ihr suchten, vom Strand aus sahen wir ein Manöver auf See. Es war klar, dass irgendetwas nicht stimmte: Eine Zone war abgesperrt. Wir hatten aber keine Ahnung, dass das mit radioaktiver Strahlung zu tun hatte. Von den anderen drei Bomben hatten die Amerikaner nichts gesagt."

Umgehend nach dem Unfall hatte das Pentagon "Broken Arrow" ausgegeben, den Code für den Verlust von Nuklearwaffen. Sondereinsatzkommandos durchkämmten die dünnbesiedelte Gegend, bargen nach 48 Stunden drei der Bomben. Die vierte fand man 80 Tage später, auf Hinweis eines Fischers. Die USA hatten bei der Suche um maximale Geheimhaltung gebeten, Spanien leistete Folge. Der Franco-Diktatur lag viel an guten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Vor der Presse betonte der spanische Tourismus- und Informationsminister Manuel Fraga:

"Jeder Fortschritt bringt neue Probleme, aber wir müssen uns klar machen, dass diese Probleme nicht größer sind als früher. Als Teil der westlichen Allianz zur Verteidigung der freien Welt müssen wir gewisse Risiken auf uns nehmen. Diese Risiken sind aber überschaubar. Die Gefahr wäre viel größer, wenn wir der ständigen Bedrohung schutzlos ausgeliefert wären. Dieses zufällige Unglück hat vor allem eins bewiesen: Unsere Verteidigungswaffen sind absolut sicher, denn es hat keine atomare Explosion gegeben."

Folgen des Unfalls bis heute spürbar

Dann ging Fraga gemeinsam mit dem US-Botschafter baden. Die Bilder des im Mittelmeer planschenden Ministers gingen um die Welt und suggerierten: Alles bestens! Doch der Schein trog. Beim Aufprall war die Schutzhülle zweier Bomben beschädigt worden. Das ausgetretene Plutonium hatte sich durch die Explosion entzündet und wolkenartig ausgebreitet. Über 200 Hektar Land waren radioaktiv verseucht. Die USA hatten nach dem Bombenfund zwar eiligst die oberste Erdschicht abtragen lassen, Pflanzenreste verbrannt, Plutoniumstaub von Wohnhäusern gespritzt. Doch wichtiger als eine gründliche Säuberung war die rasche Rückkehr zur Normalität. Auch für Spanien. Schließlich stand, das machte Fraga in Palomares klar, ein kommender Wirtschaftszweig auf dem Spiel:

"Als Tourismusminister habe ich die große Ehre, ganz bald hier in der Nähe den Parador von Mujácar einweihen zu dürfen."

Vom einsetzenden Tourismus-Boom profitierte man in Palomares nicht, da Investoren die Zone mieden. Die Folgen des Unfalls aber spürt man bis heute. Bodenmessungen ergaben immer wieder erhöhte Strahlenbelastung, 2004 wurden besonders verseuchte Grundstücke enteignet, das Gebiet teilweise gesperrt. Die Bewohner werden regelmäßig medizinisch untersucht, die Gutachten sind aber unter Verschluss. Im Oktober 2015 einigten sich die spanische Regierung und Washington auf den Abtransport der restlichen kontaminierten Erde in die USA. Der Journalist Mateo Madridejos bleibt skeptisch.

"So etwas ist extrem teuer. Außerdem wissen wir nicht, ob nicht auch tiefere Erdschichten verseucht sind."

Wieviel Plutonium damals freigesetzt wurde, weiß bis heute niemand. Die nuklearbewaffneten Bereitschaftsflüge der Operation "Chrome Dome" stellten die USA zwei Jahre nach dem Unglück ein.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk