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Startseite@mediasresWie Journalisten künftig mit Umfragen umgehen wollen10.08.2017

WahlumfragenWie Journalisten künftig mit Umfragen umgehen wollen

Umfragen sind keine Prognosen über einen Wahlausgang, sondern bilden die politische Stimmung zum Zeitpunkt der Umfrage ab ab. Genau das wollen nun Journalisten vor den Bundestagswahlen deutlicher darstellen. Dafür hat sich die Süddeutsche Zeitung Visualisierungen für ihre Leser ausgedacht.

Von Stefan Fries

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Ein Abgeordneter schaut sich am 22.06.2017 im Thüringer Landtag in Erfurt (Thüringen) die vom Mitteldeutschen Rundfunk (mdr) veröffentlichten Umfragezahlen zur Sonntagsfrage an. Die Altersgrenze von 65 Jahren für hauptamtliche Bürgermeister und Landräte in Thüringen könnte fallen. Vertreter der rot-rot-grünen Koalition signalisierten am Donnerstag im Landtag Unterstützung für eine entsprechende Gesetzesinitiative der oppositionellen CDU-Fraktion. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (dpa-Zentralbild)
Umfrageergebnisse bilden lediglich eine politische Stimmung ab (dpa-Zentralbild)
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Ellen Ehni in den Tagesthemen:

"Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, dann käme die Union auf 39 Prozent, ein Punkt mehr im Vergleich zum Vormonat. Die SPD landet bei 23 Prozent, verliert einen Punkt..."

Der ARD-Deutschlandtrend von Anfang Juli klingt wie eine Statistik. Moderatorin Ellen Ehni präsentiert die Ergebnisse der Sonntagsfrage, für die das Umfrageunternehmen Infratest Dimap alle paar Wochen etwa tausend Wahlberechtigte befragt.

Umfragen sind keine Prognosen

Am 24. September wird man sehen, wie zuverlässig diese Daten waren – das glauben zumindest viele Wähler, denn für sie ist die Sonntagsfrage eine Prognose des Wahlergebnisses. Und wenn das anders ausfällt, stehen die Demoskopen in der Kritik. Doch Ellen Ehni wiegelt ab:

"Das ist genau das Problem, dass Umfragen eben keine Prognose über einen Wahlausgang sind, sondern eine politische Stimmung aktuell im Land abbilden. Und da können sich die Journalisten als Zunft auch gemeinsam an die eigene Nase fassen, zu sagen - selbst in unserem eigenen Medium - Umfragen sagen einen knappen Wahlsieg von MMM voraus oder was auch immer, das ist falsch. Eine Umfrage sagt kein Wahlergebnis voraus."

Dass das so wahrgenommen wird, führt Michael Kunert, Geschäftsführer von Infratest Dimap, unter anderem darauf zurück, dass die Umfragemethoden in den letzten Jahren enorm verbessert wurden und die Ergebnisse immer präziser die politische Stimmung im Land abbilden konnten:

"Weil die Zahlen so gut waren in der Vergangenheit, und insofern führte das immer wieder zu Irritationen, wenn dann eben einzelne Wahlen sehr viel schlechter waren."

Dabei sind Abweichungen nicht unüblich. Bei einem Wert von 40 Prozent etwa für CDU/CSU liegt die Fehlertoleranz bei plus/minus drei Prozent. Die Union liegt also genauer gesagt irgendwo zwischen 37 und 43 Prozent. Diese Fehleranfälligkeit der Daten nennen Journalisten aber selten, weil es die begrenzte Aussagekraft der Daten zeigen und manche Zuspitzung vereiteln würde.

Spannbreite der Ergebnisse besser darstellen

Einige Journalisten denken aber inzwischen um. Sie haben gelernt aus dem Misstrauen gegenüber Demoskopen, denen auch die falsche Voraussage des Brexits und der US-Präsidentschaftswahl angelastet wurde.

"Ich glaube, es ist wichtig, den Lesern und Nutzern klarzumachen, dass es diese Unsicherheit gibt."

Katharina Brunner aus der Entwicklungsredaktion der Süddeutschen Zeitung etwa will daraus lernen, dass viele ihrer Leser offenbar nicht mehr verstehen, wie aussagekräftig so eine Umfrage ist:

"Wir haben uns dazu zwei Visualisierungen überlegt, bei denen man auf den ersten Blick erkennen soll, dass es sich um eine Spannbreite von möglichen Werten handelt, wie das momentane politische Stimmungsbild ist."

Seit April visualisiert die SZ online die Fehlertoleranz. Dort stehen dann zum Beispiel für die SPD 21 bis 25 Prozent, für die AfD 7 bis 9 Prozent. Versehen mit dem Hinweis:

"Umfrageergebnisse liefern keine exakten Werte, sondern geben eine Spanne an, innerhalb der die Ergebnisse für eine Partei wahrscheinlich liegen."

Und die SZ legt nicht nur eine einzige Umfrage zugrunde, sondern berechnet den Mittelwert aus den Ergebnissen von sieben Umfrageunternehmen, um damit Einseitigkeiten bei der Gewichtung der Daten zu reduzieren.

Auch Spiegel Online macht das inzwischen bei der Sonntagsfrage so, deren Daten das Portal zusammen mit dem Umfrageunternehmen Civey erhebt. Christina Elmer aus der Chefredaktion hofft, dass die neue Darstellung die Nutzer erst mal ein bisschen verwirrt.

"Also meine Hoffnung ist, dass die Ergebnisse nicht mehr als exakte Ergebnisse wahrgenommen werden, sondern als eigentlich eher so eine vage Einschätzung der politischen Stimmung, die einfach von 1.000 oder 5.000 Menschen ausgeht, die man befragt hat."

Über Aussagekraft und Fehlertoleranzen informieren

Civey erhebt seine Daten online. Es spielt die Fragen nach eigenen Angaben auf mehr als 5.000 Webseiten aus – dadurch machen nicht nur die klassischen tausend Wahlberechtigten mit, sondern zehntausende. Auch wenn das die Fehlertoleranz nur leicht senkt: Der Aufwand für solche Umfragen ist wesentlich kleiner als bei einer telefonischen Befragung.

Genauso wie etwa Infratest Dimap Seminare für Journalisten anbietet, um sie über Aussagekraft und Fehlertoleranzen aufzuklären, ist auch Civey nach Angaben von Mitgründerin Janina Mütze mit ihnen im Austausch. Dabei betonten sie immer wieder:

"Dies ist ein Stimmungsbild von einer Befragung, die zu einem gewissen Zeitpunkt stattgefunden hat. Wir wissen nicht, was in der nächsten Woche passiert. Dafür müssen wir dann wieder unsere Stichprobe uns anschauen."

Einige Journalisten scheinen gelernt zu haben, dass man nicht den Demoskopen die Schuld für scheinbar falsche Zahlen geben kann. Jetzt liegt es an ihnen, ob das auch die Medienkonsumenten lernen können. Die Bundestagswahl könnte es zeigen.

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