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StartseiteForschung aktuellWarnung vor sauren Ozeanen06.07.2006

Warnung vor sauren Ozeanen

Kohlendioxid der Luft gefährdet Meeresorganismen mit Kalkskelett

Ozeanographie. - Der wachsende Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre beeinträchtigt die Meeresorganismen, die Kalk für ihre Schalen und Skelette benötigen, denn die Meere werden durch das CO2 der Luft saurer. Bislang waren die Warnungen der Wissenschaftler auf Fachkonferenzen und -zeitschriften beschränkt, jetzt haben auch noch drei US-Behörden einen Bericht veröffentlicht, der den derzeitigen Wissensstand zusammenfasst.

Von Volker Mrasek

Korallen und andere kalkliebenden Meeresbewohner leiden unter dem wachsenden CO2. (Florida Keys Marine Sanctuary)
Korallen und andere kalkliebenden Meeresbewohner leiden unter dem wachsenden CO2. (Florida Keys Marine Sanctuary)
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Wenn die Meere sauer werden
Der saure Ozean

Wollte man die Sache als Mediziner betrachten, dann könnte man sagen, vielen Meeresorganismen droht durch die Versauerung des Ozeans ein gefährlicher Knochenschwund. Auch Korallen, Krebse und Seesterne besitzen ein Kalk-Skelett, Schnecken und Muscheln ein Kalk-Gehäuse. Der wichtigste Baustoff dafür ist im Wasser gelöstes Calciumcarbonat. Doch weil das Meer immer mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre aufnimmt, gerät die Carbonat-Chemie auf See durcheinander ...

"Das Meer wird durch den ständigen CO2-Eintrag immer saurer, und dadurch sinkt der Gehalt von Calciumcarbonat im Wasser. Wir müssen davon ausgehen, dass die Kalk-Bildungsraten bei vielen Meeresorganismen deshalb zurückgehen. Schalen und Skelette werden dadurch dünner und schwächer. Wir kennen aber auch Fälle, etwa bei Kleinschnecken aus dem Meeresplankton, da sind die Gehäuse nicht mehr richtig geformt."

Die Biologin Victoria Fabry von der Staatsuniversität Kalifornien zählt zu einer Expertengruppe, die jetzt einen neuen Report zur Versauerung des Meeres vorlegt. Dem Phänomen werde bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, heißt es darin. Eine internationale Forschungsinitiative sei nötig, um herauszufinden, was den verschiedenen marinen Ökosystemen durch die Versauerung im einzelnen drohe. Dazu brauche man umfangreiche Feldstudien in allen Weltmeeren. Fabry:

"Es gibt einige Hinweise dafür, dass Korallen schon heute auf die Versauerung reagieren. Wir wissen, dass sie unter den höheren Meerestemperaturen leiden und zum Teil ausbleichen. Aber es könnte sein, dass ihnen die Versauerung sogar noch mehr zu schaffen macht. Das ist heute noch schwer zu sagen. Jedenfalls sind Korallenstöcke weltweit in Gefahr."

Das Meer wird noch lange einen großen Teil der CO2-Emissionen von Kraftwerken, Industriebetrieben und Autos schlucken. Im Schnitt ist es etwa ein Drittel. Der US-Ozeanograph Richard Feely vom Nationalen Labor für Meeresumwelt im Pazifik wollte wissen, wohin das noch führen könnte. Auch er hat an dem Expertenbericht mitgearbeitet:

"Wir haben Klimaforscher gebeten, in ihre Computermodelle auch die Meereschemie mit einzubauen. Sie haben dann die Veränderung des Säuregrades im Ozean bis zum Jahr 2100 simuliert. Und zwar unter der Annahme, dass sich der CO2-Gehalt der Atmosphäre bis dahin noch einmal ungefähr verdoppelt - was ja durchaus möglich ist. Heraus kam, dass die Konzentration von Säure-Ionen im Meerwasser um das Zweieinhalbfache steigt."

Die Forscher ahnen, was vielen Meeresbewohnern dann blüht. In Laborversuchen zeigte sich, dass die Kalk-Bildungsraten von Schnecken und Muscheln um bis zu 50 Prozent zurückgehen, wenn das Meerwasser derart sauer ist. Biologin Fabry fragt sich, ob der marinen Fauna genügend Zeit bleibt, um sich an solche Bedingungen zu gewöhnen:

"Eine einzellige Meeresalge, die sich jeden Tag teilt, hat vielleicht gute Chancen, sich genetisch an die Versauerung anzupassen. Aber schon bei kleinen Planktonschnecken, die wir untersucht haben, sieht die Sache anders aus. Bei ihnen dauert die Reproduktion nicht einen Tag, sondern ein ganzes Jahr. Für sie wird es also viel schwerer, sich auf die Versauerung einzustellen."

Die große Sorge der Meeresforscher ist, dass es gerade Planktonarten hart treffen könnte. Und dass dadurch ein großes Loch in das marine Nahrungsnetz gerissen wird. Die im Wasser schwebenden Kalk-Schnecken mögen zwar winzig sein. Doch der Ozean wimmelt nur so von ihnen. Sie sind deshalb eine wichtige Nahrungsgrundlage für Speisefische wie Lachs, Hering und Dorsch. Auch deshalb, mahnen die Forscher, müsse man sich viel intensiver mit dem Problem der Meeresversauerung auseinandersetzen.

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