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StartseiteForschung aktuellWarten auf den Schöpfer04.01.2010

Warten auf den Schöpfer

Genompionier Craig Venter konstruiert künstliche Bakterien

Biologie.- Wenn vom relativ jungen Forschungsfeld der Synthetischen Biologie die Rede ist, fällt schnell der Name Craig Venter. Als Erster hat der Forscher das menschliche Genom entziffert und ein komplettes Bakteriengenom wieder zusammengebaut. Nun will er der Welt einen synthetischen Organismus präsentieren.

Von Michael Lange

Der Biologe Craig Venter ...
Der Biologe Craig Venter ...
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Leben aus dem Labor

Auf die Frage: "Wenn Sie Leben im Labor schaffen, spielen Sie dann nicht Gott?" soll der Genforscher Craig Venter einmal geantwortet haben: "Wieso spielen? Wir spielen nicht."

"Wenn wir ein absolut künstliches Chromosom herstellen, mit anderen Genen als in der Natur, dann schaffen wir einen synthetischen Organismus."

In seinem eigenen Forschungsinstitut, dem J-Craig-Venter-Institute in Rockville bei Washington, hat er einige der besten Genforscher Amerikas versammelt. Seit fünf Jahren sind sie dabei, künstliches Leben zu schaffen.

"Wir lernen gerade, wie man den genetischen Code schreibt. Aus vier Flaschen mit Chemikalien bauen wir neue Erbmoleküle Baustein für Baustein zusammen, und daraus entstehen neuartige Zellen, mit Fähigkeiten, wie sie die Menschheit noch nicht kennt."

Zunächst bedienten sich Venters Biokonstrukteure einer Vorlage. Sie analysierten das Erbmolekül des Bakteriums Mycoplasma genitalium und bauten es Baustein für Baustein im Labor nach - wie beim Malen nach Zahlen. Dann entwickelten sie eine Technik, mit der sie das Erbmolekül einer Bakterienart in eine andere übertragen können. Auch das gelang. Nun soll eine Art Minimalorganismus entstehen. Ein Bakterium, das mit weniger Genen auskommt als jeder natürliche Organismus. Es hat auch schon einen Namen: Mycoplasma laboratorium.

Zurzeit sind Craig Venter und sein Team dabei, das künstliche Minimal-Erbgut in ein Bakterium einzupflanzen. Dort soll die synthetische DNA das Kommando übernehmen und von innen heraus das Bakterium verändern. So soll ein künstlicher Organismus entstehen.

"Uns geht es nicht darum zu zeigen, dass wir Lebewesen aus reiner Chemie zusammenbauen können, sondern wir wollen die Prozesse des Lebens besser verstehen. Im nächsten Schritt können wir dann Zellen mit neuen Fähigkeiten kreieren, die genau das tun, was wir wollen: die Umwelt von Schadstoffen reinigen, Kohlendioxid aus der Luft filtern oder neue Treibstoffe produzieren. Wenn wir verstehen, wie der genetische Code geschrieben wird, bedeutet das den Beginn einer neuen industriellen Revolution."

Zwei Kulturen des künstlich umgewandelten Mycobakterium mycoides. (JCVI)... und sein Team sind dabei, das künstliche Minimal-Erbgut in ein Bakterium einzupflanzen. (JCVI)Die meisten Biologen sehen die Entwicklung der "synthetischen Biologie" weit weniger euphorisch. Für sie sind künstliche Organismen die logische Weiterentwicklung der Gentechnik. Wo die klassische Manipulation einzelner Erbanlagen versagt, eröffnet das Zusammenbauen von Lebewesen neue Wege. Diese Neuorientierung der Lebenswissenschaft ist längst zum Thema auch für Geisteswissenschaftler geworden. Der Biologe und Philosoph Dirk Lanzerath beschäftigt sich am Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Bonn mit der synthetischen Biologie.

"Ich denke, dass ein bestimmter kreativer Umgang mit Natur, mit Leben, schon recht alt ist. Auch die Züchtungsforschung, die Züchtungstraditionen formen Leben in irgendeiner Weise neu."

In der Geschichte der Philosophie haben sich viele Denker bereits mit der Erschaffung künstlichen Lebens befasst, lange bevor die technische Möglichkeit absehbar war. Die meisten Philosophen hielten diesen Schritt für schlicht unmöglich, erklärt Oliver Müller vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Freiburg.

"Kant behauptet eben mit den Newtonschen Gesetzen, wenn er alle Materie zur Verfügung hätte, könnte er eine ganze Welt bauen: Eine Welt in physikalischer Hinsicht, selbst Planeten. Aber einen Grashalm oder eine Raupe sei nicht möglich nach denselben Gesetzen herzustellen und zu bauen."

Es werde nie einen "Newton des Grashalms" geben, schrieb Immanuel Kant vor über 200 Jahren, denn es sei nicht möglich, künstlich Leben zu schaffen. Craig Venter steht nun möglicherweise kurz davor, dieser "Newton des Grashalms" zu werden. Wann tatsächlich sein Organismus Mycoplasma laboratorium ans Licht der Welt gelangt, verrät der "Schöpfer" nicht.

Der Beitrag ist Teil des Themenschwerpunkts Synthetische Biologie Leben aus dem Labor

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