Freitag, 24.11.2017
StartseiteForschung aktuellTreibhausgase aus der Landwirtschaft07.11.2017

Was die Energiewende bremst (4/6)Treibhausgase aus der Landwirtschaft

Ob Deutschland seine Klimaziele erreicht, ist fraglich. Unter anderem die Landwirtschaft könnte mehr dafür tun, meinen Experten. Denn dort entstehen große Mengen gleich mehrerer klimawirksamer Gase.

Von Volker Mrasek

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Ein Landwirt versprüht auf einem Getreidefeld unweit des brandenburgischen Wriezen ein Pestizid, aufgenommen am 10.05.2010.  (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
Vielerorts in Deutschland düngen Bauern lieber etwas mehr als weniger. Ökologen kritisieren das mit Blick auf die schon jetzt kaum noch erreichbaren Klimaziele (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)
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"Wir gehen jetzt in den Ferkelstall. Also, wenn Sie ab und zu mal durch die Spalten gucken, sehen Sie so ganz vage die Gülle liegen. Und die kann ich eben ablassen. Dann läuft die vorne in eine Grube, und von dort aus fahren wir die im Tankwagen."

Da kann man schon mal die Nase rümpfen. Über Gülle! Aber auch über andere Stickstoff-haltige Düngemittel, die deutsche Bauern auf ihren Äckern ausbringen. Denn so, wie das heute geschieht, entstehen dabei große Mengen Treibhausgase.

Drei Arten Treibhausgase

Und nicht nur dort. Landwirte produzieren sie auch noch an anderer Stelle, wie Heinz Flessa erläutert, Leiter des Thünen-Instituts für Agrarklimaschutz in Braunschweig: "Wir haben das Lachgas, das sehr stark am Stickstoff-Management hängt. Wir haben das Methan, das in erster Linie aus der Tierhaltung kommt. Und wir haben das CO2, das aus dem Abbau organischer Bodensubstanz stammt. In erster Linie aus Moorböden."

Lachgas und Methan sind besonders potente Treibhausgase – jedes Molekül 300- beziehungsweise 20-mal schädlicher als CO2. Auch aus diesem Grund belastet die Agrarwirtschaft das Klima fast halb so stark wie die Industrie oder der Verkehr:

"Es gibt ein Minderungsziel für die Landwirtschaft, im Klimaschutzplan festgeschrieben, minus 31 bis minus 34 Prozent gegenüber dem Referenzjahr 1990."

Methan-Ausstoß lässt sich nur begrenzt reduzieren

2030 soll dieses Ziel erreicht sein. Die Hälfte davon ist zwar schon geschafft. Doch das hat wenig mit Klimaschutzanstrengungen zu tun!

Nach der Wende gingen die Viehbestände in Ost-Deutschland stark zurück. Dadurch sank automatisch auch der Ausstoß von Methan. Das Treibhausgas entsteht nämlich im Magen von Wiederkäuern, wenn sie ihr Futter verdauen: Mastrinder und Milchkühe rülpsen es praktisch aus …

"Aber seit 1991/92 hat die Landwirtschaft leider relativ wenig Emissionen verringert. Und in den letzten zwei, drei Jahren ging die Emission der Landwirtschaft sogar wieder nach oben", sagt der Bodenökologe Roland Fuß. Er leitet die Arbeitsgruppe am Thünen-Institut, deren Job es ist, Treibhausgas-Inventare für die Landwirtschaft zu erstellen.

"Bei den Tierbeständen kann man zum Teil über die Futterzusammensetzung etwas erreichen."

Man kann zum Beispiel Stoffe ins Viehfutter mischen, die die Zahl der Methan-bildenden Bakterien im Pansen reduzieren. Solche Entwicklungen gibt es."Wobei da die Möglichkeiten doch begrenzt sind." Und deswegen tut sich bei den Methan-Emissionen auch nicht viel.

Lachgas-Emission steigen durch mehr Dünger

Noch schlechter sieht es im Fall von Lachgas aus. Es nimmt zu, wie Agrarwissenschaftler Flessa sagt: "Da wir einen neuen Dünger in der Landwirtschaft haben. Das sind die Gärreste aus der Vergärung von Energiepflanzen."

Also das, was in den mittlerweile fast 10.000 Biogas-Anlagen in Deutschland als Rückstand anfällt. Im Prinzip ist es ja schön, dass diese Reststoffe nicht auf dem Müll landen, aber: "Da entsteht ein sehr stickstoffreicher Dünger, der offensichtlich zusätzlich in der Landwirtschaft ausgebracht wird, ohne dass dafür Mineraldünger eingespart wurde."

Mit anderen Worten: Der Verbrauch von Dünger ist gestiegen. Und damit auch der Ausstoß von Lachgas. Denn das bildet sich, wenn Stickstoff im Überschuss im Boden vorhanden ist. Flessa: "Die Politik hat hier versäumt, rechtzeitig Regularien zu setzen. Diese Gärreste wurden nicht in der Düngeplanung, die der Landwirt offiziell macht, berücksichtigt. Da hat man nachgebessert. Und seit diesem Jahr müssen auch die Gärreste adäquat angerechnet werden."

Die Stickstoff-Überschüsse in deutschen Äckern sind allerdings immer noch zu hoch. Weil Landwirte lieber etwas zu viel düngen.

Dünger könnte sparsamer verteilt werden

Wichtig wäre es überdies, Gülle und Gärreste zügig im Boden einzuarbeiten. Denn sonst geben sie zu viel Ammoniak ab. Und daraus entsteht am Ende ebenfalls Lachgas: "Dort gibt es entweder Schlitztechniken, wo in den Boden feine Schlitze gemacht werden. Oder ein probates Mittel ist auch die Ausbringung mit sogenannten Schleppschläuchen, was in den Nachbarländern schon seit vielen Jahren der Fall ist."

Die meisten hiesigen Landwirte applizierten ihren Dünger aber immer noch mit dem traditionellen "Breitverteiler", kritisiert Heinz Flessa: "Das ist das Schlechteste. Also Deutschland, die Industrienation, hängt dort etwas hinterher, was die Agrartechnik angeht."

Trockengelegte Moore geben CO2 ab

Und Kohlendioxid, das dritte Treibhausgas? Auch hier gibt es ein Problem, auf das Roland Fuß hinweist: "Acht Prozent der landwirtschaftlichen Fläche sind trockengelegte Moore mit Torf, wo sehr viel Kohlenstoff in den Böden gespeichert war. Und wo jetzt dieser festgelegte Kohlenstoff in großem Maße als CO2 wieder abgegeben wird. Und wenn man das verringern möchte, gibt es eigentlich nur eine Lösung: Man muss diese Flächen wiedervernässen."

Doch auch hier gestaltet sich Klimaschutz schwierig. Denn letztlich müsste man Landwirte dazu bringen, ihre Torfäcker aufzugeben oder sie nur noch extensiv zu bewirtschaften, als Grünland oder Weidefläche zum Beispiel. Der Widerstand des Bauernverbandes ist da gewiss.

Wie alle anderen Sektoren in Deutschland steht aber auch die Landwirtschaft in der Pflicht, viel weniger Treibhausgase auszustoßen.

"Das würde gehen, wenn der politische Wille da ist."

Institutsleiter Heinz Flessa ist davon jedenfalls überzeugt: "Man könnte durchaus etwas erreichen, wenn man die Agrarförderung noch stärker an Umweltzielen ausrichten würde."

"Letztlich produziert der Landwirt, was wir verbrauchen"

Nicht zuletzt können auch Verbraucher ihren Teil leisten - indem sie vielleicht nicht mehr so viel Fleisch und Milchprodukte essen. So käme man zu kleineren Tierbeständen und - immerhin - zu geringeren Methan-Emissionen:

"Den Schwarzen Peter allein an den Landwirt weiterreichen hilft nicht viel. Letztlich produziert der Landwirt das, was wir verbrauchen."

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