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StartseiteKultur heute"Dieses typisch graue, leicht deprimierende Licht"04.01.2016

Was ist deutsch? "Dieses typisch graue, leicht deprimierende Licht"

Das längst nicht immer gute Wetter hierzulande und damit einhergehend das Ausbleiben eines Dolce-Vita-Lebensstils betrachtet Manos Tsangaris als eine Ursache für die hohe Produktivität in Deutschland. Für typisch deutsch hält der Komponist außerdem die Fähigkeit zur Debatte, zur Auseinandersetzung und zu guten Kompromissen.

Manos Tsangaris im Gespräch mit Mascha Drost

Ein Mann mit Regenschirm fährt Fahrrad im Schneeregen (Armin Weigel/dpa/picture alliance)
Komponist Manos Tsangaris: "Ich bin ja nun im Rheinland aufgewachsen und das ist ziemlich deutsch." (Armin Weigel/dpa/picture alliance)
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Mascha Drost: Für Google ist die Sache klar. Deutsch, das ist ein Adjektiv, das nicht steigerbar ist. Wenn man sich mit dieser Antwort auf die Frage "Was ist deutsch?" schon zufrieden geben könnte, dann wären Bibliotheken um einige Regalmeter und Rundfunkanstalten um einige Sendestunden ärmer. Bei "Kultur heute" stellen wir diese Frage verschiedenen Kulturschaffenden und heute dem Komponisten Manos Tsangaris. Geboren in Düsseldorf studierte er in Köln, in der legendären Klasse von Mauricio Kagel. Mittlerweile ist Tsangaris Professor in Dresden und designierter Leiter der Münchner Musik-Biennale. Sprache, Licht, Bewegung, Klänge, Farben und vor allem Räume, daraus schafft Tsangaris ein Musiktheater, das über alle Sinne wahrgenommen werden kann und wahrgenommen werden soll. Wie wir etwas erfahren, lässt uns je nachdem anderes begreifen. Vor dem Gespräch sagte mir Manos Tsangaris, dass er die Frage "Was ist deutsch?" nicht sonderlich schätzt. Klingt sie in den sensiblen Ohren eines Musikers zu roh in ihrer Einfachheit?

Manos Tsangaris: Ich glaube nicht, dass das gerade mit meinem Beruf zusammenhängt, sondern die Frage ist hoch interessant und könnte oder kann auch durchaus inspirierend sein. Nur wenn sie so nackt daherkommt, "Was ist deutsch?", das ist wie "Was ist der Mensch?" oder "Was ist amerikanisch?" oder "Was ist himmlisch?" oder "Was ist höllisch?". Die Frage zielt auf so eine sehr knappe Umrandung zunächst mal und das ist vielleicht auch ein bisschen heikel, weil wenn wir genau wüssten, was deutsch ist, dann bräuchten wir es ja nicht mehr zu werden.

Drost: Was kommt Ihnen denn so in den Sinn, wenn Sie diese Frage hören? Bestimmte Assoziationen kommen ja einem doch bei dieser Frage.

Tsangaris: Ja. Es ist schön, dass Sie da so ansetzen, dass das sozusagen spontanistisch angegangen werden kann. Wahrscheinlich wie bei uns allen jetzt zunächst mal unsere konkrete Lebensumgebung. Ob die jetzt deutsch ist oder einfach familiär, ob das meine Freunde sind und die aus unterschiedlichen Gegenden kommen, ist noch eine andere Frage. Deutsch ist: Ich bin ja nun im Rheinland aufgewachsen und das ist ziemlich deutsch, das Rheinland, dieser Teil des Rheinlands zumindest. Allgemein würden, glaube ich - ich habe es nachgeschaut natürlich wie manche -, 96 Komma soundsoviel Prozent aller befragten Menschen, die in Deutschland leben, sagen, die deutsche Sprache ist das erste, was uns verbindet, sage ich mal. Das liegt ja auch auf der Hand. Das ist auch die Forderung, die an Migranten als erstes gestellt wird, lernt die deutsche Sprache. Und das ist ja auch völlig richtig so, weil wir wollen ja in irgendeiner Form uns verständigen können. Und dann das nächste das Wetter, aber das ändert sich ja auch im Moment, oder? In den Großstädten gibt es immer mehr Außengastronomie und immer mehr mediterranes Leben, nenne ich das mal.

Drost: Aber es gibt sie noch, die Jahreszeiten, Winter, Frühling, Herbst, Sommer.

Tsangaris: Man kann sie gerade noch so erkennen. Vor allem dieses typisch graue, leicht deprimierende deutsche Licht, was ich sehr schätze übrigens. Ich glaube, dass ein bestimmter Teil der Produktivität - schauen wir mal auf die deutsche Geschichte, wenn es die so gibt - auch damit zusammenhängt, dass, nun gut, das Dolce Vita in der klassischen Form nicht unbedingt allerorten auf der Hand liegt. Und das andere: Was ist typisch deutsch? Wenn ich dann versuche, ein bisschen genauer darüber nachzudenken, würde ich sagen, die Vielfalt und auch die Weltoffenheit, die vielleicht historisch gesehen dadurch entstanden sein könnte, dass es Deutschland ja als solches lange Zeit gar nicht gab, sondern dass es ein Agglomerat von Kleinstaaten und von kleinen Fürstentümern und so weiter gewesen ist. Und daraus ist entstanden, denke ich, die Notwendigkeit, sich zu verständigen, auch kulturell zu verständigen.

Drost: Und vielleicht ist dann diese Frage auch ganz typisch deutsch, die man sich stellt, nach dem eigenen Wesen, weil es diese Antwort als eine Nation noch gar nicht gab.

Tsangaris: Ich glaube, dass das ein bestimmter Teil ist. Im 20. Jahrhundert gab es ja durchaus auch einen übertriebenen deutschen Nationalismus und Brüche, eine andere Art von historischen Brüchen, die, glaube ich, prägend sind für die Auseinandersetzung, die Fähigkeit zur Debatte und auch die Fähigkeit zu guten Kompromissen, muss ich sagen, die ich für typisch deutsch halte. Der letztmalige Versuch, eine Demokratie in Deutschland einzurichten und zu praktizieren, der ist ja doch einigermaßen gelungen im Vergleich zur Weimarer Republik zum Beispiel, und ich glaube, dass dann die Brüche, das Bewusstsein, dass bestimmte Dinge ganz falsch gelaufen sind, dann doch zu großen Teilen zum Erfindungsreichtum geführt haben, wie wir miteinander gesellschaftlich auskommen können.

"Der deutscheste aller deutschen Komponisten neben Bach wahrscheinlich dürfte Beethoven sein"

Drost: Diese Frage kann man ja in zweierlei Hinsicht stellen: Einmal so affirmativ, wie Sie das auch schon genannt haben, "was ist deutsch?", aber natürlich auch sehr selbstkritisch, und dann bekommt diese Frage ja auch fast schon durch die Hintertür etwas Positives, wenn man sich versucht, auch der negativen Seiten bewusst zu werden und nicht nur das Verbindende, sondern vielleicht auch das Trennende zu sehen.

Tsangaris: Die Deutschen, wenn es die als Ganzes gibt, die deutsche Stimme heutzutage ist ja die Stimme der Medien, oder? Das, was wir lesen, was Journalistinnen und Journalisten schreiben oder sagen und verkünden, was Sie selber dann denken innerhalb des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Und im Allgemeinen wird dann gerne darauf verwiesen, dass die Deutschen überkritisch seien und mit sich selber gar nicht mehr klar kämen. Ich denke, das ist im Moment nicht mehr der Fall. Es wird ja auch gerne gesagt, spätestens seit den Erfolgen im Fußball in den letzten Jahren, die tatsächlich zum ersten Mal wieder zu so einer Art von Fahnenschwenkern, einer fahnenschwenkenden Mentalität oder Praxis geführt haben, spätestens seitdem, glaube ich, sagen manche Leute eigentlich, die Geschichte ist jetzt zunächst mal erledigt und schauen wir nach vorne. Da ist ja nichts Schlechtes dran, solange die Geschichte eben nicht erledigt ist. Die kann gar nicht erledigt sein.

Drost: Und das merken wir vor allem gerade in Dresden, wo nämlich ganz andere Leute die Fahnen schwenken.

Tsangaris: Nun ja.

Drost: Meinen Sie tatsächlich, diese Sicherheit hat sich jetzt in dem deutschen Gemüt konstitutionalisiert? Ganz im Gegenteil!

Tsangaris: Nein, das glaube ich nicht. Ich war in Dresden und das ist noch mal eine spezielle Sache. Ich lebe ja zum Teil auch in Dresden.

Drost: Sie sind Professor dort an der Musikhochschule?

Tsangaris: Ja. Und man muss dazu sagen, Freunde von mir, die in der DDR aufgewachsen sind, relativieren das auf eine Art und Weise, die ich sehr vernünftig finde. Sie sagen nämlich, es ist vor allem auch ein Impuls, egal jetzt wie er sich ansonsten einordnet, kontextualisiert. Es ist vor allem auch der Impuls, nicht gehört zu werden, und das muss in der DDR - ich habe es ja nicht erlebt - was sehr typisches gewesen sein, dass Leute sich geregt haben, engagiert haben und wurden nicht gehört. Und egal wie jetzt die Sache ansonsten vielleicht auch missbraucht wird, ich finde, auf den Aspekt muss man zumindest schauen und sehen, wo kommt das her und wie lässt sich das auf irgendeine Art und Weise wieder, ich sage mal, in einen diskursfähigen Bereich führen.

Drost: Die Frage nach dem Deutsch sein, die hat sich ja auch in der Musik immer wieder gestellt, eben auch natürlich vor dem Hintergrund, dass Deutschland so lange keine gemeinsame Nation war. Ein zeitgenössischer Komponist, wie Sie es sind, der für ein neues, für ein sehr experimentierfreudiges, auch die Künste übergreifendes Musiktheater steht, was bedeutet es für Sie, in der deutschen Musiktradition zu stehen, oder sehen Sie sich überhaupt in einer Tradition?

Tsangaris: Ich habe mir das, ehrlich gesagt, nie angemaßt, mich in eine so großartige Tradition irgendwie einzuordnen. Mein Ansatz in der Arbeit von Anfang an war auch ein anderer.

Drost: Aber bedeutet die deutsche Musik, die deutsche Musiktradition irgendwas?

Tsangaris: Ja, natürlich! Das ist unvergleichlich. Aber ich habe dann auch im anekdotischen, nennen wir es mal augenzwinkernd im Rundfunkbereich habe ich die Theorie, der deutscheste aller deutschen Komponisten neben Bach wahrscheinlich dürfte Beethoven sein, auch ein Rheinländer, in Bonn geboren. Und nachweislich hatte er flämische Vorfahren, van Beethoven, da hört man es ja auch. Und seine Freunde in Bonn haben ihn freundlich den "Spaniol" genannt wegen seiner sehr dunklen Augen und auch etwas dunkleren Hautfärbung. Meine Theorie ist, Beethoven könnte doch indonesische Vorfahren gehabt haben, also der deutscheste aller deutschen Komponisten. Ähnlich wie übrigens Thomas Mann ja eine brasilianische Mutter hatte, darüber sind Bücher geschrieben worden. Aber diese Beethoven-Theorie, die gefällt mir sehr gut. "Was heißt deutsch?" - Wahrscheinlich, ich sagte ja schon, die Inspiration, die Fähigkeit zur Auseinandersetzung, auch zur Debatte und in den Künsten zur tiefen Empfindung. Darf man das heute sagen? Doch, ich finde schon, weil für mich persönlich die deutsche Romantik, die ja angeblich Beethoven auch quasi mit eröffnet haben soll in der Musik, und der deutsche Individualismus, aber speziell auch die deutsche Romantik in ihrer besten Ausprägung, die ja nichts mit dem Filmende einer Hollywood-Seifenoper zu tun hat, sondern vielleicht mit einem der letzten Versuche, Wissenschaft, Künste, Philosophie und unser praktisches Leben zusammenzudenken. Das wurde dann selbstverständlich auch missbraucht, aber wenn ich an Novalis denke, der beispielsweise in den Fragmenten schreibt, Musik, Plastik und Poesie sind eins, ich meine, da würde sich doch jeder Vorstandsvorsitzende eines deutschen Unternehmens freuen, auf welche Art und Weise auch da Transdisziplinarität betrieben und angestoßen wird.

Drost: Aber das ist ja doch eine Linie, in der Sie sich dann sehen, weil Ihr Theater, Ihr Musiktheater versucht doch genau das, verschiedene Künste miteinander zu verbinden. Da ist sie doch wieder, die Traditionslinie.

Tsangaris: Das ist schön, dass ich dieser Frage jetzt gerne ausweiche, weil das würde so ähnlich sein wie die Frage, strebst Du eine besondere Identität an, und das tue ich eigentlich nicht, weil ich denke, in dem Moment, wenn man eine Identität sucht, hat man vielleicht keine verdient.

Drost: Diese Schlussbemerkung könnte man wunderbar zum Anlass für eine neue Diskussionsreihe nehmen. Unsere aktuelle bei "Kultur heute" dreht sich um die Frage "Was ist deutsch?" und heute war der Komponist Manos Tsangaris zu Gast.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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