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StartseiteInterview"Weg von dieser Kopftuchdebatte"02.05.2007

"Weg von dieser Kopftuchdebatte"

Islamwissenschaftlerin Yakar will Klischees überwinden

Die Islamwissenschaftlerin Havva Yakar wendet sich gegen Pauschalurteile über Muslime in Deutschland. So sei es nicht gerechtfertigt, das Tragen eines Kopftuches als politisches Symbol oder Zeichen für Unterdrückung in der Familie zu werten, sagte Yakar. Es gebe viele Frauen, die "sich in jeder Hinsicht an diese Gesellschaft angepasst haben", aber dennoch Kopftuch tragen.

Moderation: Dirk-Oliver Heckmann

Fußgänger gehen durch Berlin-Kreuzberg. (AP)
Fußgänger gehen durch Berlin-Kreuzberg. (AP)
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Schäuble lobt Dialog mit Muslimen

Dirk-Oliver Heckmann: Den Dialog mit den Muslimen in Deutschland endlich zu beginnen und damit auch der Bildung von Parallelgesellschaften entgegenzuwirken, das ist das Ziel der deutschen Islamkonferenz, die Innenminister Wolfgang Schäuble vor rund einem halben Jahr einberufen hat. Jeweils 15 Vertreter des Staates sitzen 15 Vertretern des Islam in Deutschland gegenüber. Doch kurz vor der zweiten Plenumssitzung heute in Berlin kommt harsche Kritik auf. Da ist von katastrophaler Organisation die Rede, von grauenhaftem Gequatsche. Und es ist ein Streit darüber entbrannt, inwieweit der neue Koordinierungsrat der Muslime, zu dem sich vier große Verbände zusammengeschlossen haben, einen Alleinvertretungsanspruch erheben kann. Innenminister Schäuble nämlich wies solche Ansinnen zurück. (MP3-Audio, Bericht von Margaret Limberg)

Am Telefon ist jetzt die Islamwissenschaftlerin Havva Yakar. Sie ist Mitglied der Islamkonferenz und hauptberuflich an der Freiherr-vom-Stein-Realschule in Bonn-Tannenbusch verantwortlich für den deutschsprachigen Islamkunde-Unterricht. Guten Morgen!

Havva Yakar: Einen wunderschönen guten Morgen!

Heckmann: Frau Yakar, was halten Sie denn von der Kritik an der Arbeitsweise der Islamkonferenz? Handelt es sich dabei wirklich um eine Quatschrunde, die nichts bringt, wie ein Teilnehmer zitiert wird?

Yakar: Das hoffe ich nicht. Ich habe mir das ja lange überlegt, ob ich an der Islamkonferenz teilnehmen sollte. Ich hoffe schon, dass es letztendlich ein ernst gemeinter Dialog ist, der offiziell startet, und erhoffe mir auch konkrete Ergebnisse, die relevant sind für die gesamte Gesellschaft, also jetzt nicht nur für die muslimische Seite oder für die nichtmuslimische Seite.

Heckmann: Mittlerweile gibt es aber Streit - ich habe es gerade angedeutet - an der Zusammensetzung der Konferenz. Der Autor Feridun Zaimoglu meinte, dass unabhängige, selbstbewusste, gläubige Kopftuchträgerinnen, die keineswegs Vollzugsorgane von männlichen Anordnungen seien, dass die eben von der Konferenz ignoriert würden und darüber hinaus von notorischen Islam-Kritikerinnen aufs Übelste diffamiert würden. Er meinte damit die Soziologin Necla Kelek und die Anwältin Seyran Ates. Was halten Sie von dieser Kritik? Ist da was dran?

Yakar: Auf jeden Fall stimme ich Herrn Zaimoglu zu. Auch ich hätte mir gewünscht, dass Frauen in diese Runde eingeladen worden wären, die unter Umständen bedeckt sind. Wobei: Ich möchte betonen, wir sollten nicht wieder zurückfallen in diese Klischee-Diskussionen, also Kopftuch, nicht Kopftuch, wer repräsentiert wen? Für meine Person kann ich zum Beispiel sprechen. Ich glaube schon, dass ich als Person auch viele Kopftuchträgerinnen dort repräsentiere, mit dem, was ich als Muslimin denke. Die Mütter meiner Schüler sind teilweise auch bedeckt oder nicht bedeckt. Wir sollten nicht zurückfallen in diese ganzen Klischee-Diskussionen letztendlich. Was ich nicht für sinnvoll halte ist, wenn man sich letztendlich unkompetent gegenseitig angreift. Dann kommen wir zu keinem Ergebnis.

Heckmann: Das heißt, ich verstehe Sie richtig, Frau Yakar, wenn Sie sagen, das Kopftuch ist für Sie kein Symbol für den politischen Islam oder für die Unterdrückung der Frau im Islam?

Yakar: Für mich steht das Kopftuch jetzt nicht für die Unterdrückung der Frau, das Kopftuch alleine, auf keinen Fall. Auf der anderen Seite können wir natürlich jetzt nicht vermuten, hinter jeder Kopftuchträgerin steckt eine politisch motivierte Frau. Es gibt so viele Menschen, die hier in diesem Lande leben, die sich in jeder Hinsicht an diese Gesellschaft angepasst haben, sich hier wohl fühlen und bewusst für diese Gesellschaft entschieden haben, die aber auf der anderen Seite Kopftuch tragen. Auch Sie wissen, wir haben so viele Akademikerinnen mit Kopftuch. Wir können jetzt nicht einfach pauschal hingehen und all diese Frauen letztendlich für unmündig erklären oder erklären, sie seien jetzt alle unterdrückt, oder sie werden alle unterdrückt. Ich hasse es einfach, das Ganze immer zu pauschalisieren.

Heckmann: Welches Rollenverständnis haben denn junge Muslime? Sie haben ja Kontakt in der Schule mit jungen Muslimen und auch mit jungen Moslems. Wie stehen die zum Thema Gleichberechtigung, zum Thema Grundgesetz?

Yakar: Zum Thema Grundgesetz eigentlich offen. Viele ihrer Eltern leben bewusst in dieser Gesellschaft. Zum Beispiel bei uns an der Realschule gibt es jetzt nicht so viele Kopftuchträgerinnen. Aber ich habe ja schließlich auch mit vielen damals studiert. Ich denke nicht, dass wir davon ausgehen können, dass all diese Frauen sich unterdrückt fühlen. Sie kennen ja diese ganzen Klischees: Der Vater, der Mann oder der Bruder sorgt dafür, dass sie das Kopftuch trägt. Ich denke, viele tragen es bewusst, weil sie davon ausgehen, dass es ein Teil ihrer Religion ist, aber ich glaube nicht, dass wir davon ausgehen können, und da muss ich mich eigentlich letztendlich wiederholen , dass es ein politisches Symbol ist.

Heckmann: Viele tragen es bewusst haben Sie gesagt, aber sicherlich nicht alle.

Yakar: Auch das ist das Gleiche. Ich kann jetzt auch nicht hundertprozentig die Tatsache unterstreichen, dass alle es zum Beispiel freiwillig tragen. Ich denke da müssen wir immer abwägen, aber wissen Sie in dieser ganzen Diskussion müssen wir immer alle Seiten berücksichtigen. Wir müssen weg von dieser Kopftuchdebatte.

Schauen Sie ich habe während meines Studiums und auch danach immer mit diesem Thema zu tun gehabt. Wir müssen einfach weg davon. Wir müssen einfach gucken: Was tun wir für die Bildung dieser Menschen? Für mich als Islamwissenschaftlerin und Lehrerin ist eigentlich Bildung das A und O der ganzen Geschichte. Bildung letztendlich wird auch dafür sorgen, dass die Menschen, vor allen Dingen die jungen Menschen, vor jeglichen extremen Situationen geschützt werden. Deswegen müssen wir konkret auch in der Islamkonferenz, und das tun wir ja in den ganzen Arbeitsgemeinschaften, gucken, wie organisieren wir Islamkunde-Unterricht. Ob man jetzt daraus islamischen Religionsunterricht macht oder nicht, das ist unwichtig. Aber wie können wir das auf Bundesebene verteilen oder auch gestalten? Das sind ganz, ganz wichtige Sachen. Letztendlich wollen wir auch, dass alle Menschen in diesem Lande, die bestimmte Grundwerte haben und auch ein gewisses Wertepotenzial, zusammenleben. Da verweise ich zum Beispiel auch auf Amerika. In Amerika funktioniert das in bestimmten Bereichen. Wenn man da eine Moschee errichten möchte, dann kommt nicht sofort Protest. Man hält zusammen, man wägt ab und guckt, wie können wir das gestalten, dass es der gesamten Gesellschaft, und das möchte ich immer unterstreichen, dass es der gesamten Gesellschaft zugute kommt.

Heckmann: Frau Yakar, zum Schulunterricht gehört ja Sportunterricht, auch der Schwimmunterricht. Jetzt hat der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland Ayyub Axel Köhler, der ja jetzt auch als Sprecher dieses neuen Koordinierungsrates der Muslime fungiert, gesagt, dass er Eltern Unterstützung gewähren würde, die ihre Töchter nicht in den gemeinsamen Schwimmunterricht schicken möchten. Sind da nicht Grenzen überschritten?

Yakar: Da fängt die Diskussion schon wieder am falschen Punkt an. Erst müssen wir doch mal schauen: was können wir für diese Kinder tun, speziell mit Islamkunde-Unterricht oder islamischer Religion? Wie sehen die Bildungschancen dieser Kinder aus? Wie geht es mit diesen Kindern weiter, wenn sie die 10. Klasse absolviert haben? Sie wissen genau, dass Migrantenkinder benachteiligt werden aufgrund ihres Hintergrundes. Da geht es auch vielen Akademikern so. Wir setzen schon wieder die Diskussion am falschen Punkt an.

Wenn wir in irgendeiner Form beginnen mit dieser, sei es nun Bildung, wie organisieren sich Muslime, ich denke, dass sich dann viele Probleme, oder was als Problem dargestellt wird, sprich Sportunterricht, Schwimmunterricht, ich bin davon überzeugt, und da lassen Sie mir einfach meinen Optimismus, ich bin davon überzeugt, dass sich das von selber dann auch lösen wird. Solche Probleme werden sich dann auf jeden Fall lösen.

Heckmann: Würden Sie unter dem Strich sagen, in der ganzen Diskussion um die Rolle des Islam in Deutschladn, gibt es da von Seiten der nichtislamischen Gesellschaft zu viel oder zu wenig Toleranz?

Yakar: Wissen Sie, auch das ist wieder ein ganz falscher Ansatz. Wenn ich höre, waren wir zu tolerant oder nicht tolerant, das Ganze wieder in dieser Form zu pauschalisieren, ist auch falsch. Ich denke, es gibt nur eine Chance, wie wir die Zukunft in Deutschland gemeinsam gestalten können, dass beide Seiten jetzt nicht wieder anfangen, Schritte in die Vergangenheit zu unternehmen, sondern nach vorne.

Ich gebe Ihnen mal ein konkretes Beispiel; Wenn jetzt eine ausländische Familie, und das spielt ja bei der Parallelgesellschaft-Diskussion eine Rolle, wenn eine ausländische Familie, und das habe ich am eigenen Leib erfahren, wenn ich eine Wohnung gesucht habe, man hat mir eine Wohnung zugesprochen bis zu dem Zeitpunkt, wo mein Familienname fiel. Dann hat man gesagt, die Wohnung ist doch weg. Das heißt, die "aufnehmende Gesellschaft" in Anführungszeichen muss letztendlich ihr Verhalten an diesem Punkt noch einmal überdenken und umgestalten. Auf der anderen Seite steht die muslimische Gesellschaft und überhaupt die Migrantengesellschaft. Die müssen dann natürlich auch einen Schritt auf die hiesige Gesellschaft zukommen. Ich denke, das ist die einzige Chance, um unsere Zukunft zu gestalten.

Heckmann: Und die Bereitschaft auf beiden Seiten ist da?

Yakar: Ich glaube ja, aber es ist noch ein langer Weg dahin. Das heißt, wir müssen wirklich weg von diesen Diskussionen und konkret uns überlegen, wie können wir das auf beiden Seiten gestalten? Allein die Türken leben seit über 40 Jahren hier und es ist immer noch so. Da braucht man nicht in der Vergangenheit zu reden. Es hat im Großen und Ganzen, denke ich mir, schon funktioniert, aber wir müssen bestimmte Sachen noch mal überdenken, um einen Schritt weiter zu kommen. Ich glaube schon, dass die Bereitschaft da ist, aber wie schon gesagt, ich kann jetzt nicht für jeden sprechen, um Gottes Willen. Aber ich sehe der Sache schon optimistisch entgegen.

Heckmann: Die Islamwissenschaftlerin Havva Yakar, Mitglied der deutschen Islamkonferenz, zu ihren Erwartungen an das Treffen heute in Berlin.

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