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StartseiteBüchermarktWelt auf Distanz18.01.2010

Welt auf Distanz

Rainald Goetz: "Loslabern". Suhrkamp Verlag

"Loslabern" beginnt auf der Buchmesse 2008, die Goetz mit Fotoapparat und Röntgenblick ausgerüstet nach langen Jahren der Abstinenz wieder besucht. Er beobachtet, labert und theoretisiert über das Labern - und bleibt dennoch Teil des Literaturbetriebs.

Von Ulrich Rüdenauer

"Loslabern" ist auch ein Werkstattbericht über die Buchmesse 2008. (AP)
"Loslabern" ist auch ein Werkstattbericht über die Buchmesse 2008. (AP)

Ziel ist es, möglichst viele Aspekte, und natürlich vor allem die, die nicht direkt an einen gerichtet sind, auf sich zu beziehen, um die eigene Sache dadurch so Widerspruchs- und Anknüpfungspunktereich wie möglich zu machen. Und gleichzeitig der dabei entstehenden zusätzlichen Komplizierung und Konsequenz-Autistik mit ganz gezielter Energie entgegenzuarbeiten, um sich trotzdem noch möglichst voraussetzungslos verständlich zu machen.

Vor etwas mehr als zehn Jahren hat Rainald Goetz, damals Pionier des Internet-Bloggertums, dieses kleine Manifest des eigenen Schreibens auf seiner Seite "Abfall für alle" formuliert. Damals steckte Goetz mitten in seinem Großprojekt "Heute morgen" – einer Chronik der 90er-Jahre zwischen Nachtleben und Medienobservation, die am Ende auf 2000 Seiten angewachsen war und in mehreren Teil-Bänden veröffentlicht wurde, darunter die Ausgeh-Techno-Erzählung "Rave", der große Ich-Roman "Abfall für alle", das schmale Medien-Handbuch "Dekonspiratione" oder das Kunst-Stück "Jeff Koons". Die Medien der Gesellschaft, die Kunst der Gesellschaft, das Nachtleben der Gesellschaft, die Gegenwart der Gesellschaft – Rainald Goetz erzählte, wie er im Zeichen der Love Parade in den 90er-Jahren seine Sozialphobie in den Massen glücklicher Raver überwunden hat.

Am Ende dieses rasanten, rasenden Jahrzehnts war Rainald Goetz plötzlich verschwunden. Man munkelte, er arbeite an einem großen Roman, der vom Inneren der wirkmächtigen Institutionen, von Politik und Politikern handeln sollte. Von Luhmann zu Foucault, von den Subsystemen zu den Dispositiven der Macht: Immer seltener wurde der Autor auf Partys, immer häufiger bei Bundespressekonferenzen gesichtet. Aus dem Roman scheint allerdings das geworden zu sein, was für Brian Wilson das legendäre "Smile"-Album geworden ist: ein Werk, an dessen Anspruch er scheitern musste und dessen Unvollendetsein vermutlich dereinst den Mythos des Genies nähren wird.

Statt den großen Roman zu veröffentlichen, ließ sich Goetz vor etwa drei Jahren von Ulf Poschardt für einen Internet-Blog des inzwischen auch schon nicht mehr existierenden Magazins Vanity Fair engagieren: Rainald Goetz war nun als intellektueller Klatschreporter unterwegs, schrieb an seinem und dem medialen Leben der anderen entlang eine Geschichte der Nullerjahre, beobachtete das Treiben in der Berliner Republik, verachtete mit Verve und verschleuderte Geistesblitze, floatete zwischen Poesie und Analyse munter hin und her und war dann am stärksten, wenn er wie ein guter Feuilletonist am beobachteten Detail ein Signum seiner Zeit ausmachen konnte. "Klage" war also wieder eine Zeitmitschrift, rasch rausgerockt und mit jenem suggestiven Goetz-Ton, der auch Banalitäten in sexy Satzschleifen zu Kleistschen Grammatik-Ungeheuerlichkeiten aufplustern kann. Mit "Klage", das schließlich als Buch erschien, leitete Goetz seinen Werkkomplex mit der laufenden Nummer 6 und dem Obertitel "Schlucht" ein: Waren die Bände des "Heute morgen"-Zyklus' in poppiges Rot gewandet, so ist "Schlucht" in Blau gehüllt – ein bisschen nächtlich-düster kommen die Nullerjahre daher, Goetz wandert orientierungslos durch die "dunkle Schlucht". Keine Strobolichter am Ende des Tunnels.

"Loslabern" trägt die Nummer 6.2. Es ist im Vergleich zu "Klage" ein schmales Bändchen, das den Herbst des Jahres 2008 dokumentiert, dabei immer wieder die verschiedenen "finsteren Sozialgestalten" aufrufend, die, wie Goetz schreibt, "mir mein Sozialleben schwer machen", die Alter egos, die sich Goetz in den letzten Jahren geschaffen hat: Ernstor, Bösor oder Höllor.

In einer Aufwallung von Direktheit und quasi sinnfreier Intentionalität hatte der Höllor, die Arme von sich werfend himmelwärts, ausgerufen: LOSLABERN: Traktat, Traktat über den Tod, über Wahn, Sex und Text, und, erheitert von diesem soeben durch ihn hindurchgefahrenen Expressivitätsereignis: Bericht!, der Herbst 2008!, dem davon Angestoßenen sofort stattgegeben und es geschehen lassen, dass da also LOSGELABERT würde, und dabei erzählt, wie ich, hier ja in Gestalt des Klagor noch, auf der Buchmesse 2008 bei Joachim Unseld auf dem Gang gestanden war, zu etwas vorgerückter Stunde schon, an dieser Ecke bei der Treppe, im Gespräch mit dem Schriftsteller Binswanger und dem Feuilletonredakteur Canetti, selbst schon etwas angetrunken, dadurch aber auch gesteigert animiert und verstärkt bei Sinnen, und wie es dort also zu diesen sofortistisch hochfahrenden Darlegungen über das LOSLABERN, eine entsprechend maximale Ethik der Schrift gekommen war, eine Moral des Schreibens, ich hatte in den Tagen zuvor diesbezüglich einige Notizen gemacht und war dadurch aktuell besonders besessen von diesen für mich verschiedene sehr existenzielle Fragen lösenden Ideen, redete dadurch aber auch wie eingesperrt in diese Ideen daher, viel zu sehr gefesselt von ihnen, grotesk hysterifiziert durch sie, ich fing schon an, mich zum Ausgleich gegen das von mir selbst gesagte nocheinmal auf das zuvor von Binswanger Gesagte konzentrieren zu wollen.

Sprachfuror, Wahrnehmungsüberreiztheit, Beobachtungslust: Auf der Buchmesse 2008, die Goetz mit Fotoapparat und Röntgenblick ausgerüstet nach langen Jahren der Abstinenz wieder besucht, beginnt "Loslabern", sprudelt die Ideenquelle los, die manchmal auch einfach nur zum gedanklichen Rinnsal wird, aber doch durch den Sprachgestus wie ein reißender Strom erscheint. Goetz beobachtet, labert und theoretisiert über das Labern aber nicht nur; er ist selbst Teil des Geschehens, Teil des Betriebs. Den ersten Abschnitt nennt er – vielleicht auch mit dezenter Anspielung auf Proust - "Der Gefangene". Gefangen ist er im öffentlichen Diskurs (der upgedateten Version der französischen Salons), dessen Faszinationskraft er sich nicht entziehen kann.

Goetz mischt sich ein in Gespräche, lässt uns von seinen Sozialphobien wissen (eine Szene beschreibt etwa die komplett verunglückte Buchmessen-Begegnung mit Christian Kracht); er skizziert zuweilen in kurzen Sätzen Situationen, in denen Bedeutungssucht und wahre Macht auseinanderdividiert und entlarvt werden. Vor allem der zweite große Teil dieses Buches, der vom Herbstempfang der FAZ in Berlin erzählt, hat davon einiges zu bieten: Mit vernichtenden anekdotischen Spitzen, treffenden und ungerechten Invektiven versucht Rainald Goetz sich diese Welt auf Distanz zu halten.

Manchmal hat er wunderbare, auf verschlungene Weise auch eine tiefere Wahrheit berührende Assoziationen: etwa, wenn er fantasiert, Bild-Chefredakteur Kai Diekmann benutze Lady Bitch Rays Scheidensekret als Haargel. Hier berühren sich kulturelle Sphären, die auf den ersten Blick nichts gemein haben und doch in ihrer Images konstruierenden Schlüpfrigkeit miteinander verbunden sind.

Goetz lange Herbstempfangs-Suada wird durchbrochen von Notizen, deren Kryptik Bedeutung suggerieren sollen, wo sie eigentlich nur eine Materialsammlung darstellen, die kaum Anknüpfungspunkte liefert. Interessanter sind zwei unvermittelt eingeschobene Erzählungen, die aus der Gegenwartsbetrachtung zum einen in ein "Theologisches Konvikt" und zum anderen ins Jahr 1918 führen. Es sind sehr strenge, ein bisschen an Alexander Kluge erinnernde Texte, die vielleicht aus einem anderen Erzählzusammenhang in dieses Buch gefunden haben.

Die Form von "Loslabern" insgesamt erweist sich als Illustration der ästhetischen Theorie von Rainald Goetz in den letzten Jahren – und zugleich als Illustration des alten Dilemmas, das einem die "analoge" Schrift in einer digitalen Welt auferlegt:

Das Hauptproblem aller nur rationalen Weltzugänge: man kriegt zu wenige Aspekte gleichzeitig zu fassen, und dieses Orientierende, der gefühlsmäßige Überblick, die Ansicht des Ganzen in ihrer Irgendwiehaftigkeit kann durch keine Schärfe der Analyse im Einzelnen usw.

Goetz würde gerne die Komplexität seiner Wahrnehmungen ins Schreiben übersetzen, diese ungleichzeitig stattfindende Vielfalt gleichzeitig fassen können. Das funktioniert, bei aller Konsequenz von Goetz' Texten, allerdings nicht: Wer die moderne, medial inszenierte Wirklichkeit begreifen will, bleibt dennoch konventionellen Mitteln verhaftet – einem parataktischen, eins ans andere reihenden Erzählen:

Drin tobte auch schon das unglaubliche, das ungeheuerliche Sozialmonster, 2000-köpfig, alle REDETEN, es peitschten die aus diesen vielleicht ja auch 3000 Köpfen hervorsprühenden Kommunikationen durch die Hallen und Räume, und wer da war, einfach nur körperlich anwesend, wurde ganz automatisch und unwiderstehlich mit hineingerissen in den tosenden Trubel und selbst Teil dieser Kollektivgerätschaft, dieser absolut gigantischen Maschine, lebendig, aus lauter Einzelmenschen gemacht, als Ganzes aber wohl der größte Dinosaurier, den die Erde je gesehen.

Goetz verstrickt sich in einen Diskurs, den er als Gelaber diskreditieren und zugleich feiern will: Diese Vermischung von Nähe und Distanz erzeugt eine Spannung, der man entweder in ihrer Widersprüchlichkeit erliegen kann oder die man in ihrer Überspanntheit ablehnen muss. Die Gesten der Übertreibung und die beleidigenden Mittel beziehen sich allesamt auf Figuren der medialen Welt. Für Goetz bleiben sie solche Medienfiguren auch, wenn er ihnen konkret begegnet. Für ihn ist das Soziale ebenfalls ein Spielfeld, auf dem eigene Regeln gelten, die der Schrift: Das ist zuweilen irritierend, für den Leser und mehr noch wohl für jene, die mit Goetz zusammentreffen. Goetz ist immer im Einsatz – als Protokollant seiner Gegenwart.

Man muss in einem irren Wahn leben, um selber Bücher schreiben zu können.

So ist "Loslabern" auch ein Werkstattbericht, in dem erzählt wird, wie dieses Autor-Ich sich die Wirklichkeit anverwandelt, wie es – an den Rändern des Buch-, Medien-, Kunst- und Politbetriebs stehend und doch auch auf eine linkische Weise dazugehörend – mit der eigenen, stets virulenten Schreibkrise zurechtkommt, während zur gleichen Zeit die globale Wirtschaftskrise tobt. Er betrachtet diese Wirtschaftskrise, die das Hintergrundrauschen des Buches darstellt, mit Neugier und einer gewissen Lust: Denn, wer das Leben ohnehin als ein mediales wahrnimmt, für den ist die Katastrophe auch eine Inszenierung. Man kann sie verwenden als Material, das das eigene Denken anregt. Für Goetz ist alles Material. Zuweilen ertrinkt er darin. Aber noch im Untergehen bringt er bestechende Sätze hervor und lässt uns an seinen idiosynkratischen Beobachtungen teilhaben. Kurz: ein neuer Goetz für alte Goetz-Fans.


Rainald Goetz' "Loslabern" ist im Suhrkamp Verlag erschienen. 187 Seiten kosten 17,80 Euro.

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