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StartseiteCampus & Karriere"Wer arbeitet, kann in der Schule nicht folgen"11.04.2011

"Wer arbeitet, kann in der Schule nicht folgen"

GEW-Chef zur Gründung der Stiftung Fair Childhood

Millionen Kindern wird weltweit das Recht auf Bildung verwehrt. Mit der neugründeten Stiftung Fair Childhood wolle man gegen Kinderarbeit vorgehen und Kindern Zugang zu einer Bildungseinrichtung ermöglichen, sagt Ulrich Thöne, Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Ulrich Thöne im Gespräch mit Manfred Götzke

Ein Kind arbeitet in einer Ziegelfabrik in Jammu, Indien. (AP)
Ein Kind arbeitet in einer Ziegelfabrik in Jammu, Indien. (AP)
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Das Ende der Kinderarbeit

Manfred Götzke: Das Recht auf Bildung hat in Deutschland und auch international einen hohen Rang, es ist nämlich ein Menschenrecht gemäß Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Aber wie es leider häufig bei Menschenrechten ist, wird auch dieses in vielen Ländern mit Füßen getreten. Mehr als 200 Millionen Kinder weltweit können keine Schule besuchen, weil sie arbeiten müssen, teilweise sogar unter extremen Bedingungen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft will dagegen etwas tun. Sie hat heute die Stiftung Fair Childhood – Bildung statt Kinderarbeit gegründet. Ulrich Thöne ist Chef der Gewerkschaft, hallo, Herr Thöne!

Ulrich Thöne: Guten Tag!

Götzke: Herr Thöne, was kann ausgerechnet eine deutsche Gewerkschaft gegen das Problem Kinderarbeit in Entwicklungsländern tun?

Thöne: Wir sind Teil und wir wollen nicht länger Teil des Problems sein. Wir wollen uns dagegen zur Wehr setzen, wir wollen mitmachen, wie es viele Menschen Gott sei Dank auch schon tun. Wir wollen mithelfen, dass die Kinderarbeit überwunden wird. Und Kinderarbeit findet an zwei Orten statt, das muss man einfach sehen: An dem einen Ort, das ist dort, wo sie tatsächlich konkret gemacht wird, also in Steinbrüchen, Teppichwebereien und so weiter, und so weiter. Aber der andere, das sind auch wir, unsere Gesellschaft hier, die als Konsumenten Produkte aus Kinderarbeit nachfragt. Das ist manchmal nicht ganz klar, das ist manchmal nicht offenkundig, aber genau da wollen wir hier unsere Verpflichtung stärken, uns dagegen einzusetzen, dass wir mit Produkten aus Kinderarbeit konfrontiert werden.

Götzke: Aber wie genau? Ich meine, es gibt ja auch schon Fairtrade-Logos, Organisationen, die sich auch hier in Deutschland genau mit diesem Thema auseinandersetzen. Was wollen Sie da anders machen?

Thöne: Ja wir wollen das einfach nur verstärken. Nehmen Sie nur ein Beispiel: Nussnougat, prima Geschichte, wird von vielen gerne gegessen, stammt aber in hohem Maße aus Kinderarbeit. Ich weiß nicht, ob das bekannt ist, aber 65 Prozent der Weltproduktion, der Weltexporte für Nüsse, die in die Nussnougatproduktion gehen, kommen aus der Türkei und sind in hohem Maße kinderarbeitsmäßig belastet. Das ist nur ein Beispiel von ganz vielen, wo noch Investigatives passieren muss, um das aufzudecken, auch um zu klären, wie die Produktketten sind, und um dagegen was zu machen. Oder nehmen Sie das andere Beispiel: Natursteine. Das ist in Köln deutlich geworden am Heumarkt, dass die aus Kinderarbeit stammen, und Nordrhein-Westfalen hat Gott sei Dank die Gemeindeordnung geändert, um Möglichkeiten zu schaffen, dass bei Ausschreibung nicht der jeweils Günstigste, sondern der garantiert kinderarbeitsfrei Günstigste genommen wird. Leider haben das erst drei von 16 Bundesländern beschlossen, obwohl das Problem seit Jahren bekannt ist. Es gibt eine Unzahl von Möglichkeiten, in die wir uns vertiefen müssen. Wir wollen in den Bildungseinrichtungen anstoßen eine Diskussion darüber, Kenntnis darüber, und unser Engagement erhöhen, unseren Druck auch erhöhen, dass Produkte aus Kinderarbeit hier keinen Platz haben.

Götzke: Sie haben die Bildungseinrichtungen angesprochen, soll das Teil des Unterrichts werden, darüber aufzuklären, zu informieren, was faire Produkte sind und was nicht?

Thöne: Das ist aber auch schon, wenn man jetzt in den Lehrplan reinguckt, Bestandteil. Wir wollen das ganz bewusst forcieren, wollen das nach vorne drängen, wir wollen, dass man mit Produkten aus Kinderarbeit anders umgeht und Zonen schaffen, in denen man bewusst auf Kinderarbeitsprodukte verzichtet.

Götzke: Wollen Sie sich auch konkret in den Ländern engagieren, wo Kinderarbeit stattfindet?

Thöne: Wir haben eine Stiftung gegründet, um auch Geld zu sammeln, um Projektfonds zu unterstützen, die wir mit unseren Partnerinnen und Partnern zusammen angehen, das sind sowohl Menschenrechtsorganisationen, die schon länger in der Arbeit sind als aber auch unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort, die wir als Gewerkschaft natürlich weltweit haben, dass wir mit ihnen gemeinsam und sie unterstützend darangehen können, dass Kinder in die Schule gehen und in die Schule gehen können und auch davon ein vernünftiges Umfeld haben und nicht in die Kinderarbeit gezwungen werden.

Götzke: Ihre neue Stiftung hat ja das Motto Bildung statt Kinderarbeit. Aber ist das tatsächlich immer ein Gegensatz?

Thöne: Ja, oft genug. Wer arbeitet, kann in der Schule nicht folgen. Natürlich wird es Situationen geben, dass in manchen Teilen der Welt es Übergänge geben muss, aber wir sind insgesamt dagegen, dass Kinder überhaupt zur Arbeit gezwungen werden. Auf dieser Basis kann keine Arbeit passieren, die sich auf Kinder stützen kann, und das kann auch nicht kompatibel gemacht werden mit Bildung. Und deswegen ist der Begriff "statt" völlig richtig.

Götzke: Das ist ja ein sehr heikles Problem, es gibt ja immer wieder Berichte über arbeitende Kinder, bei denen die Kinder sagen, nur durch die Arbeit kann sich die Familie dann auch den Schulbesuch der Kinder leisten.

Thöne: Ja, das stimmt, aber genau da ist das Problem, wo wir ansetzen müssen. Sie müssen eins vorwegnehmen: Nicht die Kinder, die in Armut sind, sind das Problem, jetzt dürfen Sie aus Opfern nicht die Täter machen, sondern die Unternehmer, die diese Armut ausnutzen, und die staatlichen Behörden, die die notwendige Unterstützung der Kinder unterlassen. Es ist beidseitig. Sie haben in Indien zum Beispiel ein hervorragendes Gesetz zur Bildung für alle und gegen Kinderarbeit und dergleichen mehr, bloß die Einhaltung lässt auf sich warten. Wir haben fast 80 Millionen Kinder, die in Indien zur Kinderarbeit gezwungen sind. Aber nicht wegen der Gesetzeslage, sondern aufgrund der Tatsache, dass sie jemand gegen die Kinder ausnutzt. Und dagegen müssen wir einschreiten.

Götzke: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat heute die Initiative Bildung statt Kinderarbeit ins Leben gerufen. Ulrich Thöne von der Gewerkschaft hat erklärt, worum es genau geht. Vielen Dank!

Homepage Millenniumentwicklungsziele der Vereinten Nationen (englisch)

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