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StartseiteBüchermarktWer erschoss den Agenten?04.01.2007

Wer erschoss den Agenten?

Leonardo Padura lebt auf Kuba und will dort auch weiterhin leben - trotz des internationalen Erfolgs, den er mit seinem "Havanna-Quartett" erzielte. Der derzeit wohl bekannteste Autor Kubas versteht seine Romane nicht als politisch, sie jedoch unter Krimis zu subsumieren, wird ihnen ebenso wenig gerecht. In seinem jüngsten Roman vermischt Padura Fakt und Fiktion rund um Hemingways Kuba-Zeit auf raffinierte Art.

Von Wera Reusch

Ernest Hemingway 1958 (AP)
Ernest Hemingway 1958 (AP)

" Er hatte etwas von einem Weihnachtsmann, dieser bärtige und ein wenig schmuddelige Alte mit den großen Händen und Füßen (...). Der Mann ging so nahe an ihnen vorbei, dass sein Geruch den Jungen streifte, eine Mischung aus Schweiß und Meer, Motorenöl und Fisch. Ein penetranter, ordinärer Körpergeruch. (...) "Das ist Cheminguey, der amerikanische Schriftsteller", klärte der Großvater seinen Enkel auf. "

Den berühmten Mann 1960 im Hafen eines kubanischen Fischerdorfs zu beobachten, hinterließ einen tiefen Eindruck bei Mario Conde, dem Protagonisten des Romans "Adiós Hemingway". Conde, damals ein kleiner Junge, ist inzwischen Anfang 40. Frustriert hat er seinen Dienst bei der Polizei quittiert und schlägt sich als Schriftsteller und Antiquar in Havanna durch. Doch als seine ehemaligen Kollegen ihn bitten, bei der Aufklärung eines Mords zu helfen, kann er nicht widerstehen: Auf dem früheren Anwesen Hemingways, das mittlerweile ein Museum ist, wurden Knochen eines Mannes ausgegraben, der offenbar erschossen wurde. Bei den Überresten fand sich außerdem eine verrostete FBI-Marke. Wer erschoss den Agenten? Hemingway womöglich? Conde, den manche Leser als Ermittler aus Leonardo Paduras vierbändigem "Havanna-Quartett" kennen mögen, macht sich an die Arbeit. Er will den Mord aufklären, vor allem aber versucht er, sich dem berühmten Schriftsteller anzunähern, mit dem ihn eine Hassliebe verbindet.

" Im Grunde hatte seine Verehrung für Hemingway schon einen Dämpfer erhalten, als sich das literarische Idol nach und nach als ein selbstgefälliger, gewalttätiger Mensch erwies, der unfähig war, jenen, die ihm mit Liebe begegneten, Liebe zurückzugeben. Die Distanz zu Hemingway war gewachsen, als Mario klar wurde, dass der Schriftsteller auch nach zwanzig Jahren in Kuba keinen blassen Schimmer von der Insel hatte; als er der schmerzhaften Wahrheit ins Auge sehen musste, dass der geniale Künstler (...) alle verriet, die ihm geholfen hatten. "

Parallel zu den Ermittlungen Condes Mitte der 90er Jahre entwickelt Padura einen zweiten Erzählstrang. Darin schildert er Ereignisse im Herbst 1958, als Hemingway krank und zurückgezogen auf seiner Finca nahe Havanna lebte. Sein Arzt hatte ihm Alkoholkonsum verboten, das Schreiben fiel ihm schwer, er litt unter Verfolgungswahn, geblieben waren ihm nur treu ergebene Hausangestellte, die ihn "Papa" nannten.

" Es machte ihn wütend, dass man ihm vorgeworfen hatte, er lebe auf Kuba, weil das Leben dort billiger und er so oberflächlich und selbstgefällig wie alle Amerikaner sei, die in der Welt herumfuhren und mit ihren Dollars alles kauften, was es zu kaufen gab. Dabei hatten die letzten Berechnungen von Miss Mary ergeben, dass er in den rund zwanzig Jahren auf der lnsel fast eine Million Dollar ausgegeben hatte, und er wusste, dass ein Großteil der Summe dafür draufgegangen war, die zweiunddreißig Kubaner zu bezahlen, die sich ihren Lebensunterhalt bei ihm verdienten. "

Padura hat Fakten und Fiktion auf raffinierte Art und Weise vermischt. Der handwerklich perfekt gebaute Roman ist spannend, unterhaltsam und enthält viele biographische Details über Hemingway, die auf intensive Recherche und Interviews mit Zeitzeugen schließen lassen. In einer Vorbemerkung betont der Autor, dass es sich um einen Roman handele, auch wenn einige der geschilderten Begebenheiten tatsächlich stattgefunden hätten. "Adiós Hemingway" ist jedoch nicht nur ein subtiles Psychogramm des Literaturnobelpreisträgers, sondern gibt in eher beiläufigem Ton auch die Stimmung der 90er Jahre auf Kuba wieder:

" Zwei junge Mädchen, spärlich schwarz gekleidet, warteten darauf, von einem Auto ins Stadtzentrum mitgenommen zu werden, um ihre Dollar-Nachtschicht zu beginnen. Ein einbeiniger Bettler bat die Vorübergehenden um Almosen. Zwei junge Männer führten ihren Kampfhund spazieren und träumten vom Geld, das ihnen die scharfen Hundezähne einbringen würden. (...) Man musste weder Polizist noch Privatdetektiv sein, nicht einmal Schriftsteller, um zu begreifen, dass es niemand auf diesen Straßen interessierte, ob Hemingway einen Mann, der darauf aus gewesen war, ihm das Leben zu versauen, umgebracht hatte oder nicht. "

Leonardo Padura lebt auf Kuba und will dort auch weiterhin leben - trotz des internationalen Erfolgs, den er mit seinem "Havanna-Quartett" erzielte. Die vier Romane, in denen der Polizist Mario Conde im Mittelpunkt steht, wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er wolle sich weder als Opfer noch als Dissident darstellen, sagte Padura einmal, denn er sei beides nicht. Der derzeit wohl bekannteste Autor Kubas versteht seine Romane nicht als politisch, sie jedoch unter Krimis zu subsumieren, wird ihnen ebenso wenig gerecht. Padura nutzt das Genre vielmehr, um die kubanische Wirklichkeit widerzuspiegeln. Dabei verkörpert Mario Conde das Lebensgefühl der Generation, die Mitte der 50er Jahre geboren wurde, die nur das revolutionäre Kuba kennen gelernt hat und die seit den 90er Jahren völlig desillusioniert ist. Padura selbst spricht von "falschen" Kriminalromanen. Nicht wer etwas getan hat, interessiert ihn, sondern der soziale und historische Hintergrund eines Falls. Das trifft auf "Adiós Hemingway" in besonderem Maße zu: Der Roman wirft einen Blick auf kaum bekannte Seiten des berühmten Schriftstellers, kritisiert dessen touristische Vermarktung und zollt denjenigen Kubanern Tribut, die Hemingway kannten und zu seinem Erfolg beitrugen:

" Nur der verwitterte, öde kleine Platz in Cojímar mit der Bronzebüste sagte wirklich etwas aus. Es war nach seinem Tod weltweit die erste Ehrung gewesen, und keiner der Biographen erwähnte sie. Doch es war die einzige aufrichtige Huldigung, denn das Denkmal hatten die Fischer von Cojímar aus ihrer eigenen Tasche bezahlt. In ganz Havanna hatten sie die Bronze für die Skulptur zusammengesucht, und der Bildhauer hatte auf ein Honorar verzichtet. (...) El Conde bewunderte diesen Beweis der Freundschaft, nicht wegen des Schriftstellers, der ihn nicht mehr erlebt hatte, sondern wegen der Männer, die ihn erbracht hatten, wegen ihres aufrichtigen Gefühls, das eigentlich gar nicht mehr in diese Welt passte. "

Leonardo Padura: "Adiós Hemingway".
Unionsverlag, Zürich 2006

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