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"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben"

Vor 20 Jahren sagte Gorbatschow das Ende der DDR voraus

Von Claus Menzel

Bruderkuss: Die beiden Staats- und Parteichefs der Sowjetunion und der DDR, Michail Gorbatschow und Erich Honecker am 6. Oktober 1989.
Bruderkuss: Die beiden Staats- und Parteichefs der Sowjetunion und der DDR, Michail Gorbatschow und Erich Honecker am 6. Oktober 1989. (AP)

Als die DDR am 7. Oktober 1989 ihren 40. Geburtstag beging, war ihr Ende schon abzusehen. Sowjet-Präsident Michail Gorbatschow nahm das durchaus vorweg - wenn er es auch nicht so sagte, wie viele denken.

Sie endete kläglich – doch immerhin ohne Gewalt und Blutvergießen. Vier Jahrzehnte lang hatte sie Frieden und Freiheit versprochen, Wohlstand und Sicherheit, und wenn es eine Zeit gegeben haben mag, in der diese Deutsche Demokratische Republik von ihren rund 17 Millionen Bürgern akzeptiert wurde – geachtet, geschätzt, gefeiert wurde sie höchstens in den Reden und Aufsätzen ihrer Würdenträger aus der SED.

An Phrasen, Losungen, Parolen und Floskeln fehlte es hier nie und niemandem – auch nicht dem späteren Staatsoberhaupt der DDR, Wilhelm Pieck, als er, damals noch Präsident eines "Deutschen Volksrats", auf dessen neunter Tagung im Berliner Haus der Ministerien am 7. Oktober 1949 jene selbstredend einmütig angenommene Resolution verlas, in der die Gründung einer Deutschen Demokratischen Republik gefordert wurde.

"Deutsche Männer und Frauen, deutsche Jugend! Wir rufen das deutsche Volk auf, die Rettung der Nation in die eigene Hand zu nehmen und durch die Unterstützung des Kampfes der nationalen Front des demokratischen Deutschland die Bahn frei zu machen für Frieden, Aufbau und nationale Freiheit in der einigen Deutschen Demokratischen Republik."

Gewiss waren beide deutschen Staaten vor allem Geschöpfe des Kalten Kriegs. Weil sich die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in ihrer Deutschlandpolitik nicht einigen konnten oder wollten, hatten erst die Westmächte auf der einen, dann aber auch die Sowjetunion auf der anderen Seite beschlossen, aus ihren Besatzungszonen selbstständige Staaten zu machen. Wobei natürlich klar war, dass es in der Bundesrepublik beim Kapitalismus zu bleiben, in der DDR aber einen Sozialismus nach sowjetischem Vorbild zu geben habe.

Dem kleineren deutschen Teilstaat ist das nicht gut bekommen. Wo die Westdeutschen bald so etwas wie ein Wirtschaftswunder erlebten, mussten sich die DDR-Bürger damit zufriedengeben, dass ihre Staatspartei ihnen 1952 den planmäßigen Aufbau des Sozialismus ankündigte. Wer es da an Begeisterung fehlen ließ, bekam prompt Ärger mit den zuständigen Organen. Oder flüchtete in die BRD, bis der Mauerbau vom 13. August 1961 diesen Ausweg sperrte. In ihren letzten beiden Jahren fand sich jedenfalls selbst in den Führungsetagen der DDR kaum noch jemand, der ihr eine große Überlebenschance gab. Und der groteske Pomp, mit dem der 40. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert werden sollte, obwohl die Mauer in Berlin nur noch ein weiträumig zu umfahrendes Verkehrshindernis war, demonstrierte bloß den Realitätsverlust, unter dem die altersmüden Chefgenossen längst litten - allen voran der Generalsekretär der SED, Erich Honecker.

"Liebe Freunde und Genossen, meine Damen und Herren des Diplomatischen Corps, liebe Gäste! Nehmen Sie die Gewissheit mit nach Hause, dass unsere Republik auch im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz ein bedeutender ... Friedensfaktor im Zentrum Europas sein wird. Unsere Freunde in aller Welt seien versichert, dass der Sozialismus auf deutschem Boden ... auf unerschütterlichen Grundlagen steht."

40 Jahre lang hatten vor allem die Sowjets diese unerschütterlichen Grundlagen gesichert: Es waren ihre Panzer, die den Berliner Juni-Aufstand 1953 niederwalzten. Obwohl der ihm stets zugeschriebene Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" so nie fiel, hatte sich der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow in Berlin als launiger Reformer gezeigt:

"Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren. Und wer die Impulse aus der Gesellschaft aufgreift und dementsprechend seine Politik gestaltet, der dürfte keine Angst vor Schwierigkeiten haben, das ist eine normale Erscheinung."

Allerdings - dass Gorbatschow nicht gezwungen sein würde, den Bestand der DDR mit Gewalt zu sichern, war in den Herbstmonaten 1989 keineswegs sicher. Doch dann machte er den SED-Granden klar: Auf Panzer durften sie nicht hoffen. Rund ein Jahr später war die DDR Geschichte.

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