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Seit 22:05 Uhr Musikjournal
StartseiteDie neue PlatteWest Side Story im Taschenformat05.06.2011

West Side Story im Taschenformat

Katia & Marielle Labèque: "Rhapsody in Blue/West Side Story"

Manhattan statt Verona, 50er-Jahre statt Renaissance. - Eine amerikanische und eine puerto-ricanische Straßengang, Jets und Sharks statt Capulets und Montagues, das ist der Stoff, aus dem die West Side Story gemacht ist. Katia und Marielle Labèque machen sie jetzt im Westentaschenformat hörbar - sehr reduziert.

Von Jochen Hubmacher

Leonard Bernstein (picture alliance / dpa / Zentralbild)
Leonard Bernstein (picture alliance / dpa / Zentralbild)

""Maria" aus "West Side Story", K: L. Bernstein, CD 6048737"

Zitat Leonard Bernstein:

"Jeder erzählte uns, dass die West Side Story ein unrealisierbares Projekt sei. Man erklärte uns, dass niemand in der Lage sei, übermäßige Quarten, wie die in "Maria" zu singen. Außerdem behauptete man, dass die Partitur zu ausladend sei für Popmusik. Und wer wollte schon eine Show sehen, in der der Vorhang des ersten Aktes auf zwei tote Körper fällt, die auf der Bühne liegen."

Leonard Bernstein in einem Interview mit dem Musikmagazin "Rolling Stone". Die Musikgeschichte hat die Pessimisten von damals zwar eigentlich eines besseren belehrt. Wer dennoch nicht komplett überzeugt sein sollte von der Original West Side Story oder sie zur Abwechslung in einem alternativen Klanggewand erleben möchte, der dürfte an der neuen CD der Klavier spielenden Schwestern Katia und Marielle Labèque seine helle Freude haben. Denn darauf befindet sich eine West Side Story im Westentaschenformat. Ohne Gesang, ohne üppigen Orchesterapparat. Bernsteins Musical Klassiker als kammermusikalisches Kopfkino erzählt von zwei Weltklasse-Pianistinnen und drei im wahrsten Sinne des Wortes "pfiffigen" Schlagzeugern.

""Prologue" aus "West Side Story", arr. für 2 Klaviere, K: Leonard Bernstein "

Manhattan statt Verona, 50er-Jahre statt Renaissance -- Eine amerikanische und eine puerto-ricanische Straßengang, Jets und Sharks statt Capulets und Montagues. Verrückt und genial zugleich war die Idee, die Choreograf Jerome Robbins einst hatte. Aus der vielleicht berühmtesten Liebesgeschichte der Welt, Shakespeares Romeo und Julia, wollte er ein Broadway-Musical machen. Leonard Bernstein hat diese Idee später kongenial in Töne umgesetzt und damit maßgeblich zum Erfolg der West Side Story beigetragen. Schließlich gehört sie zu den wenigen Werken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die sich im Musiktheaterrepertoire etablieren konnten.

Dass die West Side Story so klingt wie sie klingt, ist jedoch nicht allein das Verdienst von Leonard Bernstein. Der Komponist und Arrangeur Irwin Kostal war federführend an der Orchestrierung des Musicals beteiligt. Und genau an diesen Irwin Kostal wandten sich Katia und Marielle Labèque in den 1980er-Jahren mit Ihrem Anliegen. Sie wünschten sich eine Fassung der West Side Story für zwei Klaviere.

Irwin Kostal erinnert sich:

"Als ich Lenny anrief, um seine Billigung dieses Projekts zu erbitten, fragte er sogleich: "Was ist mit der Schlagzeugpartie?" Worauf ich erwiderte: 'Wir setzen zwei Percussionspieler und einen Jazz-Drummer zusammen mit den beiden Klavieren ein!' Woraufhin er mit vollem Herzen zustimmte."

" CD 6003978 "Mambo" aus West Side Story arr. für 2 Klaviere K: Leonard Bernstein "

So klang es 1989. Da hatten die Labèque Schwestern erstmals ihre ganz eigene Version der West Side Story auf CD eingespielt. Mehr als 20 Jahre später, gingen sie mit dem Stück erneut ins Tonstudio. Das Ergebnis ist jetzt bei ihrem eigenen Label KML erschienen.

""Mambo" und "Cha Cha" aus "West Side Story", arr. für 2 Klaviere, K: Leonard Bernstein "

Nachdenklich, fast etwas ängstlich, als hätten Sie noch leise Zweifel an dem Arrangement oder an ihrer Interpretation. So blicken einem die Labèque Schwestern auf dem CD-Cover von 1989 entgegen, als sie Bernsteins West Side Story erstmals in der Fassung für zwei Klaviere und Schlagzeug aufgenommen hatten. Das Bild auf der Frontseite der Neueinspielung von 2011 zeigt die Pianistinnen ebenfalls sehr nachdenklich. Doch die Unsicherheit im Gesichtsausdruck ist verflogen. Stattdessen strahlen Katia und Marielle Labèque selbstsichere Gewissheit aus. Als wollten sie sagen: Dieses Arrangement hat sich vielfach bewährt und wir wissen ganz genau, was wir hier tun. Eine Gewissheit, die mehr als zwanzig Jahre lang reifen konnte. Denn so lange haben die Labèques dieses Stück immer wieder auf den großen Konzertbühnen der Welt gespielt und bekamen dort die direkte Rückmeldung vom Publikum. Ihre Interpretation hat sich in der Zeit hörbar verändert und man merkt der Neueinspielung diesen Reifeprozess an. Alles wirkt bis ins letzte Detail durchdacht, die Tempi sind mitunter einen Tick entspannter, ohne dass dabei Klangintensität oder rhythmischer Drive verloren gingen. So klingt zum Beispiel die Cool-Fuge in der 2011er Version schlicht und einfach noch ein ganzes Stück "cooler".

""Cool" aus "West Side Story", arr. für 2 Klaviere, K: Leonard Bernstein "

Schnipsen, klatschen, pfeifen oder rufen, mit vollem Körpereinsatz und exotisch klingenden Instrumenten wie Vibra-Slap, Timbales oder Guiro. Gonzalo Grau, Pablo Bencid und Raphael Ségunier breiten den Labèque Schwestern hier weit mehr als nur einen grob gewebten Rhythmusteppich aus. Sie machen eindrucks- und stets geschmackvoll deutlich, warum Leonard Bernstein beim Klavierarrangement seiner West Side Story unter keinen Umständen auf das "akustische Gewürzregal" Schlagzeug verzichten wollte. Obwohl die Kategorie "scharf und feurig" hier meist dominiert, kommt es auch zu ganz zauberhaften Momenten für Liebhaber von feinen und dezenten Klangaromen.

""I feel pretty" aus "West Side Story", arr. für 2 Klaviere, K: Leonard Bernstein "

Neben der West Side Story warten Katia und Marielle Labèque auf ihrer neuen CD mit einem weiteren musikalisches Déjà-Vu Erlebnis auf. Vor mehr als dreißig Jahren haben sie bereits ein Stück aufgenommen, über das Leonard Bernstein einst bewundernd meinte:

"Die Themen sind sagenhaft - inspiriert, von Gott gegeben. Ich denke, dass es seit Tschaikowsky keine vergleichbaren Melodien mehr auf dieser Welt gegeben hat!"

" Rhapsody in Blue, K: George Gershwin "

Auf einer Zugfahrt nach Boston sind George Gershwin die Melodien zu seiner Rhapsody in Blue zugeflogen. 1924 konzipierte er das Stück ursprünglich für zwei Klaviere. Die heute meist gespielte Version für Klavier und Orchester stammt nicht von Gershwin selbst, sondern von seinem Kollegen Ferde Grofé. Im Vergleich zur ihrer alten Aufnahme von vor 30 Jahren gehen die Labèque Schwestern sehr viel freier mit dem Stück um. Sie gönnen sich extremere Kontraste. Virtuose Passagen klingen noch eine Spur halsbrecherischer, lyrische Momente abgeklärter und entspannter. Auch hier ein hörbarer Reifeprozess. Zudem besticht die Neueinspielung durch ihr sehr direktes Klangbild, das das akustische Geschehen ganz nah ans Ohr heranzoomt. Der Zuhörer darf quasi direkt neben den Labèques auf der Klavierbank Platz nehmen.

" Rhapsody in Blue, K: George Gershwin "

George Gershwins Rhapsody in Blue in der Originalversion für zwei Klaviere und Leonard Bernsteins West Side Story arrangiert von Irwin Kostal für Klavierduo und Schlagzeug. Beide Stücke sind jetzt als Neueinspielung der Geschwister Katia und Marielle Labèque auf deren eigenem Label KML recordings erschienen.

Katia & Marielle Labèque: "Rhapsody in Blue/West Side Story", K: Leonard Bernstein und George Gershwin, Vertrieb: edel

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