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StartseiteEuropa heuteWillkommen im Haus der Freiheit01.04.2010

Willkommen im Haus der Freiheit

Die "Villa Azadi" – Aufnahmelager für minderjährige Flüchtlinge auf Lesbos

Rund 2500 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge erreichen Griechenland jedes Jahr, und es werden mehr. Auf der Insel Lesbos gibt es ein Heim für diese Kinder und Jugendlichen: "Villa Azadi" wurde es getauft - "Haus der Freiheit".

Von Alkyone Karamanolis

Die Mängel des griechischen Asylsystems sind europaweit bekannt.  (AP)
Die Mängel des griechischen Asylsystems sind europaweit bekannt. (AP)

Villa Azadi – Zimmer Nummer 14. Eigentlich haben die Jugendlichen um diese Zeit Unterricht. Griechisch und Englisch. Doch Mahdi* hat keine Lust. Er sitzt auf seinem Bett und zappt sich durch ein afghanisches Musik-Programm. Vier Betten, Vorhänge, Zeichnungen an den Wänden, das ist das Zimmer, in dem Mahdi wohnt.

In einer Ecke steht ein kleines Paar ausgetretener Fußballschuhe. Sie gehören unverkennbar Jaffar. Jaffar hat die kleinsten Füße hier. Er ist erst zehn Jahre alt. Der jüngste Bewohner der Villa Azadi. Auch sein Bett erkennt man sofort – an der Decke; es ist die mit den bunten Comicfiguren.

Neben den Betten: Krankenhauskommoden. Die Einrichtung der Villa Azadi ist zusammengewürfelt aus dem, was auf der Insel übrig war. Seit fast zwei Jahren lebt der 17-jährige Mahdi hier. Griechisch hat er noch nicht gelernt, doch seine Geschichte kann Mahdi auch so erzählen. Er zieht ein eselsohriges Heft aus einer Schublade.

"Afghanistan, Greece", schreibt er auf. Dazwischen einen Pfeil. Daneben die Zahl 5000. "Euro," erklärt er. "Greece, Germany" schreibt er nun auf. Daneben notiert er "3500".

Die ersten 5000 Euro haben die Eltern Mahdi gegeben. Geld, das sie sich geliehen haben und nun zurückzahlen müssen. Woher er die Summe für den Weg nach Deutschland nehmen wolle? Keine Ahnung sagt Mahdi.

Rund 100 Jugendliche leben in der Villa Azadi. Alles Jungen – und zurzeit alle aus Afghanistan. Die Villa Azadi ist der erste geschützte Ort, den sie auf ihrer Flucht erreichen. Hier werden sie erst einmal medizinisch betreut. Auch eine Psychologin kümmert sich um sie. Denn viele der Jugendlichen, so Elena Karageorgiou, haben ein Posttraumatisches Belastungssyndrom.

"Viele Kinder glauben, dass sie verrückt oder von einem Geist besessen sind. Wegen der Panikattacken oder weil sie ein Zittern befällt, das sie nicht kontrollieren können. Sie glauben dann, dass sie entweder sehr krank sind oder eben, dass sie verrückt werden. Viele sagen mir dann: 'Ich glaube, mein Hirn ist kaputt'."

Der Aufenthalt im Heim ist freiwillig. Wer bleibt, genießt bis zu seinem 18. Geburtstag Schutz. Ist sein Asylantrag bis dahin allerdings nicht genehmigt, steht er wieder vor dem Nichts. Die Jungen in der Villa Azadi wissen das. Sie wissen auch, dass ihre Chancen, Asyl zu bekommen, in Griechenland so schlecht sind wie in kaum einem anderen europäischen Land. Und so versuchen sie weiter zu fliehen. Obwohl eine europäische Verordnung, "Dublin II" genannt, regelt, dass das Einreiseland für ihr Asylverfahren zuständig ist.

"Manchmal entsteht hier ein Aufruhr wie aus dem Nichts",

erzählt die Rechtsanwältin des Heims, Toulina Demeli.

"Zum Beispiel, weil ein Junge mit einem früheren Heimbewohner telefoniert hat, der ihm zum Beispiel erzählt, er sei in Schweden und als Asylant anerkannt. Am nächsten Tag verlässt dann ein gutes Dutzend Jugendlicher die Villa Azadi, im Versuch, ebenfalls nach Schweden zu gelangen."

Manchmal entscheiden die Gerichte, Minderjährige nicht nach Griechenland zurück zu schicken. Die Mängel des griechischen Asylsystems sind europaweit bekannt. Darauf stützen die Jugendlichen in der Villa Azadi ihre Hoffnungen. Auch heute ist es wieder so weit. Vor dem Eingang haben sich einige Jungen versammelt. Ein kleines Abschiedskomitee für Yunus.

Er möchte nach Patras, und dann nach Italien oder Frankreich oder Deutschland. Hier sei sein Aufenthalt zwecklos. Yunus hat einen kleinen Rucksack geschultert. Geld ist keines darin. Sein Haar ist frisch geföhnt und mit Gel in Form gebracht. Weil das ein großer Augenblick ist. Und weil er so bald keine Gelegenheit mehr dazu haben wird. Im improvisierten Lager der Flüchtlinge in Patras gibt es nicht einmal fließend Wasser.

Es ist ein bisschen, als würden diese Jungen Abenteuer spielen. Sie klopfen sich auf die Schulter, dann dreht sich Yunus um und geht. Im Heim hat er gesagt, er wolle für ein paar Tage nach Athen. Yunus ist etwa 16 Jahre alt.

* Alle Namen geändert.

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