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Wir alle sind Mittelschicht

Ulrike Herrmann: "Hurra, wir dürfen zahlen". Westend

Ulrike Hermann nimmt den Selbstbetrug der Mittelschicht unter die Lupe. Dieser besteht ihrer Ansicht nach in dem krampfhaften Bemühen, sich trotz aller Abstiegsängste von der sogenannten Unterschicht abzugrenzen.

Von Sandra Pfister

Hartz IV dominiert den gesellschaftlichen Diskurs weit stärker als die Debatte über Reiche, die  Steuern hinterziehen.  (AP)
Hartz IV dominiert den gesellschaftlichen Diskurs weit stärker als die Debatte über Reiche, die Steuern hinterziehen. (AP)

"Dass es diese sehr starke Verachtung für die Unterschicht gibt, sieht man derzeit ja wieder an der Debatte rund um Westerwelle. Er hat ja versucht, und eigentlich auch mit Erfolg, dieses Gefühl, dass die Hartz-IV-Empfänger eigentlich alle nur Faulenzer seien, wieder auszuschlachten für seine Partei. Es gibt überhaupt gar keine Beweise dafür, dass die Hartz-IV-Empfänger Faulenzer wären oder nicht arbeiten wollen, ganz im Gegenteil, alle Untersuchungen zeigen, dass sie arbeiten wollen, es gibt fast keinen Missbrauch bei Hartz IV, das erhebt die Bundesagentur für Arbeit, aber trotzdem gibt es immer diese Debatte über die angeblich faulen Arbeitslosen."

Ulrike Hermann hat den bundesdeutschen Alltag unter die Lupe genommen. Ihre zentrale Beobachtung: Die Sozialschmarotzerdebatte dominiert den gesellschaftlichen Diskurs weit stärker als die Debatte über Reiche, die sich arm rechnen oder Steuern hinterziehen. Warum ist das so? Hermanns Antwort: Es liegt an einer paradoxen Selbstwahrnehmung. Die allermeisten Deutschen verorten sich in Umfragen in der Mittelschicht – und zwar in dem soliden, sicheren Teil, der eher auf dem Sprung nach oben als nach unten ist. Hermann glaubt, dass in diesem verzerrten Selbstbild Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder bis heute in den Köpfen fortwirkten, weil vielen ein sozialer Aufstieg gelungen sei. Doch wirkmächtiger als die Aufstiegsmobilität der Nachkriegszeit dürfte die Hartz-IV-Debatte sein.

Obwohl die Realeinkommen sinken, können sich die allermeisten noch immer als Mittelschicht fühlen. Denn inzwischen ist jeder "drinnen", der als Arbeitsloser nicht "draußen" ist. ( ... ) Ausgerechnet die Massenarbeitslosigkeit verleitet die Beschäftigten der Mittelschicht dazu, sich mit der Elite zu identifizieren. Sie fühlen sich bereits herausgehoben, nur weil sie nicht zu den Ausgestoßenen zählen.

Daraus resultiere eine permanente "Kriminalisierung" der wirklich Armen.

Auch der Mittelschicht leuchtet plötzlich ein, dass es eine Zumutung für die Elite ist, Steuern zu zahlen, wenn davon nur Arbeitslose alimentiert werden, die angeblich zu faul sind, um eine Stelle aufzunehmen. Der Denkfehler ist schnell gemacht: Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Reallöhne fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empfänger zu viel kassieren.

Dass die Mittelschicht sich der Oberschicht so nah fühle, liege auch an der gelungenen Camouflagepolitik der Vermögenden. Diese rechneten sich arm und verschleierten ihren Wohlstand.

Wenn Lobbyisten Steuersenkungen für die Reichen durchbringen wollen, dann müssen sie der Mittelschicht das Gefühl geben, dass sie ebenfalls zur Elite gehört. Man muss die Mittelschicht zum Selbstbetrug animieren.

Die Reichen würden immer reicher, und sie teilten in Politik und Wirtschaft vielfach die Pöstchen untereinander auf, schreibt Hermann. Diese Beobachtung ist empirisch gut belegt durch die Studien des Soziologen Michael Hartmann: Demnach bleiben die Eliten in Deutschland unter sich, der soziale Aufstieg ist selten. Über die Ursache reden Wirtschaftslobbyisten im relativen Hochlohnland Deutschland ungern:

"Der eigentliche Abstieg der Mittelschicht findet ja dadurch statt, dass die Reallöhne sinken, und sie sinken in Deutschland seit Jahren, und wichtig ist zu wissen, dass sie NUR in Deutschland in dieser Weise sinken. ( ... ) In Deutschland haben wir den einmaligen Fall, historisch und auch im Vergleich zu den Nachbarn, dass die Reallöhne selbst dann sinken, wenn die Wirtschaft boomt."

Hermann hat Recht: Die Lohnquote, also der Anteil der Löhne am gesamten Volkseinkommen, lag vor drei Jahren, mitten im Boom, bei nur noch 61 Prozent, so niedrig wie nie zuvor in der bundesdeutschen Geschichte. Und das bedeutet im Umkehrschluss, dass viele Unternehmen und Aktienbesitzer ihre Gewinne auf Kosten ihrer Angestellten enorm gesteigert haben. Aber, möchte man ihr entgegnen, wenn unsere Löhne und Steuern zu hoch sind – verlagern dann die Inhaber ihre Firmen nicht postwendend ins Ausland? Hermann hält das für überzogen:

"So attraktiv ist das Ausland ja gar nicht, denn die große Geschäftstätigkeit, die findet ja hier statt, und hier wird auch das Geld verdient, ( ... ), und es ist für Milliardäre oder überhaupt für Reiche gar nicht so einfach, auszuweichen."

Nicht einfach – und vielleicht auch gar nicht nötig. Denn die politischen Weichenstellungen der vergangenen Jahre haben den Wohlhabenden durchweg genutzt, wie Hermann treffend beschreibt: die Vermögenssteuer – de facto nicht mehr erhoben. Der Spitzensteuersatz – noch unter Rot-Grün von 53 auf 45 Prozent gesenkt. Die Abgeltungssteuer – private Kapitalerträge werden seit einem Jahr nur noch mit generell 25 Prozent statt mit dem persönlichem Steuersatz von 42 Prozent versteuert. Auch die Reform der Erbschaftssteuer unter Rot-Grün begünstigt das reichste Zehntel der Bevölkerung. Warum stellt die Mittelschicht die politischen Weichen nicht so, dass sie weniger bluten muss? Hermanns Antwort, es liege an der verzerrten Selbstwahrnehmung, fällt originell und klug aus, auch wenn sie an vielen Stellen schwer belegbar ist. Doch die Forderungen, die sie erhebt, sind nicht pure Utopie. Selbst das World Economic Forum in Davos war in diesem Jahr durchzogen von vielen Ideen, die auch die "taz"-Redakteurin bewegen. Doch von konkreten Lösungen sind die meisten Staaten weit entfernt.

"Eigentlich müsste man erst mal die Reformschritte zurücknehmen, die es schon gab, das heißt man muss natürlich den Spitzensteuersatz wieder anheben, man muss natürlich, das ist ja auch so ein Wahnsinn, die Erbschaftssteuer ganz neu gestalten, also jetzt ist es ja so, dass die Firmen erben, also gerade die, die besonders große Vermögen haben gar keine Steuern mehr zahlen müssen auf ihr Erbe, wenn sie es richtig anstellen, das müsste man eigentlich revidieren, denn natürlich ist es so, dass die extreme Ungleichheit, die es in unserer Gesellschaft gibt, die verschärft sich auch noch durch das Erben."

Hermanns Thesen sind ein wichtiger Denkanstoß, viele sind plausibel. Doch einige kritische Einwände vermögen sie nicht zu zerstreuen: Die Autorin lässt unklar, wen die Mittelschicht denn eigentlich noch wählen kann, um ihre Interessen politisch zu vertreten. Etwa die Linkspartei? Hermanns Lösungsvorschläge können als unausgesprochene Wahlempfehlung interpretiert werden. Im Verständnis der Linkspartei beginnt Wohlstand allerdings schon ab einem Brutto-Einkommen von 65.000 Euro bei Singles – ab diesem Einkommen soll der Spitzensteuersatz gelten. Das kann niemand gutheißen, der wirklich die Interessen der Mittelschicht im Blick hat. Die Gretchenfrage in Sachen Mittelschichtpolitik heißt: Ab welcher Einkommensgrenze schlägt die Politik zu? Um die Antwort drückt sich Hermann herum. So lange das aber nicht beantwortet ist, bleibt unklar, ob das, was bei "den Reichen" zu holen ist, die Steuer- und Abgabenentlastungen der Mittelschicht gegenfinanzieren könnte. Und schließlich bleibt Hermann die Antwort darauf schuldig, wie man in globalisierten Zeiten, in denen Kapitalanlegern viele Steueroasen offen stehen, Kapitalbesitzer gerecht und effizient besteuern kann.

Sandra Pfister besprach den Band: Hurra, wir dürfen zahlen - Der Selbstbetrug der Mittelschicht. Erschienen ist das Buch von Ulrike Hermann im Westend-Verlag. Es hat 220 Seiten und kostet 16,95 Euro (ISBN: 978-3938060452).

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