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StartseiteCorso"Wir sind alle schuld an dieser Krise"28.09.2011

"Wir sind alle schuld an dieser Krise"

Das Corsogespräch mit Kevin Spacey

Beim Film ist Kevin Spacey - nach eigener Aussage eine "Theaterratte" - erst spät durchgestartet, dafür gleich mit zwei Oscars. Heute kann er wie aktuell im Finanzthriller "Der große Crash" auch als Teil einer Starbesetzung glänzen. Fernab der Kamera engagiert er sich fürs Kultursponsoring.

Mit Sigrid Fischer

Der US-Schauspieler Kevin Spacey (picture alliance / dpa / Mike Nelson)
Der US-Schauspieler Kevin Spacey (picture alliance / dpa / Mike Nelson)

Sigrid Fischer: Kevin Spacey, Sie arbeiten immer wieder mit Regiedebütanten zusammen, auch im Fall von "Der große Crash". Ist das nicht riskant?

Kevin Spacey: Ohne Erstlingsregisseure, -autoren und -produzenten hätte ich gar keine Filmkarriere. Man ist ein Risiko mit mir eingegangen, als ich angefangen habe und später habe ich mit anderen etwas riskiert. Ich hatte nie ein Problem damit. Und ich sage Ihnen auch, warum nicht: 1941 gab es einen jungen Autor, Sohn eines berühmten Schauspielers, der seine erste Regie führen sollte. Bei Warner Brothers. Der vorgesehene Hauptdarsteller George Raft wollte aber nicht mit einem Erstlingsregisseur arbeiten und lehnte die Rolle ab. Also hat der junge Regisseur neu besetzt - mit Humphrey Bogart - und "Die Spur des Falken" gedreht. Es war John Hustons erster Film. Also: Jeder fängt irgendwann an.

Fischer: Sie haben beim Theater angefangen und sind der Bühnenarbeit bis heute stark verbunden - als Schauspieler aber auch als künstlerischer Leiter des Old Vic Theaters in London. Warum ziehen Sie das Theater dem Film weiterhin vor?

Spacey: Ich komme vom Theater, da bin ich als Schauspieler geboren und aufgewachsen, da habe ich mein Handwerk gelernt. Ich habe das Theater nie als Sprungbrett zum Film betrachtet. Es ist eine ebenso eigenständige und wichtige Kunstform wie der Film, mit dem es nur wegen des Geldes nicht konkurrieren kann. Man kann den Leuten am Theater nicht das gleiche zahlen wie beim Film. Aber das interessiert mich nicht. Es ist das Medium des Schauspielers, wohingegen der Film das Medium des Regisseurs ist. Und als Schauspieler bevorzuge ich natürlich das Medium des Schauspielers.

Fischer: Suchen Sie sich deshalb auch gerne Filmprojekte wie "Der große Crash" aus, die in ihrer Dichte, in ihrer Intensität und reduzierten filmischen Inszenierung dem Theater ähnlich sind?

Spacey: Ja, vielleicht weil ich eine Theaterratte bin, fühle ich mich sehr wohl mit der Herausforderung, eine Geschichte zu erzählen, die sich in ein paar Stunden abspielt, und dabei die Spannung zu halten wie bei einem Thriller. Dem Regisseur ist es hier gelungen, das Gefühl einer tickenden Uhr zu erzeugen. Aber was ich auch gut finde, ist: Wenn man wenig Geld und daher auch wenig Zeit zur Verfügung hat - wir hatten 17 Tage - dann ist das nicht wie bei größeren Filmproduktionen, wo man zwar auch jeden Tag zur Arbeit geht, man aber ständig warten muss: ein paar Stunden, bis sie das Licht gesetzt haben, dann dreht man drei Minuten und wieder dauert es Stunden, bis die Kamera wieder eingerichtet ist. Diese Zeit hat man bei einem Film wie "Der große Crash" nicht, da muss man ständig in Aktion sein. Jeder Schauspieler muss komplett vorbereitet ans Set kommen, was für einige Kollegen schwer war, weil sie soviel von diesem Finanzkauderwelsch in ihren Dialogen hatten. Wenig Geld und wenig Zeit zu haben, zwingt die Leute, kreativer zu sein und gemeinsam Lösungen zu finden.

Fischer: "Der große Crash"ist nicht der erste Film über die Finanzkrise von 2008. Was hat Sie , Kevin Spacey gerade an diesem Stoff hier interessiert?

Spacey: Ich fand das Drehbuch extrem gut geschrieben. Es war keine Dokumentation über die Finanzkrise und es geht nicht um irgendwelche realen Figuren. Es wird auch keine Geschichte erzählt, die wir kennen, sondern sie fühlt sich sehr persönlich an. Besonders was meine Rolle betrifft, war es auch eine Gelegenheit, Personen, die nur wegen ihres Berufes zu Unmenschen erklärt wurden, menschlich zu behandeln. Ich hatte auch lange nicht die Gelegenheit, in einem Film mit meinem Inneren zu arbeiten. Es war keine glitzernde, dynamische oder theatralische Rolle. Es gibt bestimmte Erwartungen an mich: Die Leute mögen es, wenn ich hinterhältige Typen spiele. Aber das bin nicht ich. Und hin und wieder ist es einfach schön, jemanden zu spielen, der mir näher ist.

Und es gibt nicht eine zynische Dialogzeile im ganzen Film, das gefällt mir sehr.

Fischer: Was sind die Leute in den Führungsetagen der Banken, wie Sie einen spielen - für Sie - sind es dann Opfer?

Spacey: Es sind Menschen. Außerdem kann ich nach meinem Berufsverständnis die Leute, die ich spiele, nicht beurteilen, das ist die Aufgabe des Publikums. Ich muss versuchen, sie zu verstehen. Deshalb ist das professionelle Schauspielen etwas sehr Menschliches. Denn wenn man beruflich gezwungen wird, sich in die Situation von jemand anderem hineinzuversetzen, ist es viel schwerer, Vorurteile gegen die Person zu hegen, sie zu verurteilen und mit dem Finger auf sie zu zeigen. Machen wir uns nichts vor, wir sind alle schuld an dieser Krise, und ich wollte jemanden zeigen, der in erster Linie Mensch ist und erst in zweiter ein Banker.

Fischer: Ihr Filmpartner in "Der große Crash", Jeremy Irons, sieht Parallelen zwischen dem Bank- und dem Filmbusiness, da gehe es ähnlich unmoralisch zu hat er gesagt. Stimmen Sie dem zu?

Spacey: Ich bin sehr froh, dass ich mit einigen außergewöhnlichen Regisseuren und bemerkenswerten Produzenten arbeiten konnte. Es war niemand dabei, den ich moralisch infrage stellen würde. Ich muss auch sagen, dass ich 75 Prozent meiner Zeit damit verbringe, dafür zu kämpfen und darüber zu reden, warum es für Unternehmen und Banken wichtig ist, die Kunst zu unterstützen. Ich bekomme für mein Theater, das Old Vic, keine öffentlichen Subventionen. Ich muss das ganze Geld selbst aufbringen. Und ich kann Ihnen ganz ehrlich sagen, ohne die Bank of America, ohne Morgan Stanley, ohne Barclays - ohne Banken, Banker und Bankenvorstände, die erkannt haben, dass Kunst und Kultur unverzichtbar sind für unser Leben und unterstützt werden sollten, könnte ich die Arbeit im Old Vic Theater nicht machen. Auf der einen Seite stehen also all unsere negativen Gefühle gegenüber der Gier und der Krise, und wie es dazu kommen konnte, auf der anderen Seite sage ich: Gott sei Dank gibt es in dieser Industrie Menschen an entsprechender Position, die sagen: Ich unterstütze zum Beispiel das Bridge Project, über das Sam Mendes gerade weltweit Stücke inszeniert, - weil wir es wichtig finden.

Fischer: Das heißt, Sie fragen nicht danach, woher das Sponsorengeld für Ihr Theater kommt, wie moralisch sauber oder unsauber es verdient oder gewonnen wurde?

Spacey: Nein, ich will das Geld haben, und wenn sie es mir geben, ist mir das egal. Denn mit dem Geld geschieht ja Gutes. Wir bieten zum Beispiel durch Sponsoring bei jeder Vorstellung 100 Plätze zu zwölf Pfund für Zuschauer unter 25 Jahren an. Das hat mich zwei Jahre Überzeugungsarbeit gekostet. Aber so konnten in den letzten sieben Spielzeiten 75.000 Jugendliche unsere Stücke sehen, die sich das sonst nicht hätten leisten können. Ich habe null moralische Bedenken, wenn es darum geht, Geld für Kunst und Kultur zu beschaffen, weil ich dran glaube und es für notwendig halte.

Fischer: Sie hatten seinerzeit erklärt, das Old Vic Theater zehn Jahre leiten zu wollen, die sind bald um. Bleibt es dabei? Und vor allem: Was kommt danach?

Spacey: 2015 werde ich gehen, also nach elf Jahren, zehn hatte ich versprochen. Wissen Sie, ich hatte eine sehr bemerkenswerte Mutter, die mir schon in jungen Jahren gesagt hat: Wenn du das Glück hast, dir einen Traum erfüllen zu können, stelle sicher, dass du noch einen anderen Traum hast. Und so arbeite ich jetzt an meinem nächsten Traum. Ich mache aber ungern Ankündigungen, ich handele lieber. Wir werden also sehen.

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