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Wissenschaft und Bildung als nationale Aufgabe

Vorsitzender des Wissenschaftsrat zum Wechsel von Schavan zu Wanka

Professor Wolfgang Marquardt im Gespräch mit Arndt Reuning

Professor Wolfgang Marquardt, seit Februar 2011 Vorsitzender des Wissenschaftsrates.
Professor Wolfgang Marquardt, seit Februar 2011 Vorsitzender des Wissenschaftsrates. (Wissenschaftsrat)

Forschungspolitik. - In Berlin wurde heute Johanna Wanka zur Bundesministerin für Bildung und Forschung ernannt. Professor Wolfgang Marquardt, Professor für Prozesstechnik an der RWTH Aachen und Vorsitzender des Wissenschaftsrates, erläutert im Gespräch mit Arndt Reuning die Erwartungen der Wissenschaft an die Nachfolgerin Annette Schavans.

Reuning: Herr Professor Marquardt, wo sehen Sie offene Baustellen?

Marquardt: Guten Tag Herr Reuning, ja die Baustellen. Diese Metapher klingt so, wie wenn man etwas Halbfertiges hätte, was man noch schnell fertig machen muss. Dem ist nicht so. Die Weiterentwicklung der Leistungsfähigkeit des Wissenschaftssystems ist wirklich eine Daueraufgabe, wenn man im globalen Wettbewerb bestehen will. In diesem Sinne gilt es einfach mal, diese erfolgreiche Politik von Frau Schavan fortzuführen und die Herausforderungen, die sich im Moment stellen, auch anzugehen. Da gibt es eine ganze Reihe.

Reuning: Gehen wir vielleicht doch ins Detail. Wie steht es mit dem so geplanten Kooperationsverbot? Das schreibt vor, dass es vom Bund keine dauerhafte Zuwendung an die Länder geben darf im Bereich Forschung und Bildung. Frau Schavan hat ja versucht, dieses Verbot zu lockern. Glauben Sie, dass Frau Wanka damit mehr Erfolg haben wird?

Marquardt: Es ist immer schwierig, eine Änderung des Grundgesetzes - und um die geht es ja - auf den Weg zu bringen, den Konsens in den verschiedenen politischen Lagern zwischen Bund und Ländern zu finden. Trotzdem glaube ich, ist es eine ganz, ganz wichtige Aufgabe, dieses Kooperationsverbot vom Tisch zu bekommen, ein Kooperationsgebot sozusagen, ein gemeinsames Verständnis von Bund und Ländern entgegenzustellen, eben Wissenschaft, Bildung und Forschung also als eine gemeinsame nationale Aufgabe zu sehen. Und da ist es in der Tat wichtig, dass auch der Bund institutionell, das heißt langfristig planbar, die Hochschulen, die ja in der Finanzierung der Länder sind, auch stützt.

Reuning: Geld vom Bund für die Hochschulen, das gibt es ja zumindest schon punktuell. Stichwort: Exzellenzinitiative; ein Mammutprogramm, das ausgewählte, exzellente Universitäten ganz besonders fördern soll. Was kommt hier auf Frau Wanka zu?

Marquardt: Es ist ja so, dass die Exzellenzinitiative im Moment läuft. Wir sind eben so in der Mitte des Zeitstrahls so etwa. Trotzdem müssen wir uns heute schon Gedanken machen, wie es in ein paar Jahren weitergehen soll und muss. Die Exzellenzinitiative hat bisher sehr stark die Dimension Spitzenforschung "angereizt". Das müssen wir natürlich fortführen, aber wir dürfen uns nicht allein darauf beschränken. Wir müssen insbesondere auch die Lehre in den Blick nehmen. Wir wissen, dass dort das Pflänzchen gepflanzt wird, das kleine Pflänzchen auf den Weg gebracht wird, das dann zum starken Baum werden soll, das eben auch dann der Forschung, der Wissenschaft und auch dem Standort Deutschland zugute kommen soll.

Reuning: Sie haben die Lehre schon angesprochen, gerade. Die Zahl der Neueinschreibung an den Universitäten, die wächst ja beständig. Das heißt, hier kommen auch neue finanzielle Herausforderungen auf die Hochschulen zu. Einige Bundesländer mahnen nun schon einen Nachschlag an aus diesem Bundestopf, im Rahmen des Hochschulpakts an. Was muss hier geschehen?

Marquardt: Das ist eine ganz wichtige Aufgabe auch für Bund und Länder gemeinsam, wie ich meine. Wir waren ja alles ein bisschen überrascht nach den Hochrechnungen aus dem letzten Jahr der Kultusministerkonferenz, die uns gezeigt haben, dass trotz der demographischen Entwicklung eben die Studentenzahlen hoch bleiben, auf dem Niveau von 2006, 2007, 2008 bis Mitte der 2020er-Jahre. Und der Bund hat sich sehr engagiert im Hochschulpakt, das muss weitergehen. Die Länder werden das nicht allein stemmen können. Wir brauchen da einen Konsens, wir müssen auch da nach steuern, um da nicht weiter zurückzufallen. Wir wissen alle, dass die Betreuungsrelationen in Deutschland nicht besonders gut sind, und da dürfen wir einfach nicht weiter zurückfallen.

Reuning: All diese Maßnahmen brauchen Zeit. Glauben Sie, dass sich im Forschungsministerium vor dem Bundestagswahl überhaupt noch etwas bewegt?

Marquardt: Das ist eine gute Frage. Die Zeit ist natürlich für jemanden, der sich neu einarbeiten muss, sind die wenigen Monaten nicht viel Zeit. Der Glücksfall, so wie ich ihn sehe, ist eben, dass Frau Wanka in den Themen sehr, sehr gut drin ist, durch ihre Tätigkeit als Ministerin in Niedersachsen und vorher in Brandenburg, und natürlich auch mit den ganzen Themen der Bund-Länder-Kooperation, sehr sehr gut vertraut ist. Und daher denke ich, dass sie einen guten Start haben wird. Aber natürlich ist es klar, dass, wie in allen Politikfeldern, je näher es an die Wahl geht, desto weniger Bewegungsspielraum für die großen Themen festzustellen sein wird. Trotzdem: Es gibt natürlich auch Dinge, wo über die Parteigrenzen hinweg eigentlich Konsens da ist. Das wird sich zeigen. Ich hoffe, dass wir da jetzt nicht eine Lücke entstehen haben. Ich glaub es aber auch nicht.

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