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StartseiteForschung aktuellDemokratische Affen19.06.2015

Wohin die Reise gehtDemokratische Affen

Einer oder wenige Anführer geben vor, wo es lang geht. Oder jeder kann seine Meinung einbringen, und es wird abgestimmt. Noch komplizierter wird es bei der Betrachtung von Fischschwärmen oder Affen-Gruppen. In einer heute in "Science" erscheinenden Studie hat ein Forscherteam untersucht, wie Paviane unter sich ausmachen, wohin die Gruppe geht.

Von Lennart Pyritz

Eine Gruppe Paviane (Rob Nelson)
Die Entscheidungsstrukturen bei Pavian-Affen laufen vielfach nach demokratischen Prinzipien ab, haben Wissenschaftler herausgefunden. (Rob Nelson)

"Die Paviangruppen bleiben den ganzen Tag lang zusammen. Also müssen die Tiere übereinkommen, wo sie fressen oder trinken wollen. Sie leben in einer Savannenlandschaft, in der sie sich nicht ständig im Auge behalten können. Es ist nicht immer klar, was die beste Wahl wäre, und zwischen einzelnen Tieren kann es Interessenkonflikte geben. Wir wollten nun herausfinden, wie sich die Affen unter diesen Umständen einigen."

Sagt Margaret Crofoot, Professorin für Anthropologie an der Universität von Kalifornien in Davis. Gemeinsam mit einem internationalen Team untersuchte sie die Bewegungsmuster wild lebender Anubispaviane am Mpala-Forschungszentrum in Kenia. Dafür statteten die Biologen 25 Tiere einer Gruppe mit GPS-Halsbändern aus, die jede Sekunde den genauen Standort der Affen aufzeichneten. Über zwei Wochen kamen so mehr als 20 Millionen Datenpunkte zusammen.

"Die Daten dieser Studie zu analysieren war genauso eine Herausforderung wie sie zu sammeln. Meine Teamkollegen haben schließlich ein Computerprogramm entwickelt, um Interaktionsmuster zwischen jeweils zwei Pavianen einzeln zu betrachten."

In fester sozialer Hierarchie

Bewegte sich ein Tier von einem anderen weg, wurde es als Initiator einer potenziellen Bewegung in eine bestimmte Richtung gewertet. Anschließend schlüsselten die Forscher auf, ob das zweite Tier folgte oder sitzen blieb, und ob das erste Tier zu ihm zurückkehrte. Zusammengenommen lieferten diese paarweisen Bewegungsmuster ein überraschendes Bild der Gruppendynamik. Anubispaviane leben in fester sozialer Hierarchie. Dominante Tiere vertreiben rangniedrigere beim Fressen oder bei der Paarung.

"Man könnte also annehmen, dass dominante Tiere auch die Entscheidungen fällen, wohin die Gruppe geht."

In den meisten Fällen waren es aber nicht die Alpha-Tiere, die die Richtung vorgaben.

"Stattdessen ist es eher ein demokratischer Prozess, ein Mehrheitsprinzip. Wenn Tiere sich in unterschiedliche Richtungen bewegen, folgen die Paviane meist der Mehrheit, also der größeren Teilgruppe. Und wenn der Winkel zwischen den Bewegungsrichtungen zweier Teilgruppen kleiner als 90 Grad ist, gibt es einen Kompromiss, und die Gruppe nimmt den Mittelweg."

Demokratische Prozesse führen oft zu besseren Ergebnissen

Demokratisch Entscheidungen zu treffen, könnte auch für hierarchisch organisierte Gruppen Vorteile haben, vermutet Crofoot:

"Demokratische Prozesse führen oft zu besseren Ergebnissen. Das wurde bereits vielfach gezeigt. Außerdem: Entscheidet ein Individuum allein, kann das eine schlechte Entscheidung für alle anderen sein. Sind alle beteiligt, ist das Ergebnis weniger extrem und im Durchschnitt besser für alle."

Im nächsten Schritt wollen die Biologen untersuchen, ob einzelne Tiere die demokratische Entscheidungsfindung gezielt in ihrem Sinn manipulieren können - zum Beispiel durch häufiges Initiieren von Bewegungen in ihre bevorzugte Richtung. - Wie Paviane Übereinkünfte treffen, sei durchaus auf den Menschen übertragbar, urteilt der Evolutionspsychologe Mark van Vugt, Professor an der Freien Universität Amsterdam.

"Unsere Vorfahren lebten ebenfalls in nomadischen Gruppen in der Savanne. Und sie mussten auch entscheiden, welche Richtung sie einschlagen."

Auch den Frühmenschen habe die Gruppe als Einheit Schutz geboten. Auch ihnen hätte das Mehrheitsprinzip insgesamt bessere Ergebnisse gebracht. Und gemeinschaftliche Entscheidungen seien bis heute weit verbreitet.

"Selbst bei Menschen kommt es selten vor, dass eine Person für eine ganze Gesellschaft oder Gruppe entscheidet. Auch Angela Merkel wird von ihren Ministern beraten, und sie einigen sich zum Beispiel auf den Umgang mit Griechenland."

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