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StartseiteEuropa heuteWurzeln des Faschismus noch lebendig29.07.2013

Wurzeln des Faschismus noch lebendig

Italiens Umgang mit der Vergangenheit

Pilger an Mussolinis Grab, Nazi-Devotionalien auf Flohmärkten: Italien hat sich mit seiner dunklen Vergangenheit nie auseinandergesetzt. Sogar der verurteilte Kriegsverbrecher und ehemalige SS-Offizier Erich Priebke lebt unbehelligt - lediglich unter Hausarrest - in Rom.

Von Karl Hoffmann

Der ehemalige SS-Offizier Erich Priebke beim Einkaufen in Rom (picture alliance / dpa / Stringer)
Der ehemalige SS-Offizier Erich Priebke beim Einkaufen in Rom (picture alliance / dpa / Stringer)
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Langsam schlendern die sonntäglichen Besucher über die Piazza Marina in Palermo. Sonntags ist hier Flohmarkt und da kramt man gerne in den bunten Auslagen. Aber was liegt da, zwischen zerfledderten Büchern und Schellackplatten?

"Ein Ring mit Totenkopf, von wann ist der? - Zweiter Weltkrieg."

- Gefallen Ihnen diese Sachen?

"Ja , doch.""

- Da gibt’s auch das Konterfei von Hitler.

"Stimmt."

- Mögen Sie Hitler?

"Nein. Mussolini schon, aber Hitler nicht, denn der hat mit Mussolini krumme Sachen gemacht."

- Was kostet der Ring?

"35 Euro."

Ein guter Preis für einen angeblich originalen SS-Ring, und das ist nicht das Einzige, was der Verkäufer anzubieten hat. Hakenkreuz-Spangen, Hitler-Aschenbecher und merkwürdige Stempel: Jude Warschau.

- Woher kommen denn diese Sachen?

- "Die hat man in Polen gefunden."

- In Polen! Und es gibt Leute, die so was kaufen?

- "Ja doch, einige. Sammler."

- Und was kosten dieses Sachen?

- "Die Stempel 25 Euro, dann die silbernen Ringe 35 Euro, die Aschenbecher, gleicher Preis."

Angeblich authentisch, in Wirklichkeit ein glatter Betrug. Die Nazischmuckstücke sind schlechte Imitationen, zum Teil auch frei erfundene, vor allem aber geschmacklose Erinnerungen an die Nazidiktatur.

- Wissen Sie nicht, dass der Verkauf dieser Sachen verboten ist?

"Ach was, bei euch in Deutschland vielleicht."

Und in Italien nicht?

"Nein, nein."

- Sind sie sicher?

Und dann das unmissverständliche Handzeichen: Verschwinde hier, du störst die Kundschaft. Südlich der Alpen hat man mit dem Faschismus nach dem Kriege nie konsequent aufgeräumt. Mindestens 800 nachgewiesene italienische Kriegsverbrecher wurden nie vor ein Gericht gestellt. Dafür finden vor Mussolinis Grab bis heute noch beeindruckende Aufmärsche von Ewiggestrigen statt.

Vergangene Woche dann die Nachricht, dass eine Gruppe von italienischen Priebke-Fans dessen 100. Geburtstag öffentlich feiern wolle. Nicht nur die jüdische Gemeinde protestierte, auch die noch lebenden italienischen Partisanen zeigten sich schockiert. Meinte ihr Sprecher Francesco Polcari:

"Es wäre gegen allen Anstand, wenn man einen Kriegsverbrecher feiern würde, der mehr Menschen getötet und gequält hat als selbst die Massenmörder in den Fernsehfilmen. Priebke ist berühmt-berüchtigt geworden durch die Geiselerschießungen in den Ardeatinischen Höhlen, aber er war auch einer der berüchtigten Folterer in den Nazi-Kerkern Roms. Eine absolut widerliche Person, die niemals auch nur eine Spur von Reue gezeigt hat."

Das gilt auch für viele Italiener, die immer noch der Diktatur Mussolinis nachtrauern. Dass der Faschismus das Land in den Ruin trieb, wird von ihnen sträflich verdrängt, sagt der Historiker Marco Revelli:

"Das faschistische Italien war am Ende des Krieges am Boden zerstört. Und nur dank seiner Partisanen hat das Land gerade noch mal sein Gesicht retten können."

Auf dem Flohmarkt wird die hehre Gesinnung von einst heutzutage für ein paar Euro geopfert. Nur die ausländischen Besucher finden die angebotenen Nazisouvenirs gar nicht originell.

"Ich sehe hier einen SS-Aschenbecher und bin bass erstaunt. Wie kommt es, dass hier solche Sachen angeboten werden. Das ist ziemlich widerlich. Also, ich bin schockiert. Bei uns in Frankreich wäre das verboten, allerdings gibt es auch wahrscheinlich genügend Leute, die so was kaufen würden. Leider."

Auch der ehemalige Partisan Francesco Polcari ist entsetzt über solche Zustände im Lande Italien:

"Offenbar sind die Wurzeln des Faschismus noch immer lebendig. Wir müssen wachsam sein. Denn das Gedankengut, das den Faschismus hervorgebracht hat, ist noch immer nicht restlos beseitigt."

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