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StartseiteBüchermarktWut im Gepäck20.12.2006

Wut im Gepäck

"Sehnsucht nach Kapstadt" von Otto de Kat

1935, als Europa unaufhaltsam auf den Zweiten Weltkrieg zusteuert, verlässt der 23-jährige Niederländer Rob die heimatlichen Gefilde, um ans andere Ende der Welt zu ziehen. Aufbruch nach Kapstadt. Noch während die Eltern ihm im Hafen von Rotterdam zum Abschied winken, zerreißt er die Referenzen und Briefe, die sein Vater ihm mitgegeben hat, und streut die Schnipsel über die Reling ins Hafenbecken. Eine deutliche Absage an alles, was der mächtige, einäugige Vater verkörpert: Disziplin, Struktur, Hierarchie und Härte gegen sich selbst.

Von Mechthild Müser

Quer durch die Welt treibt es den Protagonisten in Otto de Kats Novelle: Afrika, Ostindien, Japan. (AP)
Quer durch die Welt treibt es den Protagonisten in Otto de Kats Novelle: Afrika, Ostindien, Japan. (AP)

" Ob sein Vater verstand, was er sagen wollte? Er konnte nicht ahnen, dass die kleinen Papierstücke von nun an durch die Träume seines Vaters taumeln würden. Dass seine Mutter ihr Leben lang diese Hand vor sich sehen würde, die die Briefe zerriss. Wer weiß schon von einem anderen, was er denkt und begreift. Zwei Welten schoben sich auseinander. "

Rob findet Arbeit in den südafrikanischen Minen und einen schwarzen Boy, der seine Tage in der Schwärze des Stollens teilt. Ein Abenteuer, ja, aber die ersehnte Freiheit ist das nicht. Als der Junge in der Mine verschüttet wird und stirbt, arbeitet Rob umso verbissener: Hart gegen sich selbst - wie sein Vater.

" Nacht und Tag wurden austauschbar, Kälte und Hitze bearbeiteten seinen Leib wie ein grober Hobel. ... Goldgräber in selbst gewählter Freiheit, frei von dem, was er gewesen war oder hätte werden sollen. Ein Jahr, zwei Jahre, fünf - untergetaucht, auf der Jagd, zeitlos, allein. "

In seinem kurzen Roman "Sehnsucht nach Kapstadt" schickt Otto de Kat seinen Helden in die Hölle, entkleidet ihn seiner Vergangenheit, lässt ihn nirgendwo dazu gehören. Und das will er ja auch nicht. Rob will nur eines: unabhängig sein, er selbst sein. Nichts ist schwerer. In knappen, eindringlichen Sätzen und Satzfragmenten schildert der Autor, wie die Erinnerung an das frühere Leben in Holland seinen Protagonisten immer wieder einholt. Als das Telegramm mit der Nachricht vom Tod seines Vaters eintrifft. Oder wenn Rob in kahlen Zimmern mechanisch Zeichnungen auf Papier kritzelt, die das holländische Ambiente zeigen, das er verlassen hat.

" Immer suchte er den Hafen, nicht um wegzufahren, nicht um anzukommen, sondern weil man dort in einem Grenzgebiet war, nirgendwo hingehörte, schwebte. Rand der Stadt, Rand des Landes, das Meer als schemenhafte Hand, die er nicht ergriff. "

Rob meldet sich als Freiwilliger nach Niederländisch-Ostindien - zum Eisenbahnbau. Dann, um das Land gegen die Japaner zu verteidigen. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, die Bilder in seinem Kopf färben sich blutig. Seinen einzigen holländischen Freund, Guus, der ihm Spiegel und Rettungsanker geworden war, verliert er, als das Schiff torpediert wird, mit dem die Gefangenen nach Nagasaki transportiert werden sollen. Auch Guus war freiwillig gekommen, auch er stammte aus bürgerlichen Verhältnissen, aber ohne Robs Wut im Gepäck. Guus war nicht auf der Flucht sondern wollte etwas bewegen in der Welt.
Schutzlos seiner Einsamkeit ausgeliefert zieht es Rob nach seiner Befreiung wieder nach Südafrika, er versucht ein Leben als Lexikon-Verkäufer und Barbetreiber. Und scheitert. Überall bleibt er fremd, überall Außenseiter. Eingeschlossen in den Panzer, den er um seine Gefühle gelegt hat. Als er seine Geschichte einer Frau erzählen will, die sein Leben für eine kleine Weile teilt, spürt er die Unmöglichkeit seines Vorhabens.

" Er rang nach Worten, fürchtete, sie abzustoßen, den hohlen Klang des Abgrunds zu hören, den er selbst mit seinen Worten öffnete. ... Einem Menschen, der einfach nur zuhörte, war er mit seinen so lange unterdrückten Gefühlen nicht gewachsen. "

Solche leisen Eingeständnisse versöhnen den Leser mit Otto de Kats gebrochener Hauptfigur. Sie setzen Pausen in die Rastlosigkeit, wohltuendes Innehalten in einem Drama, das ständig neue Spannungsbögen öffnet. Der Autor, der auch als Verleger und Kritiker tätig ist, verschränkt sprunghaft Ereignisse und Erinnerungen, Gegenwärtiges und Vergangenes, wie es zuweilen in intensiven therapeutischen Sitzungen geschieht. Robs Gefühle, zwischen den Zeilen verborgen, entstehen beim Leser permanent in einer Art Übertragung, weil er sie nicht ausspricht.
Nach und nach erschließt sich, warum der junge Holländer sein Leben als Odyssee gestaltet und wie viele unsichtbare Stricke ihn an seinen Vater fesseln. Die Person Albert Schweitzers taucht auf, weil der einst bei Robs Familie zu Gast war und weil er mit seiner Begeisterung den Grundstein für Robs Afrika-Sehnsucht gelegt hatte.

" Es kam ihm vor, als ob er schon sein Leben lang auf Schiffen stand und winkte, wegfuhr, ankam, unterging. Häfen wie Perlen auf einer Schnur, und nirgendwo blieb er. Dennoch hatte er es schätzen gelernt, das Sich-Einschiffen war ihm zur zweiten Natur geworden. Öl und Wasser, Möwen und Kais, die Städte waren verschieden, aber Geruch und Geräusche überall gleich. "

Rob scheitert bei dem Versuch, seinen Vater aus dem Gewebe seines Lebens zu entfernen. Sein ständiges Bemühen um Unabhängigkeit bleibt irgendwie abstrakt, er trägt es wie ein Banner vor sich her ohne seine Strategie zu ändern bis die Müdigkeit ihn einholt und sein Rücken schmerzt.

Otto de Kat ist für dieses Portrait eines Getriebenen mit dem Halewijn-Literaturpreis ausgezeichnet worden. Auf nur 150 Seiten gelingt es ihm, in äußerst komprimierter Form die Lebensentwürfe von zwei jungen Männern in Abhängigkeit von ihren Vätern zu entwickeln - wie schon in seinem letzten Roman "Der Mann in der Ferne".

Es sind die reflektierenden, nachdenklichen Passagen, die im Gedächtnis haften, nicht das rastlose Vorwärtsstolpern seines Protagonisten. Dem möchte man zurufen: bleib stehen! Mach es wie Albert Schweitzer! Der hatte bei seinem Besuch gesagt.

"Ich bin kein Abenteurer, wie dein Vater meint. Wenn es nur so wäre. Ich rudere immer über denselben Fluss, im selben Boot, immer zum selben Dorf."

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