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StartseiteInterviewWWF: Waldverlust stoppen27.05.2008

WWF: Waldverlust stoppen

Experte fordert Gelder für den Erhalt der Artenvielfalt

Mit Blick auf die derzeit stattfindende UN-Artenschutz-Konferenz hat der WWF-Naturschutzexperte Jörg Roos gefordert, die Entwaldung, die im Moment 30 Millionen Hektar jährlich weltweit beträgt, zu stoppen. Ein weiterer wichtiger Punkt sei es, dass Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden, die für den Schutz der biologischen Vielfalt benötigt werden.

Moderation: Jochen Spengler

30 Millionen Hektar Wald verschwinden jährlich weltweit. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
30 Millionen Hektar Wald verschwinden jährlich weltweit. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
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Planet mit Schwindsucht

Jochen Spengler: Seit Anfang letzter Woche tagen in Bonn 6.000 Delegierte aus 190 Ländern: Experten, Regierungsbeamte, Wissenschaftler, Umweltschützer. Ziel der UNO-Konferenz zur Erhaltung der biologischen Vielfalt sind verbindliche Vereinbarungen, um das Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten sowie von Ökosystemen zu verhindern. 16.000 Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben akut bedroht. Morgen wird die hohe Politik in Bonn erwartet. Die Bundeskanzlerin wird dann das Ministertreffen innerhalb dieser Konferenz eröffnen und damit die Schlussphase der Verhandlungen einleiten. Das ist Anlass für uns, heute eine Zwischenbilanz zu ziehen, und zwar mit Jörg Roos, dem Naturschutzexperten des WWF, des World Wide Fund For Nature. Guten Morgen Herr Roos!

Jörg Roos: Guten Morgen Herr Spengler!

Spengler: Herr Roos, zunächst einmal die Frage, was Ihre persönliche Aufgabe auf dieser Konferenz ist. Sie verhandeln doch nicht mit oder?

Roos: Wir als Nichtregierungsorganisation wie der WWF sind Beobachter. Das heißt wir sitzen in den Verhandlungen drin. Wir können auch Äußerungen abgeben, kommentieren und auffassen, dass die Vertragsstaaten in ihren Verhandlungen auch versuchen, die Ziele, die sie erreichen wollen, zu erreichen.

Spengler: Zwischenbilanz habe ich gesagt. Ist die Konferenz bislang ein Erfolg oder nicht?

Roos: Das ist im Moment noch nicht zu sagen. Man muss sagen, diese Konferenz hat sehr intensiv diskutiert. Es ist sehr intensiv gearbeitet worden, auch das ganze Wochenende durch bis spät in die Nacht. Es gibt aber noch einige offene Fragen bei Themen wie Finanzierung von Schutzgebieten, beim Thema Wälder, die noch gelöst werden müssen. Es wird sich erst heute im Laufe des Nachmittags herausstellen, was man dort an Ergebnissen hat. Die endgültigen Lösungen werden wahrscheinlich erst die Minister morgen in ihren Gesprächen auf den Tisch legen können.

Spengler: Was genau müsste passieren, damit Sie am Ende der Woche sagen, die Konferenz war ein Erfolg?

Roos: Beim Thema Wälder zum Beispiel haben wir die konkrete Forderung, dass man sich hier darauf einigt, den Waldverlust, die Entwaldung, die im Moment 30 Millionen Hektar jährlich weltweit beträgt - das ist mehr Wald als es in Deutschland überhaupt gibt - bis 2020 stoppt. Auf dieses Ziel soll man sich hier einigen. Das wäre schon ein Erfolg, wenn es diese politische Einigung gibt. - Ein weiterer Punkt ist, dass man sich einfach darauf einigen kann, dass endlich die Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden, die wir für den Schutz der biologischen Vielfalt benötigen.

Spengler: Das Ziel dieser Konferenz ist unter anderem ein weltweites Netz von Naturschutzgebieten - auf dem Land und auch von Meeresschutzgebieten. Wird es zu so einem Netz kommen?

Roos: Das Ziel, dieses Netz zu etablieren, ist auf 2010 an Land festgelegt worden und für 2012 auf dem Meer. Dieses Netzwerk wird auf dieser Konferenz also noch nicht etabliert sein. Hier werden wichtige Entscheidungen gefällt, ob man dieses Netzwerk überhaupt noch bis 2010 einrichten kann, und das hängt ganz stark damit zusammen, ob wir Finanzmittel bekommen, um dieses Netzwerk, für das wir etwa 20 bis 30 Milliarden Euro im Jahr benötigen würden, überhaupt etablieren können, denn im Moment geben wir gerade mal sechs bis zehn Milliarden dafür aus.

Spengler: "Wir", das sind die Staaten?

Roos: Das sind die Staaten. Das sind die Staaten der Erde und vor allen Dingen sind hier die entwickelten Staaten, die Industrieländer gefordert, Entwicklungsländer beim Schutz der biologischen Vielfalt zu unterstützen.

Spengler: Ist 30 Milliarden nicht reichlich unrealistisch? Wenn ich richtig gerechnet habe, wäre das eine Verfünffachung der Mittel.

Roos: Das ist eine große Aufgabe und es wird schwer sein, diese Mittel zusammen zu bekommen. Aber man muss sagen: Wenn man sich den wirtschaftlichen Nutzen oder den Nutzen von Schutzgebieten anschaut - man schätzt zum Beispiel den Wert der Ressourcen auf der hohen See, auf dem Meer auf 21 Billionen im Jahr ein -, dann ist das eine Investition, die sich lohnen würde.

Spengler: Wen oder was schützen denn Schutzgebiete? Nur Tiere, nur Pflanzen, auch Menschen?

Roos: Schutzgebiete schützen Tiere, Pflanzen, aber vor allen Dingen auch Ökosysteme und dadurch, dass Ökosysteme geschützt werden, die wichtige Leistungen für uns erbringen, mittelfristig im Grunde genommen oder indirekt auch den Menschen. Es ist zum Beispiel so, dass Waldschutzgebiete Wasser speichern, Wasser filtern, also wichtig für die Wasserversorgung von vielen Menschen sind. Es ist so, dass Waldschutzgebiete CO2 speichern und damit auch ein wichtiges Mittel sind im Kampf gegen den Klimawandel. Also es ist nicht nur so, dass wir altruistisch Tiere und Pflanzen schützen, sondern im Grunde genommen erhalten wir auch unsere Lebensgrundlagen, wenn wir durch Schutzgebiete Natur erhalten.

Spengler: Wäre es sinnvoll, den Amazonas-Regenwald zum Schutzgebiet zu erklären?

Roos: Der Amazonas-Regenwald ist eine riesige Fläche, den man sicherlich nicht zum Schutzgebiet flächendeckend erklären kann. Aber es ist sicherlich notwendig, große Teile des Amazonas zu schützen und die Entwaldung am Amazonas auf ein Minimum zu reduzieren, um auf der einen Seite Treibhausgasausstöße aus Entwaldungen zu reduzieren, aber auch um vielen Menschen, die dort am Amazonas im Wald und vom Wald leben, die Möglichkeit zu geben, auch langfristig ihre traditionellen Lebensweisen zu erhalten.

Spengler: Warum sollte sich denn ein Staat wie Brasilien darauf einlassen, seine Souveränität zum Beispiel im Amazonas-Gebiet einzuschränken?

Roos: Es geht nicht darum, die Souveränität eines Landes einzuschränken. Die Souveränität über die biologischen Ressourcen und auch den Amazonas in Brasilien, die liegt ganz klar bei Brasilien selbst als Nationalstaat. Es geht also nicht darum, dass die Weltgemeinschaft auf den Amazonas Zugriff bekommt, auch wenn diese Angst manchmal besteht, sondern es geht darum, Brasilien dabei zu unterstützen, den Amazonas zu schützen, weil es auch in seinem eigenen Interesse ist, denn dieser Amazonas-Regenwald hat im Grunde genommen auch eine sehr wichtige Funktion bei der lokalen Klimaregulation, für den Niederschlag und eben auch für die Leute, die dort im Wald leben. Es ist also auch im Interesse von Brasilien, den Wald zu schützen.

Spengler: Herr Roos, nun sind Tiere und Pflanzen seit Menschengedenken und auch schon vorher immer ausgestorben. Ist das ein vergebliches Unterfangen, den Artenschwund aufzuhalten?

Roos: Es stimmt, dass das Aussterben von Arten es ein natürliches Phänomen ist. Jedoch sind wir im Moment dabei, eine Aussterberate zu beobachten, die etwa tausendmal höher ist als in der Vergangenheit. In den 50 letzten Jahren hat die Menschheit die Ökosysteme der Erde so stark verändert wie nie zuvor und das ist das Problem. Dieses Artensterben und dieser Verlust an Lebensräumen ist menschgemacht und deswegen müssen wir ihn stoppen, weil uns Wissenschaftler prognostizieren, dass wenn dieser Artenschwund und dieser Lebensraumverlust weitergeht dies auch Konsequenzen für unsere eigenen Lebensgrundlagen haben wird.

Spengler: Wenn Sie ganz ehrlich sind, kann man den Verlust stoppen? Kann man den Schwund stoppen, oder kann man ihn nur mildern?

Roos: Im Moment geht es darum, ihn zunächst zu mildern, den Trend umzukehren. Das geht sicherlich! Der Stopp des Artenverlustes, das ist ein Ziel, das man wahrscheinlich erst mittelfristig oder langfristig erreichen kann, wobei wie ich gesagt habe Stopp natürlich nur bedeuten kann, man schafft es wieder, ein natürliches Niveau zu erreichen, das dann etwa eine Aussterberate sein dürfte, die etwa tausendmal niedriger ist als die zurzeit. Einen gewissen Verlust gibt es immer, aber das ist ein natürlicher Prozess, ein evolutionärer Prozess. Was wir im Moment aber feststellen ist einfach ein Prozess, der menschgemacht ist.

Spengler: Jörg Roos, der Naturschutzexperte des WWF. Danke für das Gespräch, Herr Roos!

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