Kultur heute / Archiv /

 

Zahl der Vertreibungsopfer ist neu zu erforschen

Historiker bezweifeln offizielle Zahlen

Von Rüdiger Overmans

Flüchtlinge 1945 in Berlin
Flüchtlinge 1945 in Berlin (AP Archiv/Henry Burroughs)

Es ist ein heikles Thema: Sind nun in Folge von Flucht und Vertreibung gut zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen, wie die amtlichen Zahlen aus den 50er Jahren behaupten, oder waren es "nur" eine halbe Mio., wie der Historiker Ingo Haar zu beweisen versucht? Der Militärhistoriker Rüdiger Overmans, Experte auf dem Gebiet der Weltkriegsopfer, hat nachgerechnet.

Sind nun in Folge von Flucht und Vertreibung gut zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen oder waren es "nur" eine halbe Million, wie der Historiker Ingo Haar behauptet? Die Antwort ergibt sich, wenn man die beiden Angaben näher untersucht. Die Zahl von gut zwei Millionen ist das Ergebnis von Bevölkerungsbilanzen, die in der Nachkriegszeit erstellt worden sind. Ausgehend vom Stand der deutschen Bevölkerung in den Vertreibungsgebieten zog man die Verluste unter den Soldaten, die in den Vertreibungsgebieten zurückgebliebenen und die nach Westen vertriebenen Deutschen ab. Der Rest, der Saldo, wurde dann als die Summe der Toten interpretiert, obwohl es sich exakt formuliert zunächst nur um die Summe der ungeklärten Fälle handelte. Fragt man hingegen, wie viele Todesfälle aufgrund der zahlreichen Registrierungen und Nachforschungen in der Nachkriegszeit nachgewiesen oder zumindest plausibel gemacht sind, dann kommt man auf ca. 500.000. Diese Zahl zu verwenden, erfordert allein schon das Gewissenhaftigkeitsgebot: Unklare Fälle harren der Erklärung, nur Tote sind als Tote zu zählen.

Folgendes Beispiel mag diesen Sachverhalt verdeutlichen. Die Vertreibungsbilanzen gehen im Fall Jugoslawiens von ca. 100.000 bis 130.000 ungeklärten Fällen aus, wobei nur 55.000 Todesfälle plausibel nachgewiesen sind. In den 90er Jahren unterzog die Landsmannschaft der Jugoslawien-Deutsche sich der Mühe, alle Opfer namentlich zu erfassen. Dabei stellte sie fest, dass sich deren Zahl auf 60.000 beläuft. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in zwei umfangreichen Bänden veröffentlicht, sind aber eigentlich nicht von der Öffentlichkeit rezipiert worden.

Diese mangelnde Rezeption weist auf ein zentrales Problem hin. Funktionären wie der Vorsitzenden des Vertriebenenverbandes, Frau Steinbach, oder Politikern, wie dem Staatssekretär im Innenministerium, Christoph Bergner, kann es nicht zum Vorwurf gemacht werden, wenn sie sich als Laien auf die Angaben berufen, die sich in allen einschlägigen Standardwerken finden. Es sind die Fachwissenschaftler, die bisher der Zahlendiskussion aus dem Weg gegangen sind, obwohl es seit den 50er Jahren immer wieder ernstzunehmende Zweifel an den geläufigen Angaben gegeben hat. Dahinter steht eine Mentalität, die Bundespräsident Roman Herzog 1995 so ausdrückte: "Menschliches Leid kann nicht saldiert werden, es muss überwunden werden. Diese Mahnung richte ich auch an die historischen Laien, die sich noch heute um die Zahl der Opfer streiten... Diese Sprache führt nicht einen Schritt weiter." Leider hält sich die Realität nicht an diese idealistische Vorgabe. Zahlen werden politisch genutzt, insbesondere, wenn sie unsicher sind. Hierzu nur zwei Beispiele: Die Unklarheiten über die Verluste bei den Bombenangriffen auf Dresden Anfang 1945 erlauben es den Rechtsradikalen, vom "Bombenholocaust" zu reden. Dieser Behauptung könnte wirksam entgegen getreten werden, wenn die Sachfrage geklärt würde. Schließlich wurde auch die Zahl der ermordeten Juden lange heftig diskutiert, bis Wolfgang Benz dann 1991 sein Werk "Dimension des Völkermords" heraus brachte und die Diskussion beendete - zumindest unter denjenigen, die rationalen Argumenten zumindest begrenzt zugänglich sind. Die Diskussion über die Zahl der Opfer bei Flucht und Vertreibung kann daher nicht im Streit mit Frau Steinbach oder Herrn Bergner, sondern nur durch eine Untersuchung von Fachleuten beendet werden, die in der alle Argumente bedacht werden.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

"Golden Hours" von de KeersmaekerKein nennenswerter Impuls

Aufgenommen am 12.04.2007

Ein Song aus dem Album "Another green world" von Brian Eno trägt den Titel, den Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker zum Titel ihres Tanzstücks in Brüssel gemacht hat: "Golden hours" – die goldenen Stunden bezeichnen die Zeit des Sonnenuntergangs. Doch was so zwischen Dämmerung und Dunkelheit geschah, sorgte eher für Unmut.

Kulturtechnik Diskussion um den Fortbestand der Schreibschrift im Schulunterricht

Auftakt der Mozartwoche in Salzburg Choreografie für Pferde

 

Kultur

Fotogalerie C/O BerlinEin Koffer voller Bilder

C/O Berlin präsentiert weltweit als erste Institution eine große Retrospektive von Lore Krüger. Die Ausstellung läuft vom 24.01-10.04.2015.

Der fotografische Nachlass der Deutsch-Jüdin Lore Krüger ist derzeit in Berlin zu sehen. 1940 wurde sie in das französische Konzentrationslager Gurs deportiert, erreichte jedoch ihre Entlassung und wollte mit ihrem Mann nach Mexiko emigrieren. Doch in den Kriegswirren landete das Exilantenschiff in Trinidad und seine Passagiere schließlich in New York. Nach dem Krieg kehrte Lore Krüger nach Deutschland zurück.

ArchitekturfilmBauen mit den Böhms

Ansicht der Kölner Zentralmoschee, eines geschwungenen Gebäudes mit Kuppel aus Beton und Glas, davor Autos auf einer Straße und ein Baustellenschild

Mit dem Namen Böhm verbinden sich einige der spektakulärsten Gebäude in Deutschland, darunter bedeutende Sakralbauten wie die Wallfahrtskirche Neviges oder die Kölner Zentralmoschee. Zum 95. Geburtstag von Gottfried Böhm hat in Köln ein Dokumentarfilm Premiere, der Leben und Arbeiten der Architektenfamilie nachzeichnet.

KambodschaAngkor Wat droht der Zerfall

Ein Regenbogen scheint am 05.09.2004 über dem Tempelbezirk Angkor Wat bei Siam Reap (Kambodscha) auf. Angkor Wat, erbaut im 12. Jahrhundert, gilt als das Meisterwerk der klassischen Khmer Architektur.

Kambodschas berühmte Tempelanlage Angkor Wat ist in Gefahr. Das größte religiöse Bauwerk der Welt muss sich gegen viele Feinde wehren: gegen den Strom der Touristen, gegen stümperhafte Restaurierungsarbeiten - und gegen das Klima.