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StartseiteBüchermarktZeit des Umbruchs23.12.2008

Zeit des Umbruchs

Irène Némirovsky: "Herbstfliegen", Manesse Verlag

Es ist ein melancholisches Buch über die Zeit; das seltsame Phänomen, das zugleich hervorbringt und vernichtet. Und es ist ein Buch über Zeit als historische Gegebenheit - man kann sich dagegen auflehnen, damit arrangieren oder resignieren. Irène Némirovsky beschreibt in der Erzählung "Herbstfliegen" vor allem die letzten beiden Möglichkeiten.

Von Matthias Kußmann

Großgrundbesitzer Karin und seine Frau wissen, dass mit Lenin eine neue Zeit begonnen hat. (AP Archiv)
Großgrundbesitzer Karin und seine Frau wissen, dass mit Lenin eine neue Zeit begonnen hat. (AP Archiv)

Russland, Weihnachten 1916. Mitten im Ersten Weltkrieg und kurz nach Ausbruch der russischen Revolution - eine Zeit des Umbruchs. Auf Gut Karinow verabschiedet die Amme Tatjana die Söhne des Hauses:

Sie nickte, sagte wie früher: "Nun denn, leb wohl, Jurotschka. Gib gut auf deine Gesundheit acht, mein Lieber." Wie die Zeit verging... Als er noch ein Kind war und im Herbst ins Gymnasium nach Moskau reiste, kam er auch so zu ihr, um Lebewohl zu sagen, in ebendieses Zimmer. Das war jetzt zehn, zwölf Jahre her. Sie betrachtete seine Offiziersuniform mit einer Art Verwunderung, traurigem Stolz. "Ach Jurotschka, mein Kleiner, mir ist, als wäre es gestern gewesen..." Sie schwieg, machte eine müde Handbewegung. Seit 51 Jahren war sie nun bei der Familie Karin. Sie war die Amme von Nikolai Alexandrowitsch gewesen, Juris Vater, und nach ihm hatte sie seine Geschwister großgezogen, dann seine Kinder. Sie erinnerte sich noch an Alexander Kirillowitsch, der 1877, vor 39 Jahren, im türkischen Krieg gefallen war. Und jetzt war die Reihe an den Kleinen, Kirill und Juri, in den Krieg zu ziehen.

Großgrundbesitzer Karin und seine Frau wissen, dass eine neue Zeit begonnen hat. Auch wenn die Söhne heil aus dem Krieg zurückkommen sollten - es wartet schon ein Tribunal der Revolution auf sie, wie auf die ganze Familie. Die Karins lassen ihr Gut zurück, fliehen mit den jüngeren Kindern, ein paar Koffern und etwas Geld nach Odessa. In Tschechows trauriger Komödie "Der Kirschgarten" gibt es einen alten Diener, der allein auf einem Gut bleibt. Hier ist es Tatjana, die die neue Zeit nicht versteht. Doch als Juri aus dem Krieg zurückkehrt und von einem Revolutionär erschossen wird, dem ehemaligen Kutscher der Familie, verlässt sie das Gut. In ihrem Rock versteckt sie Schmuck, den die Karins zurückließen:

Die alte Frau brach nach Odessa auf, den Schmuck im Saum ihres Rocks. Drei Monate lang wanderte sie die Landstraßen entlang, wie zur Zeit ihrer Jugend, als sie nach Kiew pilgerte, stieg manchmal in Züge voll hungriger Menschen, die gen Süden zu fahren begannen. An einem Septemberabend trat sie bei den Karins ein. Nie sollten sie den Augenblick vergessen, als sie an die Tür geklopft hatte und sie sie auftauchen sahen mit ihrer starren, ruhigen Miene, ihr Bündel auf dem Rücken.

Die Flucht führt die Karins nach Paris. Dort versuchen sie - Kirill ist aus dem Krieg zurück - sich einzurichten. Es fällt ihnen schwer: das fremde Land, die fremde Sprache, beengte Verhältnisse. Die Kinder stürzen sich ins Nachtleben, betäuben sich mit Alkohol und Affären. Nur langsam gelingt es, ein bescheidenes neues Leben aufzubauen.

Die Wohnung war klein, dunkel, stickig; sie roch nach Staub, alten Stoffen. Die niedrigen Decken schienen auf den Köpfen zu lasten (...) Bis zum Abend hielten sich die Karins in diesen vier dunklen Zimmern auf (...). Sie gingen hin und her, von einer Wand zur andern, schweigend, so wie die Herbstfliegen, wenn die Hitze und das Licht des Sommers vorüber sind, mühsam, matt und gereizt über die Fensterscheiben kriechen, ihre toten Flügel nachziehend.

Irène Némirovsky wusste, wovon sie schrieb. Auch sie, Tochter eines jüdisch-russischen Bankiers, floh mit ihrer Familie vor der Revolution. In den 30er Jahren war sie, die französisch schrieb, ein regelrechter "Star" der Pariser Literatur-Szene. Doch die französische Staatsbürgerschaft erhielt sie nicht. 1940 musste sie Paris verlassen und wurde nach Auschwitz deportiert, wo sie zwei Jahre später starb. Seit einigen Jahren wird ihr Werk in Frankreich und bei uns wiederentdeckt; vor allem der autobiografische Roman "Suite francaise" sorgte für Aufsehen. In "Herbstfliegen" zeigt sie auf engstem Raum, 90 Seiten, die Entwurzelung von Menschen durch die Zeitläufte; ohne Larmoyanz, in poetischer Sprache. Ihr Umgang mit der erzählten Zeit ist meisterhaft - mal rafft sie Monate und Jahre in einem einzigen Satz, dann beschreibt sie kurze Szenen genau. Wenn nur die penetranten Wiederholungen einzelner Wendungen nicht wären, und ihre "Lust" am Adjektiv - dagegen kann auch die gute Übersetzerin Eva Moldenhauer nichts machen... - Die Sympathie der Autorin gehört vor allem Tatjana, der "Un-Zeitgemäßen", Fremden in der Großstadt Paris. Sie stammt aus dem russischen Norden, vermisst das Gut, Natur und Kälte - und vor allem den Schnee:

Diese niedrigen Decken erstickten sie. Karinowka... Das große Haus, seine riesigen Fenster, durch die Licht und Luft hereinströmten, die Terrassen, die Salons, die Galerien, wo an festlichen Abenden fünfzig Musiker bequem Platz fanden. (...) "Wenn ich nicht so alt wäre", dachte sie, "würde ich gern die Reise machen... Aber es wäre nicht dasselbe... Nein, nein", murmelte sie, "es wäre nicht dasselbe..." Der Schnee... Wenn sie ihn fallen sähe, wäre es zu Ende. Sie würde alles vergessen. Sie würde sich hinlegen und für immer die Augen schließen. "Werde ich solange leben?", murmelte sie.

Zunehmend verliert sie den Kontakt zur Außenwelt, wird störrisch, verstummt, fällt den andern zur Last. Der Schluss der Erzählung nimmt rondoartig den Anfang auf. Wieder ist es Weihnachten, nur fünf Jahre später, 1921. Die Karins feiern bei Freunden, Tatjana bleibt in der Wohnung. Draußen herrscht dichter Nebel. Da meint sie, endlich wieder Schnee zu sehen, geht wie in Trance durch die Straßen, schließlich zur Seine. Es ist, wie die Hoffnung auf die Rückkehr in die alte Zeit, eine Täuschung:

Doch als sie unten angelangt war, fiel ihr schließlich der Geruch des Wassers auf. In einer jähen Regung von Bestürzung und Zorn blieb sie eine Sekunde lang stehen, stieg dann weiter hinunter, ungeachtet des Wassers, das in ihre Schuhe drang und ihren Rock beschwerte. Und erst als sie bis zur Taille in die Seine gestiegen war, kehrte ihr Verstand vollständig wieder zurück. Sie fühlte sich eiskalt, wollte schreien, aber sie hatte nur noch Zeit, sich zu bekreuzigen, und der erhobene Arm sank herab: Sie war tot. Der kleine Leichnam schwamm einen Augenblick wie ein Paket Lumpen, bevor er verschwand, von der dunklen Seine erfasst.

Irène Némirovsky: Herbstfliegen. Erzählung.
Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Manesse Verlag, 96 Seiten, 9,90 Euro

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