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Seit 20:10 Uhr Hörspiel
StartseiteDie neue PlatteZerklüftete Form14.09.2008

Zerklüftete Form

Carolin Widmann und Dénes Várjon spielen Schumanns Violinsonaten

In Robert Schumanns Kompositionen ergibt sich nichts von selber, spielt sich nichts von allein. Immer wieder tun sich Abgründe auf, endet die Melodie plötzlich, wendet sich die Harmonie ins Düstere. Das gilt schon für die frühen Klavierwerke, für die meisten Lieder, vor allem aber für die immer noch recht selten gespielten Violinsonaten.

Von Uwe Friedrich

Der Komponist Robert Schumann auf einer zeitgenössischen Zeichnung (AP Archiv)
Der Komponist Robert Schumann auf einer zeitgenössischen Zeichnung (AP Archiv)

Die ersten beiden dieser drei Sonaten entstanden 1851, am glücklichen Beginn seiner Düsseldorfer Jahre, die dritte schrieb er 1853, bereits am Rande der geistigen Umnachtung. Carolin Widmann hat die drei Werke nun gemeinsam mit dem Pianisten Dénes Várjon für die Plattenfirma ECM aufgenommen. Ich möchte Ihnen heute diese Neuaufnahme vorstellen.

" Sonate Nr. 3 für Violine und Pianoforte in a-moll, WoO 2
"

Das Intermezzo der dritten Violinsonate schrieb Robert Schumann ebenso wie das Finale zunächst für eine Gemeinschaftsproduktion mit Johannes Brahms und Albert Dietrich. Mit dieser Sonate sollte der Geiger Joseph Joachim überrascht werden, dem sie auch gewidmet ist. Später vervollständigte Schumann seine beiden Sätze zu einer eigenen viersätzigen Sonate. Von Clara Schumann wird berichtet, sie habe die dritte Sonate mit dem befreundeten Geiger Joseph Joachim öfter nur unter Tränen und manchmal gar nicht zu Ende spielen können. Als Ausdruck des geistigen Verfalls wurde die Sonate lange verstanden, Clara hat sie vor der Öffentlichkeit geradezu versteckt, erst 1956 wurde sie erstmals veröffentlicht. Vielleicht musste sich erst eine ausgewiesene Spezialistin für zeitgenössische Musik wie die Geigerin Carolin Widmann des Werks annehmen. Sie zeigt, welchen Sog das zerklüftete Werk mit seinen harmonischen Wendungen und sperrigen Melodiefetzen jenseits der klassischen Sonatenform entwickeln kann. Schon die Einleitung der dritten Sonate pendelt zwischen massiven Akkorden und leichten Sechzehnteleinwürfen. Die Euphorie des Aufbruchs wird immer wieder jäh gestoppt. Der Ton von Carolin Widmann ist nicht immer konventionell schön und sanft dahin fließend, sie steigert vielmehr den Ausdruck dieser extremen Musik in existentiell bedrohliche Sphären. Und so muss es bei Schumann auch sein. Hier versteht sich nichts von selbst, hier soll sich niemand beruhigt zurücklehnen.

" Sonate Nr. 3 für Violine und Pianoforte in a-moll, WoO 2
"

Mit der späten dritten Violinsonate konnten selbst Schumanns engste Freunde nur wenig anfangen. Doch bereits den dritten Satz der ersten Violinsonate aus glücklicherer Zeit fand Clara Schumann störrisch und wenig anmutig. Robert hatte sie in nur vier Septembertagen des Jahres 1851 geschrieben und war von der Umsetzung durch den Geiger Wilhelm Joseph von Wasielewski bei einem privaten Musikabend wenig begeistert. Schumann wollte einen bewusst störrischen und unwirschen Ton, gerade im dritten Satz. Den lieferte ihm dann zwei Jahre später der Geiger Joseph Joachim, wiederum von Clara am Klavier begleitet, und den bieten nun ganz bewusst auch die Geigerin Carolin Widmann und der Pianist Dénes Várjon.

" Sonate Nr. 1 für Pianoforte und Violine in a-moll, op. 105 "

Ist diese Musik, der dritte Satz von Robert Schumanns erster Violinsonate, nun "formlos", gleich "krank", gleich "minderwertig"? Noch immer spukt durch die Schumann-Rezeption das Klischee von Genie und Wahnsinn, werden vor allem die Spätwerke, gerne aber auch das Gesamtschaffen vom grauenhaften Ende her betrachtet, dem Selbstmordversuch der quälenden Zeit in der Nervenheilanstalt von Endenich. Wie viel uns diese Musik zu sagen hat, wenn wir sie unvoreingenommen hören, das beweisen Carolin Widmann und Dénes Várjon. Die Sonatenhauptsatzform wurde spätestens im 20 Jahrhundert gründlich zertrümmert. Ist es nun wirklich entscheidend, ob Schumann sie erfüllte, auch nur erfüllen wollte? Ob er sich an Beethoven abgearbeitet hat? In diesen Kompositionen tritt uns Robert Schumann als zerrissener Mensch entgegen. Zwischen gesellschaftlicher Konvention und dem Drang nach persönlicher, und ja, auch sexueller Identität. Zwischen beeindruckender Kreativität und der übermächtigen Angst vor dem Wahnsinn. All das spiegelt sich auch schon in den beiden früheren Violinsonaten, auch im scheinbar heiteren zweiten Satz der zweiten.

" Sonate Nr. 2 für Violine und Pianoforte in d-moll, op. 121 "

Die Geigerin Carolin Widmann und ihr Klavierbegleiter Dénes Várjon nehmen sich viele Freiheiten bei ihrer Interpretation der drei Schumannschen Violinsonaten. Die rhythmischen Begrenzungen der Taktstriche nehmen sie als das, was sie bei Schumann immer sind, nämlich als eine Grundstruktur, die geweitet werden muss, an die sich die Musiker nicht in jeder Sekunde sklavisch halten müssen. Das kann nur gut gehen, wenn beide Musiker sich rückhaltlos vertrauen und genau aufeinander eingespielt sind. Widmann und Várjon spielen, als wollten sie sich immer wieder gegenseitig überraschen und reagieren sofort auf die Einfälle des anderen. Das ist im wörtlichen Sinn exzentrisch, denn dieser Musik fehlt die Mitte.

Die beiden haben Schumanns Violinsonaten auch im Konzert gespielt, unter anderem in der Berliner Yellow Lounge, einer Veranstaltung, bei der klassische Musik in die angesagten Clubs der Stadt gebracht wird. Auch dort hatten sie durchschlagenden Erfolg mit dieser hochpersönlichen Musik, der sich kaum ein Zuhörer entziehen kann. Die beiden können's also auch live, haben keinerlei spieltechnische Probleme mit diesen anspruchsvollen Kompositionen.

" Sonate Nr. 1 für Pianoforte und Violine in a-moll, op. 105 "

Den etwas übertriebenen Nachhall, der sich auch über die erste Violinsonate Robert Schumanns legt, hätten die ECM-Aufnahmeteam getrost weglassen können. Den setzt man sonst gerne ein, um spieltechnische Probleme zu kaschieren. Das ist aber gar nicht nötig bei Carolin Widmann und Dénes Várjon. Ganz im Gegenteil, gerade das differenzierte Klavierspiel und der feine Pedalgebrauch von Várjon gehen nun ein wenig unter in der überwarmen Wohlfühlakustik. Das ist aber auch schon der einzige Einwand gegen diese überragende Neuinterpretation der drei Violinsonaten von Robert Schumann, aufgenommen von der Geigerin Carolin Widmann und dem Pianisten Dénes Várjon, erschienen bei der Plattenfirma ECM.

Robert Schumann: Die Violinsonaten
Carolin Widmann, Violine; Dénes Várjon, Klavier
ECM 2047, LC 02516

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