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StartseiteWissenschaft im BrennpunktMit Neurotools zum besseren Ich03.01.2016

Zugriff aufs GehirnMit Neurotools zum besseren Ich

In unserem Gehirn gibt es etwa 100 Milliarden Nervenzellen. Allen gemein ist, dass sie - angeregt durch kleine Stromimpulse - unzählige Informationen hin und her schicken. Diese Eigenschaft machen sich Neuro-Gadgets zunutze. Der Markt reicht von Consumer-Headsets für wenige hundert Euro bis hin zu hochkomplexen Therapiegeräten für ADHS-Patienten.

Von Stephan Beuting

Computergrafik des menschlichen Gehirns (imago stock&people/Roger Harris/Science Photo Library)
Computergrafik des menschlichen Gehirns (imago stock&people/Roger Harris/Science Photo Library)

Ob psychische Störung oder der Wunsch nach einem optimierten Leben, Neuro-Gadgets sollen es richten. Doch: Darf man das glauben?


Das Manuskript zur Sendung:

"Man entwickelt ein ganz feines Gefühl dafür und merkt, das ist eigentlich faszinierend, muss ich ganz ehrlich sagen. Und durch diese Veränderungen und auch durch die Belohnung wenn die Veränderungen in die richtige Richtung gehen, lernen Sie langfristig ihre Gehirnaktivität zu kontrollieren und zu verändern."

"Ich hatte nicht so richtig gute, also, ich war nicht so gut im Test und als ich das Neurofeedback gemacht habe, da hatte ich dann auch bessere Noten im Test."

"Ich belohne die Kinder oder locke die, ihre Hirnströme zu verändern, so dass die denen von gesunden Kindern ähnlicher sind."

"Also es können auch Leute ohne Störung machen."

"Man kann sich steuern."

Zugriff aufs Gehirn –  Mit Neurotools zum besseren Ich
Von Stephan Beuting

"Eine Katze weiß genau, wie es der anderen Katze gerade geht, feindselig, entspannt, erregt, sie sieht das, unter anderem an deren Ohren. Die Ohren verraten etwas über die Stimmung. Pferde und Hunde machen das auch, wir Menschen können das nicht. Bis jetzt. Denn ein Mädchen im Netz sagt, dass es da jetzt etwas Neues gibt ... "

Ein Haarreif mit Ohren, darunter kleine Servo-Motörchen, an der Seite: ein Ohrclip und über der linken Augenbraue: eine Elektrode.

"Die drehen sich."

"Die sind weiß und in der Mitte rosa-orange."

Necomimi-Brainwave-Cat-Ears – Neuro-Technologie für jedermann. Neurofeedback-Öhrchen, die meine Gehirnwellenmuster erkennen und sie interpretieren. "Zeige der Welt, was in deinem Kopf vor sich geht und beeindrucke deine Freunde", sagt die Werbung.

"Die sehen ein bisschen komisch aus, weil die sich immer so drehen."

"Ja, die drehen sich, obwohl ich gerade entspanne. Als ich mich stark konzentriere, legen sie sich flach – So ein Schmarrn."

Aber die Öhrchen sind ja auch nur ein winziger Teil des Ganzen. Wenn Leute wie der US-Neuro-Geschäftemacher Zack Lynch von der "Neuro-Revolution" sprechen, dann meinen die natürlich auch so etwas wie die Öhrchen, aber auch noch viel mehr. Dann geht's um Peak-Performance-Training für Spitzensportler und Manager, es geht darum, ADHS zu behandeln oder Psychosen und Schlafstörungen in den Griff zu bekommen. Es geht um einen beachtlichen Markt.

"Die zunehmende Technisierung und Schnelllebigkeit unserer Gesellschaft verlangt dem modernen Menschen ein stetig wachsendes Maß an mentaler und psychischer Leistungsfähigkeit ab."

Es geht um Optimierung und Gesundheit, und um Lifestyle, um Millionen Menschen weltweit, die zwar gelernt haben, wie sie jeden Tag hochfahren, die aber von dort nicht mehr runter kommen. Für all die und für jene, die schon alles im Leben unter Kontrolle haben, außer dem eigenen Gehirn, für die scheint nun die Zeit gekommen. Und ich frage mich: ist da auch etwas für mich dabei?

"Mentalsysteme stellen eine wirkungsvolle Hilfe für effektives Stressmanagement, persönliche Potenzialentwicklung und geistige Fitness dar."

Stress, habe ich. Persönliches Potenzial entwickeln, warum nicht?! Mehr mentale und psychische Leistungsfähigkeit: gerne! Ich bestelle mir also Neuro-Gadgets. Nach wenigen Tagen liegt ein Paket auf meinem Schreibtisch. Ein Neurofeedback-Gerät. Es soll mir verraten, in welchem Zustand mein Gehirn ist. Entspannt oder konzentriert, diese Zustände soll ich selbst herbeiführen, wenn's klappt, gibt es eine Belohnung. Neurosky-Brainlink kommt mit Links und Apps und Faltblättern und vielen Versprechen. Steigere deine Leistungsfähigkeit wie ein Top-Sportler, verbessere deine Konzentration. Sehr gut. Aber, bevor ich mir das auf den Kopf setze, möchte ich verstehen, was da überhaupt passiert.

"Und zwar, damit die Elektroden einen guten Kontakt haben, muss ich die Stellen etwas vorbereiten."

Ich fahre nach Tübingen an die Eberhard-Karls-Universität, Fachbereich Neuropsychologie, zu Kerstin Mayer.

"Das heißt, ich gehe mit einem medizinischen Alkohol auf die Stellen, wo die Elektroden hinkommen, damit die Hautfette abgetragen werden und mit dem Peeling-Gel gehe ich da auch noch einmal ran, damit die Hautschüppchen abgetragen werden und einfach das Signal dann gut ist."

Kerstin Mayer ist Psychologin, Neurofeedback ist ihr Fachgebiet, Neurofeedback-Ohren gibt's hier keine, dafür einen stabilen Holzstuhl. Holz ist gut, weil es isoliert.

Man muss halt schauen, dass man ein gutes EEG-Signal hat, wir sagen immer garbage in garbage out, wenn ich das schlecht ableite, dann kann ich auch nicht so viel damit anfangen."

Schließlich arbeitet mein Gehirn mit winzig kleinen Spannunngen, im Millionstel-Volt-Bereich.

"Wir machen jetzt Neuro-Feedback. Das heißt, ich leite ihre Gehirnsignale ab, filtere da bestimmte Frequenzen heraus. Hier machen wir ein Feedback langsam corticaler Signale. Das sind langsame Schwankungen der Aktivierung und Entspannung im Gehirn."

"Nüchtern betrachtet bin ich nur ein Opfer der operanten Konditionierung"

Langsame Corticale Potentiale, Slow-Cortical Potentials oder kurz SCPs: Zellverbünde in meinem Cortex sind für sie verantwortlich. Wenn mein Gehirn einen Reiz empfängt, dann können diese Zellverbünde ein negatives SCP-Spannungssignal erzeugen. Die Folge: Andere Nervenzellen sind nun leicht erregbar. Leicht erregbare Nervenzellen sind die Voraussetzung dafür, dass ich nun bereit bin, zielgerichtet zu handeln. So wie SCPs für Erregbarkeit und Konzentration stehen, so können sie auch das Gegenteil, nämlich die Erregbarkeitsschwelle heraufsetzen, wenn sie positive Spannung annehmen. Das aufregende an den SCPs: ich bin nicht zwangsläufig auf den Reiz angewiesen, auch die Erwartung eines Reizes kann das negative SCP auslösen. Und genau das kann ich mit Kerstin Mayer trainieren.

"Jetzt kommt das Dreieck zeigt nach unten, der Fisch fliegt rein, hält sich auch tapfer unter der Linie und da kommt die Sonne als Belohnung, sehr gut."

Und: Es klappt. Ich konzentriere mich und tatsächlich schiebe ich diesen kleinen Fisch hoch über die Linie. Weil ich das so toll gemacht habe, bekomme ich eine lachende Sonne und ein dickes Lob von Kerstin Mayer, beides zusammen fühlt sich gut an. Nüchtern betrachtet bin ich nur ein Opfer der operanten Konditionierung.

"An sich, ja, so erzieht man auch einen Hund."

Das spannende daran: Ich muss gar nicht mal verstehen, wie ich das lerne, mein Gehirn tut es einfach. Zumindest anfangs.

"Das ist doch nicht wahr - mit Anstrengung entspannen ist schwierig - ich schwöre, ich habe an Sauna gedacht"

Vielleicht stimmt ja was nicht mit dem Gerät?

"Dem Fisch kann man trauen?"

"Ja, das sind ihre Gehirnaktivierungen, das sind Sie."

Aber diese Gehirnaktivierungen unter Kontrolle zu bekommen, entspannen und aktivieren auf Kommando, das ist halt Übungssache.

Was mir Mut macht: Claudia Sänger hatte am Anfang die gleichen Probleme.

"Nach zehn, zwölf Mal habe ich gemerkt, dass mein Gehirn, oder dass ich das Bewusstsein dafür habe, dass ich was steuern kann."

Claudia Sänger erzählt mir, dass sie großen Leidensdruck hatte. Sie möchte zwar nicht ihren richtigen Namen im Radio hören, aber sie möchte, dass andere davon erfahren, denen es auch schlecht geht.

"Ich denk schon, dass das ein Zeichen davon ist, ich habe das immer gemerkt, dass da so eine Wut hochkommt."

Claudia ist Mitte 50. Damals, als sie klein war, gab es sowohl das Krankheitsbild ADHS als auch den Wirkstoff Ritalin, doch in der Praxis war kaum einer in der Lage, die Diagnose korrekt zu stellen.

"Zum Beispiel meine Mutter, die hat mich abends vom Spielen geholt. Das war immer ein Drama. Die hat nicht lange rumgequatscht. Und ich habe der in die Backe gebissen, dass man eine ganze Woche die Zähne sehen konnte und ich habe die Geschichte immer lustig gefunden bis Frau Mayer sagte, das machen ADHS-Kinder."

Kloppereien auf dem Schulhof, schlechte Noten und dann immer wieder dieses Problem, plötzlich ganz jemand anderes zu sein, jemand, den Claudia allenfalls flüchtig kennt. Geschlagen hat sie dann irgendwann nicht mehr, aber das Problem mit der Impulskontrolle, das blieb. Eines Tages wird sie von Ihrer Chefin beiseite genommen. Die sagt zu ihr: "Claudia, du hast ADHS, tu was!"

Heute, nach 30 Neurofeedback-Sitzungen, ist das Problem immer noch da, mit einem Unterschied:

"Ich kann nicht sagen, dass es besser ist, ich kann nur sagen, dass ich die Kontrolle habe."

Das Mädchen, von dem Claudia Sänger in der Vergangenheit gesprochen hat, das hat viel Ähnlichkeit mit Kim.

"Ich war nicht so gut im Test, jetzt bin ich besser."

Eine Stunde Autofahrt sind das für Kim und ihre Mutter, wenn die beiden nach Hamm fahren, in die Uniklinik, zum Neurofeedback. Dabei ist gerade das Stillsitzen für Kim die größte Qual. Als wir uns unterhalten, mache ich irgendwann den Vorschlag, dass sie mal eine Runde über die Steine hüpfen darf. Damit geht's ihr sichtbar besser.

"Habs im Test gemerkt, dass ich keine guten Noten hatte und nach Neurofeedback hatte ich bessere Noten."

Kim geht in die vierte Klasse, die Lehrerin, Kims Mutter, Kim, alle sind erleichtert, dass es mittlerweile aufwärts geht. Verhaltenstherapie, Ritalin, Familientherapie, sie haben schon vieles versucht, aber erst mit Neurofeedback sei es besser geworden.

"Ich habe nur gemerkt, dass ich nach NF eine bessere Schriftstellung hatte. Vorher habe ich krickelig geschrieben. Warum, ich kann das nicht erklären."

Auch die Prügeleien zwischen ihr und ihrer Schwester, die seien nun nicht mehr ganz so heftig, sagt die Mutter. Die eigene Aufmerksamkeit steuern, die eigenen Impulse besser kontrollieren. Um das zu erreichen, kommt Kim einmal wöchentlich nach Hamm, in die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, und trainiert. Für sich und für die Erforschung von Neurofeedback, sagt Martin Holtmann:

"Ich bin davon überzeugt, dass wir mit dem Neurofeedback an Hirnprozesse herankommen, die sonst von außen nicht so gut zugängig zu machen sind. Beispielsweise haben die Kinder mit ADHS nicht nur ein verändertes Hirnstrombild, die haben Probleme mit ihrem Belohnungssystem, die wollen lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Und all das kann man letztlich im Gehirn lokalisieren und über das Neurofeedback kommt man an diese Stellen ran."

Seit den 70ern wird an der Methode geforscht, Kerstin Mayer und Martin Holtmann, Claudia und Kim, alle sind so überzeugt davon und ich mittlerweile auch. Doch es gibt zwei Probleme: das erste: Neurofeedback, das scheint nicht jedermanns Sache. Es gibt Menschen, bei denen verfängt es nicht.

"Eine spürbare Verbesserung, sieht man bestimmt bei einem Drittel der Patienten. "

Und die anderen beiden Drittel sind die Gruppe der Non-Responder. Bei wem klappt es, bei wem nicht? Dazu gibt es derzeit nur Vermutungen. Das zweite Problem: Es ist nicht klar, was hier überhaupt wirkt.

"Wenn wir was tun therapeutisch, dann hängt ja ganz viel ab von der therapeutischen Beziehung, die ich habe, da sitzt jemand daneben, der motiviert die, das heißt, da gibt's viele unspezifische Faktoren, die möglicherweise auch etwas bewirken."

Seit 2013 läuft eine groß angelegte Studie, Martin Holtmann führt sie durch, Kim nimmt daran teil, die erste, die in dem Umfang randomisiert und kontrolliert den Effekt von Neurofeedback auf ADHS-Patienten im Kindesalter bestimmen soll. Noch ist die Studienlage aber uneinheitlich.

"Die App nennt mich nach einigen Minuten Zen-Meister"

Zurück aus Hamm probiere mein Heim-Neurofeedback-Gerät aus. Neurosky Brainlink kann ich mir wie ein Schweißband um den Kopf kletten, eine Elektrode sitzt jetzt direkt auf meiner Stirn, eine kleine Wäscheklammer clipse ich mir ans linke Ohr. Das Gerät ist über Bluetooth mit meinem Smartphone verbunden, dort bekomme ich meine Mission: Ich soll mich konzentrieren. So stark und so lange bis eine Erdbeere erst zittert und dann platzt.

In der nächsten Übung muss ich per Gehirn eine Feder steigen lassen, durch Entspannung. Das mit der Feder funktioniert auf Anhieb, die App nennt mich nach einigen Minuten Zen-Meister. Komisch. Bei Kerstin Mayer war ich blutiger Anfänger und nun bin ich auf einmal Zen-Meister?! Zweifel kommen, ob das Gerät wirklich das anzeigt, was es anzeigen soll.

"Absoluter Blödsinn"

Das ist Niels Birbaumer, Psychologe, Neurobiologe, Neurofeedback-Spezialist. Leider teilt Birbaumer mein Misstrauen gegenüber dem Ding. Mangelhafte Technik sei das. Und er gibt er mir noch einen Tipp, wie ich mich selbst von der Qualität der Messung überzeugen könne.

"Sie können ja mal selbst an ihrem Gerät herum probieren. Sie sehen, wenn sie die Elektrode auf die Stirn geben, ist der beste Weg, das zu manipulieren, mit den Augen zu wackeln oder die Stirnhaut verändern."

Probiere ich aus. Stirn hochziehen, Erdbeere platzt. Nicht gut.

"Mit dem Gehirn hat das gar nichts zu tun. Und wenn sie 200 Euro dafür ausgegeben haben, kann das Gerät gar keine Hirnströme messen."

In meinem Fall 254,-! Es geht aber auch noch mehr: Ich kann noch die MindWorkStation bestellen, eine App. Kognitive Konzentrations- und Entspannungsübungen, noch einmal 176 Euro.

"Das dauert eine halbe Stunde an, wenn sie das jeden Tag machen, haben sie nach einer halben Woche die Nase voll, wenn sie merken, dass das nur ihre Stirnhaut ist, die das alles macht, das sind diese Placeboeffekte, Anfangseffekte und nach einiger Zeit merkt man, dass das alles nichts mit dem Gehirn zu tun hat."

Kerstin Mayer hat gesagt, Garbage in Garbage out, also, achte auf das gute Signal. Birbaumer sagt, das hier produziere Müll und dass ein guter Verstärker allein Minimum 1.000 Euro koste. Und außerdem:

"Es gibt nicht den geringsten Hinweis, dass Neurofeedback-Training bei gesunden Leuten einen positiven Einfluss hat "

Es ist schwierig zu zeigen, dass Neurofeedback ADHS-Patienten hilft, es ist noch schwieriger, Belege dafür zu finden, dass Neurofeedback Gesunden beim Selbst-Optimieren nützt. Was aber funktioniert, hat Birbaumer gezeigt: Wir können unser Gehirn wie einen Muskel verwenden, wie einen Joy-Stick. Birbaumer hat Locked-In-Patienten eine Apparatur gebaut. Buchstaben ziehen vorbei, konzentriert sich der Patient, wird der Buchstabe ausgewählt, dann der nächste. Spannung und Entspannung liefern zwei Zustände: 0 und 1. So konnte ein völlig gelähmter Mensch buchstabieren und damit wieder kommunizieren. So können wir natürlich auch Spiele bis hin zum Kneipenflipper mit unseren Gedanken steuern. Das Schöne daran: du siehst direkt, ob es klappt. Gehirnwelle schießt Flipperkugel. Genau diesen Automatismus suggeriert auch mein Neurofeedback-Tool.

Aber jetzt geht's ja um mehr, um meine Fähigkeit zu Konzentration und Entspannung, es geht um meinen Charakter. Einer der großen Hersteller von Neurofeedback-Tools ist der US-Konzern Emotiv, Joyce ist dort Community und Developer-Manager. Sie sagt, dass Emotiv eng mit der Wissenschaft zusammen arbeite. Ich frage sie, wo denn die Studien darüber seien, wie viele Leute tatsächlich von Neurofeedback profitieren?

Geräte die nicht so funktionieren, wie sie sollen. Eine Forschungslage, nach der es kaum Belege dafür gibt, dass Neurofeedback auch Gesunden hilft, ihre Konzentration dauerhaft zu verbessern. Ich möchte gerne wissen, wie das geht, wie man auf dieser Basis Geschäfte machen kann.

"Die Produkte sind natürlich umfangreicher in ihrer Leistung geworden, sie sind einfacher geworden und es gibt wesentlich mehr Software und Tools, die das gesamte Feld Neurofeedback in seiner Gänze abdecken. Ich würde mal sagen, die Produkte haben sich preislich verändert, sind günstiger geworden, sie können heute sehr einfach diese Systeme einsetzen, was vor fünf, sieben Jahren gar nicht möglich war."

Hans Georg Bieschke ist Managing Director bei der Plattform Mind-Tech-Store, ein Reseller, der Produkte aus anderen Ländern auf dem deutschen Markt anbietet. Ich frage ihn nach seinen Erfahrungen, allgemein und mit dem Gerät, das vor mir liegt.

"Interessantes Produkt, weil das gibt's einerseits als Headset und als Headband, das bedeutet, man zieht sich das wie ein Stirnband an und ist in seinen Bewegungen nicht so eingeschränkt [ ... ] und hat ne sehr gute Laufzeit und ne sehr gute Datenqualität."

Die Kunden seien zufrieden, es würden so gut wie keine Geräte zurückgeschickt. Alles bestens. Auch wenn ein führender Neurofeedbackexperte sagt: dass sei alles großer Quatsch?

"Diese Geräte halten schon, was sie versprechen. Das ist kein Fake."

Er selbst könne mich natürlich jetzt schwer vom Gegenteil überzeugen, aber da gebe es jemanden, der würde mir schon zeigen, dass die funktionieren.

"Wenn Sie jetzt mal zum Telefonhörer greifen und den Dr. Axel Kowalski anrufen."

Mach ich. Anrufen und fragen, was er dazu sagt, zu Geräten um die 200 Euro, wo doch die Verstärker eigentlich ein Vielfaches kosten. Zu den großen Versprechen, dass ich mit Neurogadgets leistungsfähiger werde und besser die Kontrolle über mich bekomme. Kowalski will mir das gerne zeigen. Er lädt mich ein, in seine Praxis, nach Krefeld. Und ich fahre hin.

"Was wir jetzt machen, wir machen eine ganz normale Ein-Kanal-Verkabelung mit drei Elektroden und dann ein Frequenzbandtraining."

Auch Axel Kowalski arbeitet mit Neurofeedback, auch er zeigt mir meine Gehirnwellen und will mir helfen, sie zu kontrollieren. Dazu sitze ich jetzt vor einem riesigen Fernseher. Das Programm, das gerade läuft, heißt "Mein Gehirn". Es sind meine EEG-Wellenlinien, links oben, das Rohsignal, da drunter: Delta-Wellen, mit niedriger Frequenz, bei mir gerade kaum vorhanden. Wären sie da, hieße das: der schläft tief und fest. Darunter: Theta und Alpha-Wellen: stehen für schläfrig/entspannt. Beta-Wellen können für geistige Erregtheit stehen, viel Gamma-Wellen, mit über 30 Schwingungen pro Sekunde, wären da, wenn ich völlig in eine Meditation abgetaucht wäre oder mich massiv konzentrieren würde.

"Das heißt, Sie bekommen nun ein Filmchen gezeigt, in dem so gut wie nichts passiert. Und dann gucken wir mal, ob Sie es schaffen, Parameter die bei Langeweile hochknallen, unter Kontrolle zu halten. [ ... ]"

Es geht los, ich sehe vier Zahnräder, unterschiedlich groß, in einer Animation. Sie drehen sich ineinander. Je kleiner der Umfang des Zahnrades, desto höher seine Umdrehungsgeschwindigkeit.

"Sie sind mit der Langeweile der Zahnräder konfrontiert und so nach fünf sechs Minuten werden sie merken, dass das rot wird, weil die Nervenzellen in ihrem Kopf, die gezwungen werden sich damit auseinanderzusetzen sagen:  ey, kenne ich, brauche ich nicht mehr'. Und dann müssen Sie sich überlegen, wie halte ich die denn bei der Stange."

Als mein Kopf auf einmal hochschnellt, ist klar: Ich war eingenickt, mitten im Konzentrationstest.

Wir schauen uns das Frequenzband der letzten Minuten an, das Einnicken hat deutliche Spuren hinterlassen. Aber da ist auch ein Teil, der ganz vielversprechend aussieht. So eine Art geistiges Am-Zügel-Ziehen, wie wenn ein Reiter sanft mit den Steigbügeln drückt, um das Pferd dran zu erinnern: "immer schön weitergehen."

"Wir haben tatsächlich zwei Zonen gehabt, drei eigentlich, wo es in die richtige Richtung geht. Das Beste ist hier dieses. Sehen Sie?"

"Ja."

"Da ist das High-Beta unten geblieben, das hohe Beta und das Alpha ist quasi auf die Höhe des Theta angestiegen. Das heißt: das wäre rein parametermäßig 'ne Zielzone, wo wir sagen können: hey, erreicht. Also würde ich jetzt diese Situationen immer wieder gezielt anfahren, erzeugen, so lange, bis man quasi eine längere Phase hat, und dann sind wir an dem Punkt, wo Birbaumer sagt, dann bildet sich vielleicht ein persönliches Gefühl, eine persönliche Wahrnehmung dieses Zustandes aus und wenn ich die habe, dann habe ich eigentlich gewonnen."

Nachdem ich bei Axel Kowalski war, habe ich mich ans Skript gesetzt, mich konzentriert, und bin gut vorwärts gekommen. Bestimmt nicht wegen der einen Sitzung von sechs Minuten. Aber vielleicht war es das Bewusstsein, dass ich meinem Gehirnzustand nicht einfach ausgeliefert bin.

So kann Neurofeedback als Therapie bei ADHS funktionieren. Doch die aktuellen wissenschaftlichen Studien dämpfen die Euphorie. Momentan sind es vor allem die Studien, die methodisch nicht den höchsten Standards genügen und die mit kleinen Samples durchgeführt wurden, die für die Wirksamkeit von Neurofeedback sprechen. Je größer die Studie, je höher die Standards, desto schwächer der Beleg für die Wirksamkeit. Und für mich als Neurofeedback-Selbstoptimierer sieht die Beweislage noch viel schlechter aus.

"Und jetzt zu sagen, mit der platzenden Erdbeere unter allen Umständen deine Konzentration in den Griff zu bekommen, das ist ja schon einmal per se großer Blödsinn. Meiner Meinung nach ist die Werbung vieler Hersteller auch viel zu vollmundig, ist natürlich der Klassiker, aus der Werbung wissen wir, wir suchen jetzt nach dem Alleinstellungsmerkmal, wenn man das gefunden hat, kann man gnadenlos Geld damit verdienen."

Selbst hinsetzen und mit irgendeiner App irgendwie loslegen, ohne Ahnung von der Materie, ohne die Möglichkeit, von außen zu beobachten, was da passiert. Auch mir scheint das keine gute Idee.

"Hocherklärungsbedürftig und hochindividuell. Ich denke, da können viele Leute von profitieren. Nicht in dem Sinne, dass hier jeder ein Superhirn wird oder so sondern, dass man einfach ein paar Dinge über sich herausfinden kann, einfach mal einen anderen Blick auf bestimmte Verhaltensweisen werfen kann und in dem Spannungsfeld würde ich das einsetzen, also von: 'ein paar Sachen über sich herausfinden' bis zu einem richtig harten Training."

Während des Skriptschreibens habe ich es ausprobiert. Pausen einlegen, eher dann arbeiten, wenn mein Gehirn in diesem entspannt-angeregten Zustand war und immer dann, wenn es gerade gut lief: aufmerksam das Gefühl im Kopf erspüren, mich daran erinnern, dorthin zurückzukehren und es wieder und wieder erzeugen.

Nebenwirkungen: Hautirritationen und Müdigkeit, in seltenen Fällen Panikattacken und gestörtes Zeitempfinden

Unsicher bin ich mir immer noch, was ich nun anfange mit meinem zweiten Gerät. Ich hatte mir zu Beginn der Recherche noch etwas bestellt: ein transkranielles Gleichstrom-Stimulationsgerät, kurz tDCS. Durch kleine Elektroden soll Strom über meine Hirnhaut die Erregbarkeit meiner Nervenzellen im Gehirn erhöhen oder dämpfen. Der kleine weiße Kasten braucht zwei Neun-Volt-Batterien. Die Elektroden liegen daneben, alles bereit. Im Netz finde ich den Post eines Nutzers:

"Whether you want to smash a forehand like Federer, or just be an Xbox hero, there is a shocking short cut to getting the brain of an expert."

Vorhand wie Federer, sofort ein Computerspiel-Ass werden.

Was ich nicht finde: den Hinweis, was ich eigentlich machen soll, wenn ich unter Strom stehe, wie ich jetzt zur Roger-Federer-Vorhand komme? Axel Kowalski:

"Ich würde es so, wie es hier aus der Packung kommt, nicht machen. Ich meine, ich vertraue dem Gerät zwar, aber ich brauche ja trotzdem eine wiederholbare Anleitung. Die habe ich hier gar nicht."

Im Tutorial wird von möglichen Nebenwirkungen gesprochen, hin und wieder Hautirritationen und Müdigkeit, in seltenen Fällen Panikattacken und gestörtes Zeitempfinden. Dann lese ich noch von einer Studie, die tDCS-Geräte untersucht hat, die Gamer beim Computerspielen besser machen, ihre Arbeitsgedächtnisleistung erhöhen sollen. Ergebnis: es funktioniert nicht. Die Arbeitsgedächtnisleistung der Gamer war nicht gestiegen, sondern am Ende sogar vermindert.

"Und das ist das, was bei diesen vollmundigen Versprechungen zu wenig kommt. Die definieren quasi schon, wie das Gefühl aussehen soll, Sie werden, Sie können, Sie werden der beste Mathematik-Typ, schneller, schlanker, was weiß ich denn. Das ist schon einmal ein grundsätzlicher Fehler. Das heißt, ich kriege vorher schon serviert, wie habe ich mich zu fühlen und ich mache zehn Trainingssitzungen, aber ich fühle mich überhaupt nicht so. Vielleicht bin ich aber auf dem richtigen Weg. Weil ich aber diese Neon-Reklame präsentiert bekomme, habe ich überhaupt keine Chance für mich festzustellen: Bin ich denn auf dem richtigen Weg? Und das ist etwas, wo man viel mehr Begleitung zu braucht."

Barry Stermann hat vor mehr als 40 Jahren gezeigt, dass er mit Neurofeedback Katzen so trainieren kann, dass sie epileptische Anfälle unterdrücken können, Claudia Sänger und Kim haben mit der Methode gearbeitet, sie sagen, es gehe ihnen besser, dank Neurofeedback. Weil aber über Jahrzehnte viel mehr Geld in die Erforschung von Psychopharmaka und Neuroleptika geflossen ist, wissen wir immer noch nicht genau, ob, unter welchen Umständen, bei wem und vor allem wie Neurofeedback funktioniert. Federer-Rückhand, hoch konzentriertes Gehirn, absolute Entspannung: das plug and play gegen mentale Defizite, so wie es die Neurogadget-Apologeten versprechen, das gibt es noch nicht.

"Ich glaube, da müssen wir ehrlich sein, das hören viele nicht gern, dass wir sagen: Wir stecken in vielem noch in den Kinderschuhen, das ist eine junge Intervention, wo wir vieles noch gar nicht verstanden haben."

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