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Zukunft der TürkeiChance durch Dissens

Die Türkei muss streiten: Der Schriftsteller Kaya Genc verordnet seiner Heimat Auseinandersetzungen, um gemeinsam um die Zukunft des Landes zu ringen. Die Gezi-Bewegung habe die Widersprüche innerhalb der Gesellschaft gezeigt. Diese dürften nicht verschwiegen werden, fordert Genc in seinem Buch "Under the Shadow".

Von Susanne Güsten

Türkische Bürger schreien Slogans am ersten Tag des Ramadan - die Gezi-Proteste gegen die türkische Regierung am 09 Juli 2013 in Istanbul. (dpa / picture alliance / Georgi Licovski)
Die Gezi-Proteste haben alles verändert und wurde ein entscheidender Entwicklungsmoment für ein Land. (dpa / picture alliance / Georgi Licovski)
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Bunt, vielfältig, geistreich und frech: Die Türkei, wie man sie noch nie gesehen hatte - das waren die Gezi-Proteste im Sommer 2013. Das empfand nicht nur die Außenwelt so, die staunend auf die moderne, junge Protestbewegung am Bosporus blickte. Auch die Türken und sogar die Protagonisten der Gezi-Bewegung selbst waren überrascht von den Protesten, von ihrer Wirkung - und vor allem von sich selbst. Ein junger Dichter namens Aytug Akdogan bringt es in dem Buch von Kaya Genc auf den Punkt:

"Gezi war kein politischer Protest - es war ein existentialistisches Ereignis. Manche Leute forderten Veränderungen im politischen System, die wollte ich natürlich auch. Aber dann merkte ich: Ich selbst verändere mich durch diese Ereignisse. Diese Veränderungen in meinem Charakter waren noch wichtiger als Veränderungen im politischen System. Es war ein Jahrhundertereignis, und es hat die junge Generation transformiert."

Viele solcher Perlen finden sich in dem Buch von Kaya Genc, auch wenn sie manchmal etwas tief in weniger zwingendem Material versenkt sind. Der Romanschriftsteller hat sich für das Werk mit gut einem Dutzend junger Türken unterhalten, die im Gezi-Park an einen Wendepunkt kamen - je vier politische Aktivisten, Künstler und Journalisten, dazu zwei Unternehmer.

Protagonisten spiegeln Vielfalt der jungen Gesellschaft

Was den Charme und den Wert des Buches ausmacht und was es von anderen Veröffentlichungen über die Gezi-Bewegung absetzt, das ist die Auswahl der Protagonisten - die Vielfalt von gesellschaftlichen Hintergründen und politischen Orientierungen, die sie vertreten. Umweltaktivisten, Kurdenpolitiker und Kandidaten der Regierungspartei, junge Frauen mit und ohne Kopftuch, konservative, liberale und kemalistische junge Türken - sie alle schildern Kaya Genc ihre Gezi-Erlebnisse. Daraus entsteht wie in einem Kaleidoskop ein gebrochenes Bild der türkischen Gesellschaft - und es ist eine weitere Stärke von Kaya Genc, dass er diese Brüche nicht zu glätten versucht:

"Diese Menschen sprechen über ein und dasselbe Ereignis, aber sie sehen es aus dramatisch unterschiedlichen Perspektiven. Was die einen als Unterdrückung sehen, das empfinden andere als Befreiung. Diese beiden Perspektiven müssen koexistieren - das ist es, was die Türkei braucht, denke ich."

Reformjahrzehnt hat die türkische Gesellschaft nicht vereint

Die produktive Funktion von Gezi bestand darin, die Konflikte in der türkischen Gesellschaft sichtbar und spürbar zu machen, argumentiert Genc. Faszinierend ist seine These, dass das Reformjahrzehnt der Türkei mit seiner Hoffnung auf Harmonie nur die Widersprüche verkleisterte:

"In den 2000er Jahren, als die Türkei liberaler war, da wurden die Sorgen der Leute totgeschwiegen, sie konnten nicht artikuliert werden. Es wurde allgemein so gesehen, dass alles in Ordnung war: Wir hatten eine liberale, pro-europäische Regierung, der IWF und die Weltbank standen hinter uns, die EU mochte uns - also konnten wir die Politik den Politikern überlassen."

Mit den Gezi-Protesten habe sich das alles verändert, sagt Genc: Dort entdeckte die junge Generation der Türkei die alten Widersprüche ihrer Gesellschaft. Ein entscheidender Entwicklungsmoment für ein Land, dessen Jugend seit dem Militärputsch von 1980 bewusst entpolitisiert wurde:

Dynamik von Gezi lässt sich nicht aufhalten

"Indem die Leute erstmals ihre Ansichten vertraten, entdeckten sie diese erst - sie mussten öffentlich werden, um gesehen zu werden. Gezi war also ein öffentliches Ereignis, aber zugleich eine Art Selbstfindung. Und wenn das einmal begonnen hat, dann kann man es nicht mehr aufhalten. Unterdrückung heizt das nur weiter an."

Doch obwohl er so ein breites Spektrum an Menschen und Ansichten portraitiert, reduziert der Schriftsteller sie dann doch wieder auf zwei Strömungen, deren Ursprünge er in der Geschichte des Landes verortet: Jung-Türken und Jung-Osmanen, Progressive und Konservative:

"Wir leben jetzt in der post-liberalen Ära. Die Konservativen haben das Ziel der europäischen Integration aufgegeben und gehen zurück zu ihren ideologischen Ursprüngen, nämlich den jungen Osmanen. Und die Jungtürken, also die Kemalisten, fühlen sich in ihren alten Vorbehalten bestätigt. Wir haben also diese beiden historischen Phänomene und ihre modernen Vertreter, die zu ihren Ursprüngen zurückkehren."

Aus Gezi ist keine notwendige politische Kraft entstanden

Etwas verkürzt scheint dieser Gedanke - gerade angesichts des reichen Spektrums an Überzeugungen und Lebensentwürfen, die der Autor da vor uns ausbreitet. Zum Glück stutzt er sie aber nicht auf seine zwei Kategorien zurecht. So entsteht ein Panorama der jungen Generation der Türkei, gespickt mit Erkenntnissen und Einsichten wie aus dieser Unterhaltung mit Sarphan Uzunoglu, dem türkischen Berater eines Kurdenpolitikers:

"Warum wurde die Regierung durch den Aufstand nicht gestürzt, frage ich Uzunoglu gegen Ende unseres Treffens in Galatasaray. 'Nun, alle Voraussetzungen dafür waren gegeben, die wirtschaftlichen Bedingungen für eine Revolution waren da', entgegnet er. 'Aber ich habe damals verstanden, warum man eine politische Kraft braucht - weil man eine politische Kraft nur durch eine andere ersetzen kann.'"

Genau das ist aber auch aus der Gezi-Bewegung nicht entstanden - eine starke Partei oder Front, die Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seine AKP ablösen könnte. Folgt man Kaya Genc, dann liegt zwar in dieser Übermacht einer Konflikpartei eine Gefahr für die Türkei, nicht aber im Konflikt selbst:

"Wir brauchen diese Spannung. Wir brauchen keinen Konsens, sondern Dissens, das Ringen miteinander. Ich halte das für eine gute Sache. Ich wünsche mir nicht, dass die Türkei so ein langweiliges europäisches Land wird, wo nichts passiert. Denn es liegt in unserer Natur, im Konflikt miteinander zu sein. Nur darf natürlich keine Seite die andere überwältigen und damit das Gleichgewicht zerstören."

Kaya Genc: Under the Shadow - Rage and Revolution in Modern Turkey
I.B. Tauris & Co. Ltd., 240 Seiten, 13,95 Euro

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