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StartseiteCampus & KarriereMehr Mittel, weniger Bürokratie05.06.2017

Zukunftsperspektiven für ErasmusMehr Mittel, weniger Bürokratie

Das Austauschprogramm Erasmus+ läuft noch bis 2020. Danach soll es weitergehen. Unklar ist jedoch noch wie - und welche Länder dabei sein werden. Was geschieht etwa mit Großbritannien nach dem Brexit? Und wie steht es um die Kooperation mit der Türkei? Gefordert werden daneben mehr Mittel - und ein Abbau der Bürokratie.

Von Thomas Wagner

Ein junger Mann trägt eine Europafahne nach einem "Pulse of Europe" Event auf dem Gendarmenmarkt in Berlin im Bezirk Mitte am 26.03.2017. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten an dem Tag auf dem Gendarmenmarkt für ein friedliches, geeintes und grenzfreies Europa. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
"Pulse of Europe" - Demo für Europa (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
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Formulare. Viel zu viele Formulare. Zwei Erasmus-Stipendiaten der Universität Heidelberg:

"Welche Formulare sind vonnöten? Welches sind die richtigen Ansprechpartner und Adressen? Der bürokratische Aufwand ist natürlich immer so eine Sache. Da sind immer so Abgabefristen einzuhalten, solche Learning-Agreements: Wann muss das vorgelegt werden? Wann muss das nachgelegt werden? Diese Aspekte sind vielleicht ein bisschen besser abzustimmen mit den Universitäten vielleicht."

"Für mich ist ein großes Problem auch die Bürokratie. Man hat unglaublich viele Formulare, die zu bestimmten Zeiten abgegeben werden müssen. Und einige Formulare sind nicht an die Praxis deutscher Universitäten angepasst, zum Beispiel das Learning-Agreement. Es soll vor dem Aufenthalt fertig sein. Aber man weiß gar nicht vor dem Aufenthalt, wann die Kurse wirklich fertig sind."

Mit ihren Klagen über zu viel Bürokratie sind sich die Studierenden einig mit vielen Erasmus- Programm-Koordinatoren. Weniger Formulare ausfüllen - das ist dann auch ein gemeinsamer Wunsch an eine Fortschreibung des Erasmus-Programms.

Verbleib Großbritanniens nach dem Brexit noch unklar

Andere Studierende plagen viel existenziellere Sorgen. Erasmus-Stipendiat James Aspen aus dem britischen Winchester verbringt gerade ein Semester an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart. Ob sein Land in absehbarer Zeit überhaupt noch dabei ist - nach dem Brexit?

"Für uns ist das eine große Blamage. Ich habe eine Menge Freunde, die mit Erasmus im EU-Ausland waren, dabei wichtige Erfahrungen gesammelt haben, in Deutschland, in Spanien. Wenn unser Land da nicht mehr dabei ist, wäre das ein großer Verlust."

Die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit hin zu mehr Weltoffenheit hält der junge Brite für ein ganz bedeutsames Element seines Auslandsemesters.

"Das ist sehr, sehr wichtig. Ich sehe mich selber als sehr weltoffen an, will daher im Ausland viele Erfahrungen sammeln. Und für andere Studierende ist das ja genauso wichtig."

Großbritannien in irgendeiner Form, trotz Brexit, bei Erasmus  halten, darin sieht Professorin Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, eine ganz wichtige Aufgabe:

"Unbedingt, unbedingt. Und die britischen Hochschulen sehen das auch so. Sie sehen, dass Erasmus unbedingt bei Erasmus weiter machen wollen. Die Verhandlungen werden ja geführt. Und es sieht sehr aus, als ob das Programm weitergeführt werden kann ..."

Möglicherweise aber nur dann, wenn die britische Regierung die anfallenden Kosten zukünftig selbst finanziert, so ähnlich wie die Schweiz, die 2014 wegen ihrer Volksentscheids gegen die Personen-Freizügigkeit aus der Erasmus-Förderung gekippt wurde.

"Es sieht ganz positiv aus in den Verhandlungen mit Großbritannien. Es ist letzten Endes eine Frage der Finanzierung. Wenn die bereit sind, das zu zahlen, ist das weniger problematisch."

Verhindert Erasmus Extremismus?

Und dann gibt es noch einen weiteren Wackelkandidaten, dessen Verbleib im Erasmus-Programm ungewiss ist:

Erasmus-Studierende werden später niemals als extremistische  Selbstmord-Attentäter von sich reden machen - unvorstellbar, glaubt Hül Gül von der Nationalen Bildungsagentur der Türkei. Trotz aller Spannungen mit der EU wolle sein Land weiter an dem Programm festhalten. Allerdings:

"Seit dem 15. Juli, also seit dem Putschversuch in der Türkei, haben wir eine rückläufige Tendenz an EU-Studierenden, die im Zuge von Erasmus in die Türkei kommen wollen. Das liegt meiner Meinung an den Terroranschlägen. Ja, das ist die Ursache. Ich glaube nicht, dass diese rückläufige Tendenz etwas zu tun hat mit den Spannungen zwischen EU und der Türkei."

Zahl der Erasmus-Aufenthalte in der Türkei rückläufig

Möglicherweise allerdings verbringen EU-Studierende ungern  ein paar Semester in einem Land, dessen Staatspräsident laut über die Wiedereinführung der Todesstrafe nachdenkt. Margret Wintermantel als DAAD-Präsidentin sieht dann auch im Wandel der Türkei hin zu einem autoritären System einen deutlichen Bremsklotz für alles, was mit Austausch zu tun hat.

"Wir haben ein Problem mit der Mobilität der Wissenschaftler, klar. Viele der Wissenschaftler, mit denen wir kooperiert haben, haben Probleme, nach draußen zu kommen."

Umso wichtiger sei es, die Türkei trotz aller Schwierigkeiten im Erasmus-Programm zu halten - allen politischen Verwerfungen zum Trotz.

"Ich halte das für sehr wichtig. Für uns ist die Türkei ein ganz wichtiges Partnerland. Und wir müssen diesen Austausch international aufrecht erhalten", so Wintermantel.

Forderung nach mehr Mitteln für Erasmus

Schließlich wurde auf der Erasmus-Tagung in Heidelberg noch eine weitere Forderung laut, die die grüne baden-württembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer kurz und bündig mit ihrer Forderung auf den Punkt bringt:

"Einfach mehr Mittel für Erasmus."

450 Millionen Euro stellt die europäische Union pro Jahr für das Austauschprogramm zur Verfügung. Doch das reichte, so DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel, längst nicht aus, um wirklich allen Anträgen auf ein Erasmus-Stipendium stattgeben zu können:

"Tatsächlich ist die Nachfrage viel höher als unsere Möglichkeiten."

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