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StartseiteKultur heuteZum Tod des Historikers Gordon Craig02.11.2005

Zum Tod des Historikers Gordon Craig

Michael Stürmer im Gespräch

Der amerikanische Historiker Gordon A. Craig, der - wie jetzt erst bekannt wurde - am Wochenende in Kalifornien gestorben ist, kannte Deutschland vielleicht so gut wie nur wenige Deutsche selbst. Vielleicht brauchte es tatsächlich diesen in Schottland geborenen Amerikaner, um den Deutschen zu erklären, was sie im 20. Jahrhundert angerichtet haben - und warum. Niemals belehrend, aber auch nie teilnahmslos. Als 1980 in Deutschland Gordon Craigs Buch "Deutsche Geschichte 1866-1945" erschien, schrieb der deutsche Historiker Michael Stürmer darüber unter anderem, dies sei "die wichtigste Gesamtdarstellung des deutschen Nationalstaates, die seit langem erschien".

Moderation: Stefan Koldehoff

Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)
Das Konzentrationslager Auschwitz (1945) (AP Archiv)

Stefan Koldehoff: Herr Professor Stürmer: Sie haben bei Gordon Craig studiert: Hat er ihnen jemals erzählt, woher seine Faszination für Deutschland und die Deutschen rührte?

Michael Stürmer: Das war im Grunde genommen ganz einfach, das fing gar nicht mit deutschen Gemütsregungen an, sondern es fing mit dem Office for Strategic Studies an, also Vorläufer des CIA, für die Gordon Craig im Krieg gearbeitet hat. Ein patriotischer Amerikaner, er war bei den Marines, hatte in Princeton Geschichte studiert, war also auf dem Weg, etwas zu werden und statt eine Habilitationsschrift zu schreiben wie das in ordentlichen Friedenszeiten geschah, hat er nach dem Satz 'know your enemy' den Auftrag bekommen, über die Psychologie und die Befehlsart, Taktik und Strategie, Befehlstaktik, alle diese Dinge, der preußisch-deutschen Armee zu schreiben. Und das hat er getan für psychologische Offiziere.

Die Amerikaner waren ja im Gegensatz zum heutigen Fall im Irak hervorragend vorbereitet auf Deutschland und haben unter anderem Gordon Craig, der damals natürlich noch kein bekannter Historiker war sondern ein junger Adept, wahrscheinlich ohne Namen, haben Gordon Craigs Analysen studiert. Die waren natürlich nicht so feinfühlig, Krieg ist nicht die Zeit, um furchtbar feinfühlig zu sein, er hat natürlich mit dem Kopfschütteln des Mannes, der aus Schottland kommt, vom Meer umschlungen und aus Amerika, ebenfalls vom Meer umschlungen, hat sich natürlich gefragt: warum sind die Deutschen eigentlich so soldatenbesessen?

Erst sehr viel später ist ihm aufgegangen, dass wenn man in der Mitte eines Kontinents sitzt, von freundlichen und unfreundlichen Nachbarn umgeben, dass man dann Soldaten braucht und dass die Erfahrung des 30-jährigen Krieges, die ja noch tief ins 19. Jahrhundert hineingewirkt hat, dass die den Deutschen natürlich ein Riesentrauma gegeben haben und sie gesagt haben: Also ehe die anderen uns ausplündern, machen wir lieber hier eine anständige Armee.

Koldehoff: Trotzdem hat er so etwas wie Generalisierungen, Stigmatisierungen, einen angeblich angeborenen Hang der Deutschen zu Autoritätsgläubigkeit, Militarismus, Aggression immer abgelehnt. Wie passt das zusammen?

Stürmer: Er hat das mit der Zeit mehr abgelehnt und er hat ja auch in Berlin gelebt. Und wenn man in Berlin, wo die Mauer gerade ein Jahr alt war, Gastprofessor war wie er, dann konnte man nicht umhin sich zu fragen, speziell wenn man einen historisch ausgerichtete Geist hat: Was sind eigentlich die geopolitischen, die geostrategischen Bedingungen dieses Deutschlands? Und dann kommt man zu vielen anderen Schlussfolgerungen.

Wissen Sie, ein Land wie Amerika hat einmal eine große Katastrophe gehabt, das war der Bürgerkrieg. Der war ein Kinderspiel gegen die Schäden des 30-jährigen Krieges, spanischer Erbfolgekrieg, alle diese Dinge. Ein absolutes Kinderspiel. Und den Bürgerkrieg in Amerika haben die Amerikaner über hundert Jahre nicht vergessen, der ist wirklich erst mit dem ersten Südstaatler, das war Johnson, als der Präsident wurde, ist das einigermaßen überwunden worden. Und das hat Gordon Craig natürlich dann durch Erfahrung am Ort mit Menschen übertragen und dann hat er die Deutschen immer mehr gemocht - am Ende seines Lebens sah er ja aus wie Kaiser Wilhelm I. mit dem Backenbart und er bewegte sich auch würdevoll als nähme er eine Parade ab. Wir haben öfters mal einen Spaziergang gemacht, wenn wie bei seinem Verlag C.H. Beck in München waren, das war manchmal fast erheiternd.

Koldehoff: Er hat in seinem Buch "The Germans - Über die Deutschen" versucht, vor allem den amerikanischen Lesern zu erklären wie ein und dasselbe Volk großartige kulturelle und zivilisatorische Leistungen hervorbringen konnte, aber eben auch Adolf Hitler. Welche Erklärungen hat er dafür gefunden?

Stürmer: Das ist die große seelische Krise des späten 19. Jahrhunderts, die Krise Europas, die Krise der deutschen Geistigkeit, darüber hat Friedrich Nietzsche, den Gordon Craig ja sehr genau studiert hat, sehr viel geschrieben und die goldene Zeit der Jahrhundertwende, die ja nicht nur Dekadenz war, sondern die auch ein ungeheurer Optimismus war - Stefan Zweig hat das alles beschrieben.

Gordon Craig war ein literarisch ungeheuer gebildeter Mann. Wäre das nicht abgestürzt in diesen erst Großen Krieg genannten Krieg, der dann zum Weltkrieg wurde und der nicht drei Monate dauerte sondern viereinhalb Jahre dauerte, wäre das nicht gekommen, hätte Hitler nie eine Chance gehabt. Hitler kam aus der absoluten Gosse und im Bismarck-Reich wäre er ein Landstreicher gewesen, irgendwo verkommen und genauso im Franz-Josephinischen Österreich.

Es war sozusagen als die ganze Welt Europas, die bürgerliche Welt, auf dieses Niveau des Männerheims heruntergekommen war, da hatte ein Mann mit den Straßenhundinstinkten, diesen Hyäneninstinkten eines Hitler eine Chance. Und die hat er genutzt. Und dann kamen natürlich die Nachkriegskrisen dazu, die völlige Zermürbung des Bürgertums durch die Inflation, die Zermürbung der Arbeiterbewegung durch die Massenarbeitslosigkeit, die Zermürbung der Bauern durch die Agrarkrise - es war ja keine Gruppe in Deutschland ausgespart von diesen Abgrundängsten und da wandte sich ein Teil der Deutschen den Kommunisten zu, die damals nicht irgendwelche harmlosen linken Spinner waren sondern das waren Stalins Kommunisten und ein wesentlich größerer Teil Hitler und am Ende waren die armen Demokraten alt, passiv, kalt und allein und es waren nicht mehr sehr viele.

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