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Zwischen Weltbeobachtung und Projektion

Marc Fischer: "Die Sache mit dem Ich", Kiepenheuer & Witsch Verlag

Von Cornelius Wüllenkemper

Marc Fischer findet erzählenswerte Geschichten auch dort, wo eigentlich nicht viel passiert.
Marc Fischer findet erzählenswerte Geschichten auch dort, wo eigentlich nicht viel passiert. (Stock.XCHNG / Nicole McDaniel)

Als Autor des Popjournalismus hat sich Marc Fischer einen Namen gemacht. In seinen jetzt posthum erschienenen literarischen Reportagen "Die Sache mit dem Ich" entdeckt er noch in der unspektakulärsten Begebenheit die Rätselhaftigkeit der Welt.

Was macht einen guten Reporter aus? Wie erzählt man eine gute Geschichte? Marc Fischer wusste es. Bereits mit Mitte zwanzig wurde er zu einem der prägenden Autoren des deutsche Magazins "Tempo", das sich den "new journalism" auf die Fahnen geschrieben hatte. Wie bei den amerikanischen Vorbildern Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson ging es hier nicht um formvollendete Kulturreportagen oder ausrecherchierte Enthüllungsstorys, es ging auch nicht um intelligente Analysen des Zeitgeistes. Autoren wie Christian Kracht, Maxim Biller oder Uwe Kopf fanden in "Tempo" ein Medium, in dem der Reporter nicht länger nur als Chronist oder Berichterstatter fungierte. Vor allem ging es um sein "Ich", seine Haltung und seine Sicht auf das Geschehen. Er war nicht länger Beobachter, sondern Teil der Szene, die er beschrieb - seine Anwesenheit machte die Geschichte, die er erzählte, erst zu einer Geschichte. Marc Fischer beherrschte diese Ich-bezogene Disziplin zwischen Journalismus und Literatur so meisterhaft, dass er auch nach dem Ende von Tempo 1996 sein Geld damit verdiente, für die großen Magazine und Tageszeitungen Geschichten zu schreiben über seine Begegnungen mit Berühmtheiten oder Unbekannten, über sein Leben und Reisen als Reporter und Privatmensch. Mit aller Leidenschaft war er das, was er im jetzt erschienen Reportage-Band "Die Sache mit dem Ich" einen "Mietreporter" nennt.

Ich will Sie hier nicht mit Branchengeschwätz nerven, aber unter Mietreportern meines Typs kursiert seit Jahren eine Liste mit Prominenten, die sich kaum ein Mensch freiwillig zum Interview aussuchen würde – zu anstrengend, zu banal, zu aussichtslos.

Wo das verpatzte oder schlicht uninteressante Treffen mit einem Star jeden Redaktionsvolontär in peinliche Verlegenheit bringen würde, macht Marc Fischer genau daraus den Kern seiner Geschichte. Er führt dem Leser sein eigenes Scheitern als Reporter geradezu genüsslich vor: sei es das Treffen mit dem REM-Sänger Michael Stipe, bei dem Fischer die einzige interessante Frage nicht zu stellen wagt. Oder beim Interview mit der Schauspielerin und Sängerin Jennifer Lopez, die nach nur wenigen äußerst unpassenden Fragen entnervt das Gespräch abbricht. Auf wenigen Seiten demontiert Fischer mit beschwingter Leichtigkeit nicht nur sich selbst als Reporter, sondern auch sein Gegenüber und damit gleichsam die Glitzerwelt der Prominenz. Fischers literarische Reportagen, oder Reportage-haften Short-Storys, werfen stets einen wohlwollenden Blick auf die rätselhafte Welt, egal ob es um wirre Gestalten der Berliner Künstlerszene geht, um einen japanischen Yakuza-Mafioso, oder das Sommerfest der Partei Die Linke. Auch vom missratenen Versuch, in einem Restaurant eine fremde Frau anzusprechen, lässt Marc Fischer sich nicht die Laune verderben.

Ich stellte mich vor und sah sie an. "Das Problem", sagte ich dann zu ihr, "ist, dass diese Welt so gebaut ist, dass ich Sie anlügen muss. Die Welt will, dass ich Ihnen alle möglichen Komplimente mache, mich beherrsche und den Grund verleugne, warum ich hier vor Ihnen stehe. Ich habe nun beschlossen, mit den Gesetzen der Welt zu brechen und Ihnen den wahren Grund zu verraten – für Sie für mich, für die Welt. Der ist, dass ich nur noch daran denken kann, Sie anzufassen, seit ich Sie sah. Es wäre mir das allergrößte Vergnügen! Gehen wir jetzt?"
Stille.
Meine Freunde sahen mich an. ... Alle im Restaurant sahen mich an. Die Welt mit ihren seltsamen Verabredungen und Regeln und todbringenden Gesetzen sah mich an.
Nur sie nicht. Sie sagte "Danke, aber: nein Danke".
Ich bin der Typ, der sie anspricht. Dass ich auch der Typ bin, bei dem sie Ja sagen, habe ich nie behauptet.


Diese Weltschau des bewussten Scheiterns trieb Marc Fischer so weit, dass er in seinem 2011 erschienene Buch "Hobalala" ausschließlich über die Erfolglosigkeit seiner Suche nach dem Gitarristen und Sänger João Gilberto in Brasilien berichtete. Auch in den 43 Reportagen in "Die Sache mit dem Ich" geht es weniger um das Erlebte selbst als um das "wie" des Erlebens. Fischer stellt eine enge Verbindung her zwischen seinem Erzähler-Ich und dem Leser, indem er ihn Schritt für Schritt an der Entstehung der Geschichte, an der Formung seiner Eindrücke und Empfindungen zu einer Haltung gegenüber dem Geschehen teilhaben lässt. Noch in der unspektakulärsten Begebenheit entdeckt Fischer die Rätselhaftigkeit der Welt, stellt sie mit einem Glanz dar, und der stetigen Überzeugung, dass genau dieser Augenblick etwas Besonderes sei. Fischer jagt dem "Liz-Hurley-Gefühl" hinterher, das die Schauspielerin Elisabeth Hurley seiner Meinung nach 1994 bei der Premierenfeier zu "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" verspürt haben muss, als sie in einem aufregenden Kleid ihren damaligen Freund Hugh Grant begleitete.

Was es beschreibt, ist ganz einfach: den Gefühlszustand, in dem sich Liz Hurley befunden haben muss, als sie mit diesem Kleid auf die Party ging, den Moment, in dem sie dachte: Ladys and Gentlemen – ich bin Liz Hurley, verdammt noch mal, und nach diesem Abend wird die Welt für Euch und für mich eine andere sein, für immer. Das Liz-Hurley-Gefühl ist also ein Gefühl des Glücks und der Ekstase – und immer wenn sich einer von uns glücklich oder ekstatisch fühlte, sagte er: "Ich glaube, ich habe gerade ein Liz Hurley Gefühl."

Dieses Gefühl der Ekstase, mit der Fischer seine Welt wahrnimmt, macht einerseits die Stärke seiner Geschichten aus. Andererseits setzt dieses ekstatische Erleben ein stetig angespanntes Ich voraus, nötigt den literarischen Reporter dazu, mit ganzer Überzeugung erzählenswerte Geschichten auch dort zu entdecken, wo eigentlich nicht viel passiert. Woraus dieses Hochspannungs-Ich lebt, beschreibt Fischer in der letzten der Geschichten von "Die Sache mit dem Ich", der "Reise ins Ich", über die "Fischerwelt", wie er sie nennt, dem einzigen Ort, an dem er Ruhe findet:

Darum ist es immer tragisch, wenn ich nach einiger Zeit wieder heraus muss aus der Fischerwelt, weil die Welt draußen meine Anwesenheit verlangt. Besonders kurz nach der Rückkehr sind nur Leere und Trauer in meinem Gesicht. "Hallo, jemand zu Hause?", solche Fragen stellen mir meine Freunde dann, während sie mit ihren Fäusten sanft gegen meinen Kopf hämmern.
Ich schiebe es meist auf die Zeitumstellung.


Wer Marc Fischers posthum erschiene Reportagen heute liest, tut dies immer auf dem Hintergrund seines plötzlichen, selbst gewählten Todes im April 2011. Die Welt hat mit ihm einen hoch talentierten Autor verloren, dessen zwischen Weltbeobachtung und Projektion tanzende Ich-Geschichten so wirken, als stünde man mit ihm gut gelaunt an einer Bar, und ließe sich von seinen Erzählungen fesseln, ganz gleich ob sie erfunden oder wahr sind.

Marc Fischer: Die Sache mit dem Ich. Reportagen.
Kiwi, Paperback 2012, 301 Seiten, 14,99 Euro



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