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StartseiteSonntagsspaziergangRaus in die Natur mit Klampfe und Rucksack13.11.2016

115 Jahre "Wandervogel"-BewegungRaus in die Natur mit Klampfe und Rucksack

Am 4. November 1901 wurde im Berlin-Steglitzer Ratshauskeller der "Ausschuss für Schülerfahrten" gegründet, der sich später in "Wandervogel" umbenannte. Die Bewegung wendete sich gegen den Zucht- und Ordnungssinn und wurde nicht ohne Grund von den Nazis aufgelöst. Dennoch: Auch heute noch sind die Wandervögel aktiv.

Von Peter Kaiser

Ein Wanderer steht am 19.05.2015 in der Nähe von Rathen (Sachsen) auf einem Felsen in der Nationalparkregion Sächsische Schweiz und schaut zur Bastei hinüber, im Hintergrund erhebt sich der Lilienstein. (picture alliance / dpa /  Thomas Eisenhuth)
Ein Wanderer steht auf einem Felsen: Die "Wandervögel" gibt es auch heute noch. (picture alliance / dpa / Thomas Eisenhuth)
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- "So, dann würde ich mal sagen, wir gehen jetzt einfach mal los, und kommen aus der Stadtatmosphäre weg. Und gehen dann mal in den Wald."

- "Gut, gut."

Die Wandergruppe ist klein, fünf Männer, drei Frauen. Der Treffpunkt war am S-Bahnhof Berlin-Straussberg, jetzt geht es los zum Wachtelturm zwischen dem Großen und dem Kleinen Stiegnitzsee.

5,5 Stunden sind für die gut 10 Kilometer Strecke angesetzt. Für geübte Wanderer ist das eher moderat. Doch die Wanderer hier sind mehr im reiferen Alter, auch Gerd, der Führer an diesem Samstagvormittag, ist schon Mitte 50. Aus der Baseballkappe auf seinem Kopf ragt hinten ein silberfarbener Zopf hervor.

Es geht eine kleine Steintreppe von der Straße am S-Bahngelände herunter, dann ist die Gruppe im Wald. Schon nach wenigen Minuten Weg bleibt Gerd stehen, zeigt auf den Waldboden.

"Gerade hier jetzt, so auf dem dunklen Untergrund, sehen wir hier mitunter die schönen Kontraste mit den Herbstfarben. Auch, wenn jetzt nicht so das Licht so intensiv ist. Guck mal hier, hier haben wir schon den ersten Pilz."

//Ihr Wandervögel in der Luft,

im Ätherglanz, im Sonnenduft

in blauen Himmelswellen,

euch grüß' ich als Gesellen!//

Diese Zeilen schrieb der Dichter Otto Roquettes 1851 im Gedicht "Waldmeisters Brautfahrt - Ein Rhein-, Wein- und Wandermärchen". Aus dem Gedicht wurde später der Leadsong, wie man heute sagen würde, der Steglitzer Wanderer. Die gründeten am 4. November 1901, also vor 115 Jahren, im Ratskeller des Steglitzer Ratshauses den "Ausschuss für Schülerfahrten e.V.". Weil sich das wenig romantisch und schon gar nicht nach verwegenen Abenteuern anhörte, wurde daraus: "Der Wandervogel". Im Wandervogel-Archiv des Kulturamtes Steglitz sind noch alte Liederbücher, Plakate und Ausstellungsutensilien zu finden. Dort blättert Winfried Mogge, Ex-Wandervogel, Journalist und Historiker in einem der Liederbücher.

"Das Wichtige beim Durchblättern dieses Bandes hier ist, dass man erkennt, dass diese Wandervogel-Bewegung, also die erste Welle der Jugendbewegung, die Liederbücher des 19. Jahrhunderts, und die Studentenliederbücher ausgebeutet und ausgewertet hat für sich."

Eines dieser ausgebeuteten Liederbücher ist der "Zupfgeigenhansel". Die Erstausgabe war vor dem 1. Weltkrieg, doch es wird noch heute nachgedruckt. Und mehr noch: Nach dem Liederbuch nannte sich dann auch eine kleine Band "Zupfgeigenhansel", die auch diese Lieder und Volkslieder speziell gesungen hat.  

"Der Verein ist ja nicht aus dem luftleeren Raum entstanden, es gibt einen langen Vorläufer einmal von Schülerwandervereinen. Seit den 1890er-Jahren machten Schüler und Studenten an den Gymnasien freiwillige Wandergruppen, die sich zusammenschlossen. Und in diesen naturbegeisterten Gruppierungen, dann aber auch in einer allgemeinen bürgerlichen konservativen Reformbewegung, da entstand die Wandervogelbewegung. Und ich sage das jetzt mal überspitzt, als eine pädagogisch eingehegte Nachwuchsorganisation bildungsbürgerlicher Reformvereine."

Hintergrund war die Reformbewegung der 1910er-/1920er-Jahre

Das war der große Hintergrund. Die Reformbewegung der 1910er-, 1920er-Jahre. Gesundes Leben, gesundes Essen und Bewegung in der reinen Natur – alles Leitmotive der Bewegung.

"Eine große Ideologie oder Ähnliches wird man hinter dieser Wandervogelbewegung nicht entdecken können. Es geht um Freundschaftsbünde, um jugendliche Freiräume, um das Erleben neuer kameradschaftlicher jugendlicher Existenz, die sich dann austobt in dem, was man dann noch als Natur zu finden glaubte." 

Schnell wuchs die Bewegung zu fast einer halben Million Mitgliedern, die sich in regionalen Wandervogelbünden organisierten. Und waren die Bünde anfangs noch männlich dominiert, kamen bald auch Mädchen, Frauen hinzu. Was uns heute lächeln lässt, war in der muffig-strengen Kaiserzeit ein Novum mit Folgen. Denn daraus folgt ein ungeheurer emanzipatorischer Schub für die Mädchen und Frauen, die

dann in dieser Bewegung mit dabei sind. Wenn man autobiographische Aufzeichnungen dieser Frauen liest, dann war das ungeheuer.

Mit Klampfe, also Gitarre, Wanderschuhen, Mütze und Rucksack ging es in die nächstliegende Natur. Oder in ein Nest.

"So ein Wandervogel hat natürlich auch ein Nest. Wo man dann entweder in der Stadt, in einem Turm oder möglichst altem Gebäude oder ein bisschen draußen auf dem Lande, in einem aufgelassenen Bauernhaus oder in einer alten Försterei, die nicht mehr genutzt wurde, sich ein Heim schlicht eingerichtet hat. Fast spartanisch eingerichtet hat, dort beisammen war, gesungen hat, getanzt, gekocht, gespielt, sich gefreut hat am Beisammensein. Und aus den Tagesfahrten, Wochenendfahrten, wurden dann wochenlange Exkursionen in urwüchsige Gegenden, wo man noch Natur zu finden glaubte."

Wie das gewesen war, erinnert Regine Kraus aus den Erzählungen ihrer Mutter, die mit deren Großvater und Eltern wanderte.

"Die sind also jedes Wochenende mit der Bahn rausgefahren nach Bernau. Und dann sind die immer gelaufen nach Langerönne in so ein Tal mit ihren Kindern. Die wurden alle angezogen mit Wanderschuhen, einen kleinen Rucksack, hatten ihren Proviant dabei. ein Opa hatte eine Laute und ist immer vorneweg spaziert und hat Wanderlieder gespielt. Und die haben dazu gesungen. Und dann sind die da hingewandert, jeden Sonnabend oder Sonntag, haben Picknick gemacht, wieder alles eingepackt, abends wieder zurück. Das war so Mitte/Ende der 20er-Jahre, da haben die das gemacht. Meine Mutter hat mir das erzählt."

Und wie hat sie davon erzählt? Freudig?

"Ja, war schön, sie erzählt es gerne immer wieder. Und vor allem erzählt sie auch, es beinhaltete auch, die Liebe zur Natur zu lernen. Und vor allem auch, nie irgendetwas zu hinterlassen."

Nazis forderten zur Eingliederung in die Hitlerjugend auf

In den 1933-Jahren war dann mit der Freiheit Schluss.

"Die Mehrzahl der Bünde begrüßt 1933 die Machtergreifung. Begrüßt speziell den Monopolanspruch der Hitlerjugend. Und ruft ihre Mitglieder auf, sich nun in die große nationalsozialistische Volksbewegung und in die große Hitlerjugend einzugliedern."

Doch nicht alle.

"Einige Mitglieder der "Weißen Rose" sind Mitglieder der bündischen Jugend gewesen, ja. Und es ist makaber, aber die Gruppierungen, die sich vorher fast nicht kannten, katholische, evangelische jugendbewegte Leute, sozialistische und bündisch jugendbewegte Leute sehen sich im KZ mit denselben Schicksalen als Gegner des Nationalsozialismus, auch das gehört dazu."

Nach dem Krieg ersteht der "Wandervogel" wieder. Bis heute. Nur dass sich, wie in Berlin, die Gruppen oft aus Ehemaligen zusammensetzen.

Frau in der Wandergruppe: "Ich bin ein Wandervogel, ja. Mein großer Traum ist, von Polen bis nach Spanien zu laufen, so richtig ein halbes Jahr lang. Es ist total schön, mit den Füßen die Welt zu erlaufen."

Wie war das früher mit den Wandervögeln?

"Das war schön, Gleichgesinnte zu treffen und sich mit denen auszutauschen, Erlebnisse zu teilen. Und in der Natur zu sein, zu Atmen draußen."

"Die Gruppe, der du dich angeschlossen hast, das sind ehemalige Wandervögel. Das sind ehemalige Wandervögel. Ich finde es sehr interessant, auch von ihnen zu lernen, die vielen Details, die sie in der Natur erkennen, die ich nicht so erkennen würde. Ob es jetzt um Pilze geht oder um Vögel, da weiß der Gerd sehr viel Bescheid. Da weiß man als Stadtpflanze eigentlich nicht, was man sieht."

Man kann das belächeln, mit Filzhut und Klampfe durch Wald und Flur zu ziehen, es wirkt unzeitgemäß. Doch als sich am Ende der Wanderung, zumindest der zum Wachtelturm, matte Zufriedenheit einstellt, körperlich wie geistig, erkennt man das tiefere Ziel der "Wandelvögel". Damals wie heute.

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