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15 Jahre iPod
Der Preis der Datenreduktion

Mit dem iPod begann der Siegeszug der digitalen Musikabspielgeräte, mit denen man seine komplette Musiksammlung jederzeit greifbar hat, auch wenn das Prinzip durch Smartphones längst überholt ist. Dass solche Datenmengen verfügbar sind, ist vereinfacht gesagt eine folge der MP3-Technologie. Und das hat – Stichwort Datenreduktion - Folgen für das Hörerlebnis.

Moritz Sauer im Gespräch mit Fabian Elsäßer | 22.10.2016
    Ein iPod Modell der vierten Generation aus dem Jahr 2004.
    Ein iPod Modell der vierten Generation aus dem Jahr 2004. (KAZUHIRO NOGI / AFP)
    Elsäßer: "Go for it" – Mach es einfach, lautete die amerikanisch-knappe Handlungsanweisung von Steve Jobs an seinen Entwickler Jon Rubinstein, als der ihm im Februar 2001 eine winzige Festplatte zeigte. Aus der wurde dann schließlich der ipod, und den stellte Jobs fast auf den Tag genau heute vor 15 Jahren der Weltöffentlichkeit vor. Inzwischen ist es ja völlig normal, dass man ganze Musikbibliotheken auf seinem Smartphone mit sich herumträgt oder aus der Cloud saugt, Stichwort Streamingdienste, aber diese Entwicklung ließ sich damals nur erahnen. Der iPod – inzwischen ist die Produktion ja eingestellt worden – konnte verschiedene Datenformate abspielen, meistens dürften sich die Nutzer aber für die datenreduzierten mp3s entschieden haben –passt einfach mehr drauf. Im Studio ist jetzt der Kölner Journalist, Webdesigner, Dozent, kurz gesagt: Internet-Experte Moritz Sauer, guten Tag!
    Moritz Sauer: Hallo.
    Elsäßer: Herr Sauer, 2016 könnten wir eigentlich technisch-qualitativ so hochwertig Musik hören wie nie zuvor, aber der Trend scheint gegenläufig zu sein: Das Hören datenreduzierter Musik hat sich durchgesetzt. Liegt das nur am iPod?
    Sauer: Also generell muss man das ja immer differenzieren. Also ich denke, es gibt immer noch genügend audiophile Menschen, die Musik gerne hochqualitativ hören, dazu gibt es auch FLAC-basierte Streamingdienste, die also in CD-Qualität, unkomprimiert das ganze übertragen. Aber die meisten Jugendlichen, die wollen eben viel dabei haben und Festplattenspeicher kostet auch nichts mehr und dann kopiert man das eben schnell. Man kann das eben auch noch sortieren mit diesen ganzen ID-Tags, also diesen Kürzeln, und dann findet man seine Musik sehr schnell und das ist einfach viel besser als in der CD-Sammlung zu kramen.
    Elsäßer: Da kann man aber schon sagen, das wäre ohne den iPod nicht so gekommen?
    Sauer: Ne, ohne den iPod, ohne die MP3-Player wäre das nicht so gekommen. Aber ich denke Technik lässt sich nicht aufhalten.
    "Es rauscht einfach mehr durch"
    Elsäßer: Wie verändert das unser Musik-Erleben, dieses Vorherrschen der Datenreduktion?
    Sauer: Also ich denke das Musik-Erleben ist heute so ein bisschen wie Wasser aus der Leitung: Man vergisst eigentlich, wie hochqualitativ das ist. Es rauscht einfach mehr durch, dadurch, dass man einfach viel mehr Zugang hat, man kann Musik viel schneller kopieren. Ich erinnere mich, in meiner Jugend, das war drei CDs im Monat zu kaufen, dann war Schluss, dann war das Taschengeld alle. Heute brauch ich nur Kollegen, die einfach die Festplatte mitbringen und tauschen oder ich öffne mir einen Streamingdienst, der mir wirklich dann 40 Millionen Songs eröffnet. Und das ist natürlich in meinen Augen großartig, ich denke das verändert erst dann das Musikempfinden, wenn man das auf schlechten Lautsprechern hört, wie zum Beispiel Smartphones.
    Elsäßer: Dennoch, die Reduktion an sich. Ist das wirklich etwas, das man hören kann? Klingt es wirklich schlechter oder ist das eigentlich so eine Frage, die nur Technik-Nerds mit extrem gespitzten Öhrchen beantworten können?
    Sauer: Also es kommt einfach auf die Kompression an. Vielleicht kennen die einen oder anderen das auch von Bildern, die man im Internet runterlädt: Manche, die sind so Artefakte, da sehen die Leute älter aus und manche sind superscharf. Und man kann eben diese Kompression stufenlos verändern. Und wenn man eben viel auf dem iPod drauf haben will, dann komprimiert man eben viel, da geht eben sehr viel verloren und das hört man. Auf jeden Fall auch normale Ohren, wenn man den Vergleich macht. Es wird so klirrend, man kennt das vielleicht auch vom Telefongespräch. Da wird ja auch die Datenreduktion eingebaut. Auch heute verstehe ich die Leute über Telefon schlechter als früher und man kennt vielleicht wenn sich so die Stimme verändert bei der Smartphone-Übertragung, dann greift ganz krass diese Datenreduktion ein und das kann natürlich mit der Musik auch passieren.
    "Mehr Möglichkeiten, als je zuvor"
    Elsäßer: Wie haben denn Musikproduzenten und Künstler auf diese Hörgewohnheiten reagiert?
    Sauer: Ja die haben eigentlich mehr Möglichkeiten als je zuvor in noch höherer Qualität aufzuzeichnen und auch da muss man wieder sagen, bei der Klassik denke ich, die werden weiterhin exquisit aufnehmen weil das will der Zuhörer. Und sag ich mal, Dance-Produzenten, das muss einfach nur Bum machen, das muss knallen. Und wenn man das sozusagen in so einer Software öffnet, dann sieht man auch, dass die Wellenform eigentlich so ein fetter Balken ist.
    Elsäßer: Das ist oft so, wenn man das runterlädt. Wir sehen das ja auch hier bei der Studiovorbereitung, das ist dann ein Block.
    Sauer: Genau, das ist null Dynamik, das ist einfach nur, damit es laut ist, damit die Leute aufschrecken und zuhören.
    Vinyl wieder im kommen
    Elsäßer: Gibt es denn Gegentrends? Also hin zum 'schönen hören', hin zum hochqualitativen hören. Sie haben vorhin schon die Streamingdienste, die in höherer Qualität anbieten erwähnt. Aber sonstige Gegentrends?
    Sauer: Witzigerweise kommt Vinyl wieder zurück. Also 2015 sind ungefähr 2,3 Millionen Platten wieder verkauft worden, also das war mehr als in den Jahren davor. Und es gibt auch wieder viel Konzerne, wie Panasonic zum Beispiel, die bringen ihren alten, klassischen Technics Plattenspieler - der damals schon 1200 Mark gekostet hat - den bringen die zurück. Der kostet jetzt 3400 Euro, weil der in Kleinstückzahlen produziert wird. Aber das machen die deswegen, weil auf dem Schwarzmarkt oder bei eBay wurde der immer noch verkauft und immer noch getauscht und die haben gesehen, da ist einfach Bedürfnis, dass die Leute qualitativ sich zurücklehnen wollen, ne Platte auflegen wollen und Musik genießen wollen und nicht nur einfach Download à la Carte, ein Stück raus und das nächste und das nächste.
    Elsäßer: Datenreduktion, das Problem gibt es ja nicht erst seit der MP3, es gab schon vorher diesen Loudness War Trend, alles immer lauter zu produzieren und auch dieses Anheben der Lautheit führt zur Kompression, also Reduktion. Wir haben uns ja vor der Sendung kurz unterhalten und da hab ich sie gefragt, wer produziert heute noch schön und da sagten Sie "Daft Punk". Was macht das für Sie zu einem Beispiel für gut produzierte Musik?
    Sauer: Daft Punk ist Disco-Musik, muss man natürlich sagen. Auch die muss laut sein. Aber die haben sich ihren Status erarbeitet und die machen nur noch Dinge, die sie wirklich genießen und haben dann eben auch hochwertige Leute in ihr Studio eingeladen. Da merkt man einfach, da will jemand einen bestimmten Sound haben und der poliert den so lange, dass das einfach super klingt und die Leute auch dann in der Disco sagen, wow, das klingt besser und anders als andere Dinge.
    Elsäßer: Und tatsächlich kann man das im Schnittprogramm ganz gut sehen, da ist noch viel Dynamik in der Spur. Hören wir jetzt beispielhaft zum Abschluss dieses Gesprächs - 15 Jahre iPod und die Folgen - mit dem Journalisten und Internetexperten Moritz Sauer. Herzlichen Dank für den Besuch.
    Sauer: Danke für die Einladung.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.