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StartseiteKalenderblattMaximilian zu Wied-Neuwied - der "rheinische Humboldt"03.02.2017

150. Todestag Maximilian zu Wied-Neuwied - der "rheinische Humboldt"

Er - und nicht etwa Karl May - prägte wie kaum ein anderer das europäische Bild der "Indianer": Der Ethnologe und Naturforscher Maximilian Wied traf auf seinen Reisen nach Süd- und Nordamerika die Ureinwohner und beschrieb eingehend die Tier- und Pflanzenwelt. Seine Berichte einer heute zerstörten Welt können kaum hoch genug geschätzt werden.

Von Irene Meichsner

Ein Denkmal des Naturforschers Prinz Maximilians zu Wied-Neuwied, und des Malers Karl Bodmer vor dem Schlosstheater Neuwied (Thomas Frey/dpa )
Ein Denkmal des Naturforschers Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied, und des Malers Karl Bodmer vor dem Schlosstheater Neuwied (Thomas Frey/dpa )

"Nakt und braun, wie die Thiere des Waldes, standen sie da, mit den großen Pflöcken von weißem Holz in den Ohren und der Unterlippe, Bogen und Pfeile in ihrer Hand. Die Überraschung, ich gestehe es, war nicht gering; hätten sie feindselig gedacht, so war ich von ihren Pfeilen durchbohrt, ehe ich ihre Nähe nur ahnen konnte."

Als Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied 1816 in Brasilien zum ersten Mal einer Gruppe von Botokuden begegnete, stand dieses Naturvolk, ähnlich wie andere Indianerstämme, schon am Rande der Ausrottung. Seine Beschreibung ihrer Lebensweise hat darum unschätzbaren Wert, betont Maximilians Biograph Hermann Joseph Roth: "Das sind Standards der Völkerkunde, Klassiker bis heute. Denn wenige Jahre danach waren diese Kulturen schon entweder überfremdet oder ganz zerstört."

Das Bild des "Indianers" schlechthin

Eine besonders nachhaltige Wirkung hatte das Bild, das Maximilian später von den nordamerikanischen Indianern zeichnete, so Hermann Joseph Roth:

"Gehen Sie ins Kino, schauen Sie sich einen der bekannten Filme an: Es ist immer wieder derselbe Indianer, der da auftritt, der Indianer der Prärien und Plains, obwohl es sehr viel andere Indianervölker in Nordamerika oder erst recht auch in Südamerika gibt, aber dieses Indianerbild ist geprägt von dem Indianer, den Maximilian Prinz zu Wied vermittelt hat. Das können Sie in der Literatur verfolgen, bis hin zu Karl May. Oder einfach mit dem, was wir alle mit 'Indianer' schlechthin verbinden."

Pierre Brice als Winnetou (imago/United Archives)Pierre Brice als Winnetou (imago/United Archives)

Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied wurde 1782 als achtes von zehn Kindern im Schloss der Familie am Rhein geboren. Schon während seiner - von den Napoleonischen Kriegen geprägten - Militärzeit träumte er von einer Reise nach Übersee. Um sich darauf vorzubereiten, studierte er ein Jahr lang in Göttingen bei Johann Friedrich Blumenbach, einem berühmten Zoologen und Anthropologen. Dazu Hermann Joseph Roth:

"Und auf den beiden Schienen setzt die Neugier, die wissenschaftliche Neugier unseres Prinzen an. Er fährt rüber, ganz geschult an der Methodik seiner Zeit, die darin besteht, möglichst viele Naturalien zusammenzutragen, sie zu bestimmen und zu ordnen. So dass man also das Bild der konkreten Fauna des bereisten Areals bekommt."

Ein forschender Prinz ohne Standesdünkel

Fast zwei Jahre lang erkundete Prinz Maximilian, den man auch den "rheinischen Humboldt" nannte, zunächst die brasilianische Ostküste. Für seine zweite Expedition, die 1832 bis '34 über die Grenzen der damaligen Vereinigten Staaten hinaus bis ins freie Indianerland führte, engagierte er einen professionellen Landschaftsmaler: Karl Bodmer, dem wir viele phantastische Indianerportraits verdanken. Maximilian näherte sich den Indianern ohne Standesdünkel.

"Man hat vielfältig behauptet", so schreibt er, "die Geistesfähigkeiten der Indianer seien geringer als die der Weißen; allein dies ist jetzt schon hinlänglich widerlegt. Manche unter den Mandans hatten sehr viel Lernbegierde und viel Trieb, etwas Neues über höhere Gegenstände zu vernehmen, und wenn sie nicht so sehr an den von ihren Voreltern ererbten Vorurteilen hängen würden, so würden viele von ihnen leicht zu unterrichten sein."

Dass sich der Prinz über die Strapazen seiner durchaus nicht ungefährlichen Reisen nie beschwerte, hat seinem Ur-Ur-Urgroßneffen, Friedrich Wilhelm Prinz zu Wied (*) besonders imponiert: "Er beklagt sich einmal, dass er drei Tage sein Tagebuch nicht führen konnte, weil ihm die Tinte irgendwo eingefroren wurde. Aber nicht über sich, dass ihm ja logischerweise auch kalt war im selben Raum, sondern nur, dass er sein Tagebuch nicht führen konnte."

Sammlung von über 4.000 Tieren 

Die Drucklegung seiner Reiseberichte finanzierte Maximilian über Subskriptionen – mit Erfolg, so Hermann Joseph Roth: 

"Also bis zum Zar von Russland haben die alle die Bücher schon vorweg bestellt und damit waren sie finanziert. Sie wurden gestaffelt angeboten, mal koloriert, das war natürlich besonders teuer. Oder dann schlichte Schwarz-Weiß-Drucke."

Bis zu seinem Tod am 3. Februar 1867 beschäftigte sich Prinz Maximilian zu Wied-Neuwied mit der Aufarbeitung seiner Notizen und den umfangreichen Sammlungen, die allein über 4.000 Tiere umfassten. Viele Schriften wurden bis heute nicht veröffentlicht, so Hermann Joseph Roth:
"Und dazu gehört als ganz besondere Kostbarkeit, ja, ich möchte fast sagen, aus der hiesigen Perspektive, als Sensation, seine 'Fauna Neovedensis', auf gut deutsch: 'Die Tierwelt von Neuwied'."

Bleibt die tragische Geschichte von "Quäck", einem jungen Botokuden, der Maximilian in Brasilien als Dolmetscher gedient hatte. Der Prinz holte ihn zu sich nach Neuwied, wo er sein Kammerdiener wurde. "Quäck" starb 1834 an den Folgen von übermäßigem Alkoholkonsum wohl aufgrund von Heimweh und Einsamkeit.


(*) Anmerkungen der Redaktion: An dieser Stelle hieß es zuerst Fürst Friedrich Wilhelm zu Wied. Der korrekte Titel ist jedoch Friedrich Wilhelm Prinz zu Wied.

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